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Hat Görlitz eine Drogenszene?

Cannabis und Chrystal sind die beliebtesten Rauschmittel an der Neiße. Handel und Konsum finden hier - anders als in Großstädten - im Verborgenen statt.

Von Daniela Pfeiffer
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Sogenannte Methamphetamine, umgangssprachlich Meth oder Crystal, sind in Görlitz nach wie vor mit die beliebtesten Drogen.
Sogenannte Methamphetamine, umgangssprachlich Meth oder Crystal, sind in Görlitz nach wie vor mit die beliebtesten Drogen. © Archiv/Steffen Füssel

Ein Vater schreibt einen Brief an die Sächsische Zeitung in Görlitz. Darin erzählt er, warum seiner Auffassung nach die Kriminalität in Görlitz am Überschwappen sei, warum es auch viele Jugendliche trifft, die wiederum von anderen jungen Leuten bedroht und erpresst werden.

„Übergriffe auf einzelne Passanten in der Görlitzer Innenstadt sind an der Tagesordnung. Es handelt sich auch stets um dieselben Menschen, die diese Taten begehen und dennoch an den darauffolgenden Tagen an denselben Orten herumlungern, ohne dass sie für Ihre Taten bestraft werden und selbstverständlich so weitermachen“, schreibt er und berichtet weiter, dass es auch seinen Sohn betreffe. „Es begann mit der Forderung von Bargeld, wenn zu wenig vorhanden, dem Raub von Handy und Smartwatch bis zu Körperverletzung. Da ja alles steigerungsfähig ist, stiegen auch die geforderten Geldbeträge. Aktuell verlangen die jungen Burschen 270 Euro.“

Polizeiarbeit als ergebnislos kritisiert

Auch den Söhnen und Töchtern von Bekannten gehe es so. Die Polizeiarbeit sei zwar sehr gut. Er selbst habe diese Erfahrung bereits gemacht. Dennoch ist sie ergebnislos, weil die Täter angeblich allein nach Deutschland kamen und das 18. Lebensjahr noch nicht erreicht haben. Ergebnislos, weil sie in allen Fällen zwar eine Anzeige bekommen, aber immer wieder laufen gelassen werden.

Der Brief hat auch die Polizei erreicht, die den Mann vergeblich zu einem Gespräch eingeladen hat, um mit ihm die Vorwürfe durchzugehen. Denn viel ist da nicht dran, sagt André Schäfer, der Leiter der Stabsstelle Kommunikation bei der Polizeidirektion Görlitz. „Wir können diese Vorwürfe nicht bestätigen.“ Wohl aber, dass es eine kleinere Drogenszene in Görlitz gibt - keine sogenannte offene wie in Leipzig oder Berlin, wo auf öffentlichen Plätzen gehandelt und auch konsumiert wird. Dieses findet in Görlitz alles eher im Privaten, für die Polizei oft unsichtbar, statt.

2021 Anstieg bei Drogendelikten erwartet

„Was wir über die Drogenszene in Görlitz wissen, geht ausschließlich auf unsere eigenen Ermittlungen zurück“, sagt Schäfer. So seien 2020 insgesamt 388 Rauschgiftdelikte erfasst worden. Im Zusammenhang mit diesen kann es dann auch mal zu Erpressung - einer schuldet dem anderen Geld und wenn nicht gezahlt wird, wird demjenigen auch schon mal Handy oder Bargeld abgenommen. Ob dies möglicherweise Vorfälle sind, wie sie der Verfasser des Briefes geschildert hat und ob sie mit Drogenhandel zu tun haben, kann die Polizei nicht sagen.

Vor Schulen kann man auch in Görlitz Drogen bekommen, man müsse nur wissen, wen man ansprechen muss, sagen Schüler. Gerade in den oberen Klassen ist das oft kein Geheimnis. Im Gespräch sind hierbei immer wieder der Marien- und der Wilhelmsplatz.
Vor Schulen kann man auch in Görlitz Drogen bekommen, man müsse nur wissen, wen man ansprechen muss, sagen Schüler. Gerade in den oberen Klassen ist das oft kein Geheimnis. Im Gespräch sind hierbei immer wieder der Marien- und der Wilhelmsplatz. © André Schulze

In jedem Fall geht sie von mehr Drogendelikten im laufenden Jahr aus, für das aber noch keine Zahlen vorliegen. Der erwartete Anstieg hängt mit den Lockdowns zusammen. Die 388 Delikte aus 2020 waren nämlich 52 Fälle weniger als 2019. „Betäubungsmitteldelikte sind Hol-Delikte“, sagt André Schäfer. Heißt: Wer sich Drogen beschaffen oder welche verkaufen will, muss raus, braucht Kontakte. Das war im Lockdown schwerer.

Zu dem erwarteten Wiederanstieg betont die Polizei auch, dass diese Fälle nur die durch die Polizei ermittelten seien. Die Dunkelziffer sei höchstwahrscheinlich deutlich größer. Die beliebtesten Drogen sind nach wie vor Cannabis und Methamphetamin - also Chrystal. Das meiste kommt aus Osteuropa. Sogenannte harte Drogen wie Kokain oder Heroin spielen im Landkreis Görlitz eher eine untergeordnete Rolle.

Ein Thema, was die Polizei in diesem Zusammenhang besonders im Blick hat, sind die Schulen. Immer wieder berichten Schüler, vor allem der Görlitzer Gymnasien, dass offen bekannt sei, von wem man Drogen bekäme, wenn man das wünsche. Diese Personen stünden auch auf dem Marien- oder dem Wilhelmsplatz, man wisse dann schon, wen man ansprechen muss.

Meist schnell wieder auf freiem Fuß

„Wir sind an den Schulen mit unseren Präventionsmitarbeitern präsent, klären auf über Drogenmissbrauch - auch bei Elternabenden, wenn es gewünscht wird“, sagt André Schäfer. Hin und wieder gibt es in solchen Runden auch Hinweise an die Polizei, denen man nachgehe. Gelegentlich verschwinde dadurch der eine oder andere der Drogenverkäufer.

Dass nach konkreten Vorfällen im Zusammenhang mit Drogenhandel oder Erpressung Verdächtige sofort wieder auf freien Fuß gesetzt werden, kommentiert André Schäfer so: „Das stimmt. Nach einer ausführlichen Befragung und der Erfassung aller Daten zur Person werden die mutmaßlichen Täter in aller Regel wieder freigelassen. Es gibt festgeschriebene Haftgründe, anhand deren entschieden wird, ob jemand in Haft muss.“ Dies hänge von der Schwere der Tat und der möglichen Fluchtgefahr ab. Das sei bei den meisten nicht gegeben - vor allem bei Jugendlichen müssten schon sehr schwere Straftaten vorliegen - sodass die allermeisten Gefassten auch bald wieder frei sind, aber natürlich nicht um um die Verhandlung und gegebenenfalls Verurteilung herumzukommen.