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Görlitzer Impfarzt warnt: "Impfquote ist zu gering"

Hans-Christian Gottschalk ist Impfarzt im Löbauer Impfzentrum. Fehlender Impfstoff ist aus seiner Sicht nicht mehr das Problem. Dafür aber die Impfskeptiker.

Dr. Hans-Christian Gottschalk ist Impfarzt in Löbau und leitete lange die Kinderklinik Görlitz.
Dr. Hans-Christian Gottschalk ist Impfarzt in Löbau und leitete lange die Kinderklinik Görlitz. © Foto: Rafael Sampedro

Während der Landkreis Görlitz noch immer eine Impfquote von 70 Prozent bis Ende September für realistisch hält, schlägt jetzt ein Impfexperte im Landkreis Alarm.

Den Optimismus könne er nicht teilen, sagt Hans-Christian Gottschalk. Der langjährige Leiter der Kinderklinik am Görlitzer Klinikum ist Mitglied der Sächsischen Impfkommission, und als Impfarzt im Impfzentrum Löbau tätig. Von einer Herdenimmunität, die bei 80 Prozent Impfquote erreicht wird, seien "wir meilenweit entfernt", sagt er. Seine Sorge: Spätestens im Herbst könnte wieder die Zahl der Corona-Neuinfektionen rasch steigen, auch die Zahl der schweren Krankheitsverläufe.

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Laut RKI haben bundesweit rund 54 Prozent der Menschen die Erstimpfung erhalten, die zweite knapp 36 Prozent. Bei der Erstimpfung ist Sachsen mit knapp 48 Prozent das Schlusslicht. Im Kreis Görlitz sind es rund 40 Prozent, hatte der Landkreis ermittelt. Also nochmal etwas schlechter. "Für die Herdenimmunität ist aber die Zweitimpfung, also der vollständige Impfschutz relevant", erklärt Gottschalk. Bei den Zweitimpfungen steht Sachsen besser da, auf Rang 8: 34,8 Prozent. Wie hoch die Zahl der vollständig Geimpften im Kreis ist, ist aber nicht bekannt. Bei den Über-80-Jährigen soll die Impfquote laut Kreis bei etwa 72 Prozent liegen. Auch da besteht noch eine Lücke zur Herdenimmunität von 80 Prozent. Und das, obwohl bereits seit Jahresbeginn die über 80-Jährigen geimpft werden, gibt Gottschalk zu bedenken.

Sein Fazit: Ausgehend von 4,1 Millionen Einwohnern in Sachsen und unter Berücksichtigung der Genesenen, die nur eine Impfdosis benötigen, bräuchte es insgesamt 6,29 Millionen Impfdosen, um 80 Prozent Herdenimmunität zu erreichen. "Mit dem gestrigen Tag haben wir in Sachsen 3,24 Millionen Dosen verimpft, das sind erst 51,5 Prozent."

Er verweist auch auf die hohe Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit einer Coronaerkrankung in Sachsen und im Kreis Görlitz. "Mit einer ungünstigen Altersverteilung allein lässt sich das alles nicht erklären. Hier müssen gravierende Fehler passiert sein, die bisher nicht aufgearbeitet wurden", nimmt Gottschalk an.

Impfstoffmangel war seit Beginn immer wieder ein Problem, wohl auch in den ersten beiden Juni-Wochen. Insgesamt aber, hatte auch der Landkreis erklärt, stabilisiere sich die Impfstoffversorgung. Es werde auch leichter, einen Termin über das Impfportal zu bekommen.

Mehr Impfstoff - aber auch mehr Impfgegner

"Die Befürchtung, unser Ziel der Herdenimmunität wegen der Impfstoffknappheit und des mangelnden Impftempos nicht zu erreichen, wird plötzlich konterkariert durch eine frühzeitig nachlassende Impfbereitschaft", ist Gottschalks Eindruck. Teils ist er auch enttäuscht von den niedergelassenen Ärzten, von denen nur rund 40 Prozent impfen. Vor allem aber habe er die Sorge, "dass wir den Anteil der Impfskeptiker völlig unterschätzt haben."

Dass es gerade in Ostsachsen deutlich mehr Gegner der Coronamaßnahmen und auch Impfskeptiker gibt, legt eine Studie der TU Dresden nahe. Auffällig auch: 43 Prozent derer, die sich im Impfzentrum Löbau impfen lassen, kommen laut Landkreis-Daten nicht aus der Region, sondern aus Bautzen oder Dresden. "Hier im Landkreis Görlitz ist es ein unsägliches Gemisch aus überheblicher Ignoranz, bodenständiger Naivität und AfD-Affinität", sagt Gottschalk.

Gottschalks Warnruf kommt zu einer Zeit, wo die Lage irritierend zweigeteilt ist. Einerseits so niedrige Inzidenzen wie seit September vergangenen Jahres nicht mehr. Dem Kultusministerium zufolge wurden bei den zweimaligen Testungen der Lehrkräfte in Sachsen in der vergangenen Woche keine Corona-Fälle nachgewiesen, bei den 688.216 Schüler-Tests waren es 43 positive Ergebnisse. Auf der anderen Seite bereitet die Delta-Variante Sorge. Auch wenn es faktisch wenige Fälle sind, sie mache mittlerweile deutschlandweit einen Anteil von mindestens 35 Prozent der untersuchten Proben aus, teilt das RKI mit. Auch Ministerpräsident Michael Kretschmer hatte am Montag ob der steigenden Zahlen in Portugal und Großbritannien vor Leichtsinn gewarnt.

Sorge um die Kinder im Herbst

Gottschalks Sorge richtet sich auf den Herbst und eine mögliche vierte Welle, wenn zu viele Menschen im Kreis Görlitz ohne Impfung ungeschützt sind. Vor allem fürchtet er, dass dann wieder die Kinder die Leidtragenden sind, wenn die Schulen nicht ihren Betrieb aufrecht erhalten können oder es zu Einschränkungen bei den Kontakten kommt.

Hans-Christian Gottschalk appelliert, den Sommer zu nutzen, Strategien zu erarbeiten. "Und all die vielen Engagierten der letzten Monate sollten eingebunden werden, um ein wirksames Konzept zu erstellen."

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