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AfD stänkert gegen Beethoven-Film

Filmproduzent Michael Simon de Normier muss das Casting am Berzdorfer See wegen Corona verschieben. Doch er hat noch ganz andere Sorgen.

Filmproduzent Michael Simon de Normier vor einigen Tagen am Berzdorfer See.
Filmproduzent Michael Simon de Normier vor einigen Tagen am Berzdorfer See. © privat

Er hatte es sich schön vorgestellt: Ein aufsehenerregendes Casting am Berzdorfer See - dann die Bekanntgabe des Auserwählten am 17. Dezember. Es wäre der 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens, einem der größten Komponisten überhaupt. Der Berliner Produzent Michael Simon de Normier plant einen Film über Beethoven - will auch in Görlitz drehen. Ein Film, der die vieldiskutierte Frage aufgreift, ob Beethoven farbige Vorfahren hatte. Deshalb sollen die beiden Hauptdarsteller auch farbig sein - einmal der junge Beethoven und einmal der erwachsene.

Der Erwachsene soll ein amerikanischer Superstar sein, dessen Name de Normier noch geheim hält, um die Verhandlungen nicht zu gefährden. Der Junge soll europaweit gecastet werden - hauptsächlich per E-Casting im Internet. Doch ein öffentlichkeitswirksames Casting am See hatte de Normier auch geplant: am 11. Oktober am Berzdorfer See. Es muss abgesagt werden. Die Corona-Regeln seien wohl kaum einzuhalten, sagt er und beruft sich auf das Görlitzer Rathaus, aus dem die Entscheidung für die Absage letztlich kam. Die Corona-Infektionszahlen sind in Görlitz zwar vergleichsweise moderat, aber eben auch steigend.

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Stadt rechnet mit großem Casting-Ansturm

"Es sollte ja unter dem Motto 'Casual Casting Café' an der Strandbar Görlitz gezielt ein lockeres Kennenlernen und einander Beschnuppern werden", erklärt der Produzent. "An der frischen Seeluft zwar, aber im Sinne des Sehen-und-gesehen-Werdens gerne auch mal ohne Maske." Selbst auf angeregte Diskussionen über das Postulat eines Black Beethoven  - so der Arbeitstitel -  hatte er sich eingestellt und gefreut. "Doch die erfahrenen Kräfte aus Görlitz rechnen bei einem offenen Aufruf für Komparsen aller Hautfarben, Geschlechter und Altersgruppen mit hunderten Interessenten.

Letztlich weiß Michael Simon de Normier noch nicht einmal, ob er selbst hätte dabei sein können. "Ich selber komme ja aus Berlin-Mitte und weiß heute nicht einmal, wohin ich am Wochenende noch reisen darf, falls ganz Berlin die kritische Marke reißt und bundesweit als Risikogebiet eingestuft wird." Der Gedanke, kurzfristig nach Görlitz zu ziehen, beschäftigt ihn und seine Frau in diesen Tagen. Für seine Tochter hat er bereits einige Görlitzer Kitas nach einem kurzfristigen freien Platz gefragt. 

Ein Umzug ins beschauliche Görlitz - er macht für den Produzenten mehr als Sinn. Er kennt und liebt die Stadt schon seit er 2008 Mit-Produzent bei "Der Vorleser" war, setzte sich 2019 im OB-Wahlkampf aktiv für Kandidat Octavian Ursu und gegen einen ersten AfD-Oberbürgermeister ein. Für die zwei geplanten Drehs - neben Beethoven geht es noch um "Whistleblower" - plant er eine mindestens zweijährige Niederlassung. Ein Filmatelier, wo die Schnitte erfolgen sollen, die Filmmusik entstehen könnte. 

Görlitzer AfD äußert sich zu Beethoven-Film

Die politischen Entwicklungen im Land - wie auch in Görlitz - hat er dabei immer fest im Blick, ist eifriger Schreiber von Facebook-Kommentaren - häufig klar Stellung gegen die AfD beziehend. Den Beethoven-Film wolle sie boykottieren, mit allen Mitteln verhindern, teilt er in der offiziellen Pressemitteilung zu den beiden Filmvorhaben mit. "Sollte das Projekt umgesetzt werden, werden wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten dagegen angehen", zitiert er einen Bonner AfD-Sprecher und fügt auch den Link auf die entsprechende Seite an. 

Doch es ist nicht die einzige Reaktion. Im Netz wird das Beethoven-Vorhaben munter diskutiert, das soll auch so sein, sagt de Normier. Froh ist er darüber, dass in Bonn, "bei den Gralshütern des Beethoven-Andenkens" - dem Beethoven-Haus und der Jubiläumsgesellschaft BTHVN2020 - dagegen keine Vorbehalte gegen die Film-Idee und künstlerische Freiheiten existieren. Auch in Wien, wo Beethoven viele Jahre lebte,  bekam de Normier auf seine Argumente, Beethoven könnte afrikanische Züge getragen haben, eine für ihn sehr überraschende Antwort. Aus dem Kanzleramt in Österreich hieß es: „Bei uns brauchen Sie niemanden erwarten, der sich gegen den Gedanken wehrt, dass Wiener Persönlichkeiten seit Jahrhunderten multiethnisch sind. Wien ist seit jeher eine Vielvölkerstadt!“

Publikum wird letztlich urteilen

"Ich bin gespannt, wie die Gespräche und Reaktionen in der Lausitz sein werden. Ich rechne fest mit  engagierten Nachfragen und Diskussionen. Es gibt gute Argumente, Fragen an Beethoven zu stellen. Dafür bin ich gewappnet und freue mich auch drauf." Von der Görlitzer AfD wird er da nicht viel zu erwarten haben. Anders als ihre Kollegen, sehen sie das Beethoven-Projekt entspannt. AfD-Fraktionschef Lutz Jankus sagt, die AfD-Fraktion beurteile Schauspieler nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrer Leistung. Filmschaffende seien in Görlitz gern gesehen, selbst Herr de Normier als Mitunterzeichner des "Brandbriefs gegen einen AfD-Oberbürgermeister". Da Kunst grundsätzlich frei ist, könne de Normier die Hauptrollen besetzen, mit wem er wolle. "Letztendlich entscheidet das Publikum, ob die Besetzung der Hauptrolle glücklich war oder nicht. Die AfD-Fraktion Görlitz jedenfalls wird keinem Filmprojekt Steine in den Weg legen."

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Wie geht es nun also weiter? Das ist noch offen. Geplant war, im Oktober zunächst Szenen für "Whistleblower" in Görlitz zu drehen. Gemeinsam mit einem Kollegen hat Michael Simon de Normier das schon lange geplant. Der Film dreht sich um Burschenschaften, alte Seilschaften, von denen man kaum glauben mag, dass es sie auch heute noch gibt. Erzählt wird die Geschichte eines Aussteigers. In Görlitz soll unter anderem eine Prügelei-Szene gedreht werden, für die etliche Komparsen gebraucht werden. 2021 soll sich Beethoven anschließen. Doch letztlich hängt auch das - wie alles im Moment - von der weiteren Corona-Entwicklung ab. 

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