merken
PLUS Familienkompass 2020 Görlitz Familienkompass

Beleidigung im Klassenchat

Beim Familienkompass wird deutlich: Mobbing ist an Görlitzer Schulen ein größeres Problem. Und es verlagert sich rasend schnell ins Netz.

Mobbing verlagert sich immer mehr ins Digitale. Da werden Mitschüler im Klassenchat fertiggemacht - oder in sozialen Netzwerken.
Mobbing verlagert sich immer mehr ins Digitale. Da werden Mitschüler im Klassenchat fertiggemacht - oder in sozialen Netzwerken. © René Meinig

Es ist Pause in der Schule. Die Kinder stehen in kleinen Gruppen zusammen, quatschen und lachen. Nur Gregor sitzt allein in seiner Bank, kaut missmutig an seiner Schnitte. Dann wird plötzlich laut gelacht, und alle drehen sich zu ihm um und grinsen. Gregor gehört zu keiner Clique. Manchmal passiert es, dass ein anderer Schüler seinen Ranzen auskippt - nur so aus Spaß. Im Sport wird er als letzter ins Team gewählt. Am schlimmsten aber sind die Anfeindungen in sozialen Netzwerken, die von Beleidigungen bis hin zu Drohungen gehen. Gregor wird gemobbt und traut sich nicht, mit seinen Eltern oder einem Lehrer zu sprechen. Das ist eine fiktive Geschichte.

Doch das Beispiel mit dem erfundenen Gregor gibt es an fast allen Schulen in und um Görlitz. Unabhängig von der Schulart gehört Mobbing zur Tagesordnung - oft unbemerkt von den Erwachsenen. Im Familienkompass der Sächsischen Zeitung wird speziell auch dieses Thema angesprochen. So sollten Eltern eine Aussage zu dem Punkt: „An der Schule meines Kindes gibt es ein Problem mit Mobbing/Gewalt“ geben.

Augusto
Leben und Genuss
Leben und Genuss

Für Genießer genau das Richtige! Leckere Ideen, Lebensart, Tradition und Trends gibt es in der Themenwelt Augusto.

Kinder prügeln sich auf dem Schulhof. Das kann eine harmlose Keilerei sein und die Feinde von heute morgen wieder die besten Freunde sein. Doch wenn es immer gegen denselben Schüler geht, dieser allein dasteht, sich nicht mehr wehrt, ist die Grenze zum Mo
Kinder prügeln sich auf dem Schulhof. Das kann eine harmlose Keilerei sein und die Feinde von heute morgen wieder die besten Freunde sein. Doch wenn es immer gegen denselben Schüler geht, dieser allein dasteht, sich nicht mehr wehrt, ist die Grenze zum Mo © imago stock&people

Die Antworten reichten von „stimme voll zu“ bis „überhaupt nicht zu“. In dieser Kategorie fallen vor allem Antworten aus der Görlitzer Innenstadt und der Südstadt negativ auf. Fast jeder fünfte Teilnehmer gibt hier an, dass es Probleme mit Gewalt und Mobbing an der Schule seines Kindes gibt. 

Björn Törne ist einer von vielen Schulsozialarbeitern, die vom Jugendring Oberlausitz in verschiedenen Schulen des Landkreises eingesetzt sind. Die Schule, in der er arbeitet, will er bewusst nicht namentlich nennen, da doch die Probleme nahezu überall die gleichen sind. Und Cybermobbing sei definitiv etwas, das zunimmt: das Hänseln von Schülern beispielsweise im Whatsapp-Klassenchat oder in den sozialen Netzwerken. "Es gibt so gut wie keine fünfte oder sechste Klasse, wo es nicht Probleme mit den Chatgruppen gibt." In den älteren Klassenstufen gebe es dann schon mehr Erfahrung, mehr Aufklärung und ein größeres Bewusstsein für das, was man da tut.

Schöne, bunte Handywelt - viele Kinder entdecken mit dem ersten Handy, was alles geht. Eltern verlieren da schnell mal den Überblick.
Schöne, bunte Handywelt - viele Kinder entdecken mit dem ersten Handy, was alles geht. Eltern verlieren da schnell mal den Überblick. © Sven Ellger

Aber die Handyanfänger seien mit der Technik völlig überfordert, die Eltern ebenso. Anders kann man es nicht erklären, warum noch immer so viele Kinder keine Sicherheitsschranken in ihren Handys haben und spielend leicht auf Seiten mit unangemessenen Inhalten gelangen können. So etwas dann in die Chats zu importieren, vielleicht auch Mitschüler persönlich anzugreifen, ist dann kein großer Schritt mehr. "Cybermobbing wird uns überall noch mindestens fünf bis zehn Jahre beschäftigen", fürchtet Björn Törne. Es liege nicht mal an zu wenig Prävention, sagt er, sondern daran, dass sich das Phänomen rasend schnell ausbreitet.

Mobbing in der Schulzeit kann zu schlimmen Spätfolgen führen. In der Görlitzer PsBB-Beratungsstelle gibt es immer wieder Fälle, wo eine Ursache für Drogen- oder Alkoholsucht früheres Mobbing war.
Mobbing in der Schulzeit kann zu schlimmen Spätfolgen führen. In der Görlitzer PsBB-Beratungsstelle gibt es immer wieder Fälle, wo eine Ursache für Drogen- oder Alkoholsucht früheres Mobbing war. © imago stock&people

Das Görlitzer Augustum-Annen-Gymnasium und auch die Oberschule Innenstadt waren im vergangenen Jahr von Cybermobbing betroffen - allerdings richteten sich die Beleidigungen und Diffamierungen hier gegen Lehrer. Polizei und Staatsanwaltschaft wurden eingeschaltet, die Präventionsmaßnahmen noch intensiviert. Die Polizei selbst hat Experten für das Thema, die auch regelmäßig vor Schulklassen stehen. Was genau hier die Erfahrungen sind und wie viele Mobbingfälle tatsächlich angezeigt werden, konnte die Polizei in dieser Woche nicht beantworten. 

Auch bei der Bildungsagentur in Bautzen steht Mobbing natürlich im Fokus. "Das Thema spielt immer wieder eine Rolle, auch wenn wir hier nichts mit konkreten Zahlen belegen können", sagt Sprecher Vincent Richter. Die Verlagerung vom Alltags- hin zum Cybermobbing sehe aber auch die Bildungsagentur ganz deutlich. Kommt in einer Schule ein konkreter Fall ans Licht, muss in erster Linie die Schule selbst aktiv werden, sagt Richter. Im besten Fall wendet sich der betroffene Schüler von allein an seinen Klassenlehrer, den Vertrauenslehrer oder den Schulsozialarbeiter. Diese sind für solche Fälle geschult. "Außerdem hat jede Schule ein Budget für Fortbildungen im eigenen Haus, das kann auch für Mobbing-Prävention genutzt werden.

Die Gesamtnote für Görlitz. Der graue Balken zeigt die Abweichung vom Sachsen-Schnitt. Grün heißt: Frage wurde deutlich besser bewertet als im Sachsen-Schnitt. Rot heißt: deutlich schlechter bewertet. Gelb heißt: liegt im Schnitt.
Die Gesamtnote für Görlitz. Der graue Balken zeigt die Abweichung vom Sachsen-Schnitt. Grün heißt: Frage wurde deutlich besser bewertet als im Sachsen-Schnitt. Rot heißt: deutlich schlechter bewertet. Gelb heißt: liegt im Schnitt. © SZ Grafik
So sehen Görlitzer die Familienpolitik der Stadt.
So sehen Görlitzer die Familienpolitik der Stadt. © SZ Grafik
Das sagt der Familienkompass zum Thema Arbeit in Görlitz.
Das sagt der Familienkompass zum Thema Arbeit in Görlitz. © SZ Grafik
....und das zum Thema Ärzte. Hier ist Handlungsbedarf.
....und das zum Thema Ärzte. Hier ist Handlungsbedarf. © SZ Grafik
Tolle Erzieher, aber unzufrieden mit den Kita-Öffnungszeiten. 
Tolle Erzieher, aber unzufrieden mit den Kita-Öffnungszeiten.  © SZ Grafik
Unter Schule wurde auch zu Mobbing und Gewalt gefragt.
Unter Schule wurde auch zu Mobbing und Gewalt gefragt. © SZ Grafik
Bezahlbaren Wohnraum gibt es in Görlitz - jedenfalls nach Aussage der Teilnehmer am Familienkompass.
Bezahlbaren Wohnraum gibt es in Görlitz - jedenfalls nach Aussage der Teilnehmer am Familienkompass. © SZ Grafik

Wegen Mobbing Schule abgebrochen

Weiterführende Artikel

Wenn Kinder zum Mobbing-Opfer werden

Wenn Kinder zum Mobbing-Opfer werden

Beim Familienkompass Sachsen wird deutlich: Mobbing und Gewalt ist an den Schulen rund um Pulsnitz ein größeres Problem. Was sagt eine Schulleiterin dazu?

Lehrer im Klassenchat beleidigt

Lehrer im Klassenchat beleidigt

An der Oberschule Innenstadt hat die Schulleitung Handys eingezogen. Der Grund: Cybermobbing.

"Mobbing gab es damals schon"

"Mobbing gab es damals schon"

Wie der kleine, bewegende Film einer Dresdnerin seinen Weg auf die große Leinwand findet.

Lehrermobbing an Görlitzer Schule

Lehrermobbing an Görlitzer Schule

Das Augustum-Annen-Gymnasium geht juristisch gegen Schüler vor, die bei Instagram gegen Lehrer gehetzt haben.

Dass Mobbing bekämpft werden muss, ist klar. Denn wenn nichts passiert, der Betroffene weiter leidet, kann das schwerwiegende Folgen haben. Kommunikationspsychologe Andreas Scheinpflug hat in der Görlitzer Suchtberatungsstelle (PsBB) immer mal Menschen, die drogen- oder alkoholsüchtig sind und in deren Vergangenheit schlimme Mobbingerfahrungen liegen. "Natürlich kann man nie sagen, deswegen ist derjenige drogenabhängig geworden, aber als ein Grund kann es mit reinspielen", sagt Scheinpflug. Er nennt ein Beispiel, wo der Betroffene die Schule abbrach, weil er es nicht mehr aushielt, anschließend an die falschen Leute geriet und völlig abrutschte. "Er hat zum Glück die Kurve wieder gekriegt."

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier:

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier:

Mehr zum Thema Familienkompass 2020 Görlitz