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Kanadierin saniert Häuser in Görlitz

Karen Bianca Krause engagiert sich bei der Stadtsanierung. Doch jetzt droht sie an der fehlenden Digitalisierung des Bauarchivs zu scheitern.

Das Doppelhaus Berliner Straße 48/49 in Görlitz gehört zu denen mit der schönsten Fassade in der Stadt. Jetzt wird saniert.
Das Doppelhaus Berliner Straße 48/49 in Görlitz gehört zu denen mit der schönsten Fassade in der Stadt. Jetzt wird saniert. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Karen Bianca Krause lebt in Kanada. Dennoch engagiert sie sich in Deutschland. Seit den 1990er Jahren besitzt ihre Familie Häuser in Görlitz und Bautzen, die in dieser Zeit grundsaniert wurden. Doch nun ist die Investorin verzweifelt, auch wütend.

Bei vier Häusern in Görlitz – Berliner Straße 48 und 49 sowie Salomonstraße 3 und 4 - sind Instandhaltungen und Modernisierungen erforderlich, die schon im Vorjahr starteten. Geplant ist der Abschluss in diesem Jahr. Bis dahin werden rund 1,6 Millionen Euro in den Gebäuden verbaut sein, erklärt Frau Krause. Etwa die Hälfte dieser Summe bedient sie aus Eigenkapital. Für die verbleibenden 50 Prozent nimmt sie Kredite auf.

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In den Häusern auf der Berliner und der Salomonstraße werden die Treppenhäuser renoviert. Haustüren, Wohnungstüren, Fenster, Flur-Beleuchtung, Schalter und Briefkastenanlagen werden erneuert. In den Leerwohnungen entstehen neue Bäder, es gibt neue Böden und neue Elektrik. Diese Wohnungen erhalten eine Einbauküche. Im Ensemble Berliner und Salomonstraße wird ein aufwendiges Netz über die Häuser gespannt. Das soll die Tauben fernhalten. Dann wird auch der Innenhof saniert. Dort sind derzeit nur eine lange Reihe Mülltonnen und jede Menge Taubenkot zu finden.

Notbesetzung im Görlitzer Rathaus

Für die Beantragung der Finanzierung muss die Investorin Unterlagen beim Kreditgeber vorlegen. Bis auf Grundrisse, Schnitte und Ansichten der Gebäude liegen alle notwendigen Papiere vor. „Um diese eine ausstehende Anforderung zu erfüllen, kontaktierte ich am 8. Dezember das Görlitzer Bauamt und bat um die Übersendung von Bauakten“, berichtet Frau Krause. Dann hörte sie nichts. Am 16. Dezember erinnerte sie an ihr Anliegen. „Da lediglich eine Notbesetzung im Bauamt da sei, möge ich mich in der zweiten Kalenderwoche 2021 noch einmal melden.“ Also kontaktierte sie erneut das Bauamt. „Dieses Mal bekam ich die Antwort, dass die Stadtverwaltung Görlitz pandemiebedingt für den Besucherverkehr geschlossen sei, ich möge mich Mitte März melden.“

Damit fand sich Frau Krause nicht ab. Sie schrieb an den Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu und äußerte ihren Unmut. Mit ehrlichen Worten riet sie dem OB: Stellen Sie doch ein Schild auf, auf dem steht „Görlitz geschlossen, Investitionen unerwünscht“.

Steve Caroli betreut für die Investorin aus Kanada die Instandhaltung und Modernisierung von je zwei Häusern auf der Berliner und der Salomonstraße in Görlitz.
Steve Caroli betreut für die Investorin aus Kanada die Instandhaltung und Modernisierung von je zwei Häusern auf der Berliner und der Salomonstraße in Görlitz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Vertröstet auf Mitte März

Auch die SZ und sächsische.de fragten nach, warum die Frau warten muss. "Die Akteneinsicht einschließlich eines eventuellen Versandes ist nur als Präsenztätigkeit möglich", informiert Stadtsprecherin Juliane Zachmann. Wegen der Corona-Situation waren die Mitarbeiter der Registratur in Quarantäne. Ab 16. Dezember war ein weitgehend eingeschränkter Dienstbetrieb im Rathaus angeordnet. Erst ab 7. Januar waren wieder mehr Mitarbeiter anwesend. Bis hinein in den März gebe es deutlich eingeschränkten Besucherverkehr.

Es gibt zwar eine Pflicht zur Akteneinsicht, allerdings nur im leistbaren Rahmen, erklärt die Sprecherin weiter. Die personelle Situation im Sachgebiet Bauordnung lasse eine umfassende Sichtung von Bauakten durch angestellte Mitarbeiter nur eingeschränkt zu, häufig sind dies mehrere Bände an Akten je Grundstück. "Daher können die Akten nur jeweils vollständig zur Einsichtnahme für den Eigentümer der Grundstücke oder für dessen Bevollmächtigten bereitgestellt werden", erklärt Frau Zachmann. Die Einsichtnahme in die Bauakten erfolge generell in den Räumen der Stadtverwaltung.

Warum Akten nicht digital versandt werden

Karen Bianca Krause hat kein Verständnis, dass sie auf die Unterlagen warten muss. Offensichtlich hat sie ganz andere Erfahrungen. "In unserem großen Kanada können Sie das kleinste Dorf per E-Mail anschreiben und ihre Bauakte anfordern, die dann innerhalb eines Tages per E-Mail zugestellt wird. Es kann doch nicht sein, dass ein derartiges Anliegen bei Ihnen vier Monate dauert", schrieb sie an den Görlitzer OB.

Grund des Übels ist die Tatsache, dass die Stadt Görlitz die meist gebundenen, teilweise mehrbändigen, oft bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Bauakten bislang nahezu überhaupt nicht digitalisiert hat. Das sei ein zeit-, finanz- und personalaufwendiges Vorhaben, denn dazu muss jedes einzelne Blatt per Hand gescannt werden. "Wir befinden uns diesbezüglich aber in einem Transformationsprozess in Richtung Digitalisierung", erklärt die Sprecherin ohne zu sagen, was genau das heißt.

An der Fassade werden kleine Schäden repariert.
An der Fassade werden kleine Schäden repariert. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Es fehlt der Servicegedanke

Für Karen Bianca Krause ist es nicht der erste Ärger, den sie mit dem Rathaus hat. „Meist blieben Anliegen unbeantwortet und nur auf Nachfragen erhielt man eine Antwort“, erzählt sie. Anfragen wegen Bauakten verliefen immer schleppend. Nach zwei oder drei Wochen bekommt man vielleicht einen Termin. Dann dürfen die Akten kopiert werden auf einem vorsintflutlichen Kopierer, sagt Frau Krause und ärgert sich: „Einen Servicegedanken sucht man dabei vergebens.“

Dabei ist Karen Bianca Krause, Mutter von fünf Söhnen, sehr angetan von der schönen Stadt Görlitz und der Oberlausitz. Letztmalig war die 50-Jährige 2018 hier, als sie am Olbersdorfer See Urlaub machte - ihr Mann stammt aus Zittau.

Karen Bianca Krause ist nun nach dem Schriftwechsel mit dem OB aber genau so schlau wie vorher, sagt sie. Dem OB schickte sie gleich die Eigentumsnachweise mit. Jetzt hofft sie, dass ihr Projektsteuerer vor Ort - Steve Caroli - in dieser Woche die Akteneinsicht erhält und Frau Krause der Bank die benötigten Unterlagen vollständig überreichen kann.

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