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Wo Königshufen grüner wird

Im Vergleich zum Grau der DDR-Zeiten ist der Görlitzer Stadtteil heute fast eine Gartenstadt. Einige Menschen hier hätten aber gern noch viel mehr Grün.

Helga Kittlaus vor dem leeren Grünstreifen an ihrem Block in Königshufen. Die Bäume im Hintergrund gehören zu den gegenüberliegenden Blöcken.
Helga Kittlaus vor dem leeren Grünstreifen an ihrem Block in Königshufen. Die Bäume im Hintergrund gehören zu den gegenüberliegenden Blöcken. © Martin Schneider

Helga Kittlaus liebt Bäume. Überhaupt ist sie gern im Grünen, stammt vom Dorf, hat in Görlitz, wo sie seit 1984 lebt, einen Garten. Über die Bäume am Ostring, wo sie lebt, freut sie sich. Nur stehen diese schönen großen, schattenspendenden Bäume gegenüber ihrer Wohnseite - vor den Blöcken mit den ungeraden Hausnummern. Gegenüber, da wo die geraden Nummern sind, gibt's nur Wiese und kaum einen Baum weit und breit.

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Das ärgert Frau Kittlaus, die vor ihren Eingang sogar einen Rhododendron selbst gepflanzt hat und ihn pflegt - ab und zu auch mal mit Kaffeesatz. „Aber unsere Bäume haben sie weggemacht, Ahornbäume waren das“, erzählt sie und spricht von ihrem Vermieter Tag Wohnen. Als Ersatz kamen eine Eiche, eine Linde und eine Buche, aber die ist letztes Jahr eingegangen. Selbst etwas zu pflanzen, traut sich Frau Kittlaus nicht - jedenfalls keinen Baum. „Da kommt dann der Rasenmäher und weg ist er.“

Lukas Deege (l.) und Sascha Röhricht stecken neben anderen hinter dem Projekt 950 Bäume für Görlitz.
Lukas Deege (l.) und Sascha Röhricht stecken neben anderen hinter dem Projekt 950 Bäume für Görlitz. © Martin Schneider
Die Großvermieter pflanzen immer wieder Bäume und Sträucher in Königshufen - so wie Kommwohnen im April an der Schlesischen Straße.
Die Großvermieter pflanzen immer wieder Bäume und Sträucher in Königshufen - so wie Kommwohnen im April an der Schlesischen Straße. © privat
Auch die Jüngsten beteiligen sich: Vor dem "Förderschulzentrum Mira Lobe" in Königshufen halfen Schüler beim Pflanzen.
Auch die Jüngsten beteiligen sich: Vor dem "Förderschulzentrum Mira Lobe" in Königshufen halfen Schüler beim Pflanzen. © FSZ Mira Lobe
An vielen Stellen erobert die Natur auch von allein zurück, was beim Bau des neuen Stadtteils verloren ging - so auch auf dem Gelände der ehemaligen Kita am Nordring.
An vielen Stellen erobert die Natur auch von allein zurück, was beim Bau des neuen Stadtteils verloren ging - so auch auf dem Gelände der ehemaligen Kita am Nordring. © André Schulze
Blick ins Grüne - 2009 entstanden aus dem Fenster eines Abrissblocks im Peter-Liebig-Hof.
Blick ins Grüne - 2009 entstanden aus dem Fenster eines Abrissblocks im Peter-Liebig-Hof. © Archiv: Rolf Ullmann
Kleiner Park am Rande Königshufens: Das Kidrontal ist die grüne Verbindung zwischen Innenstadt und Königshufen.
Kleiner Park am Rande Königshufens: Das Kidrontal ist die grüne Verbindung zwischen Innenstadt und Königshufen. © André Schulze
Hier säten Teilnehmer der ökumenische Gruppe zum Weltgebetstag im April Blumensamen auf der Blühinsel im Kidrontal.
Hier säten Teilnehmer der ökumenische Gruppe zum Weltgebetstag im April Blumensamen auf der Blühinsel im Kidrontal. © Paul Glaser/glaserfotografie.de
Und so sah das Kidrontal (hier mit Blick zur Scultetusstraße) noch 1989 aus. Damals überwog in Königshufen das Grau.
Und so sah das Kidrontal (hier mit Blick zur Scultetusstraße) noch 1989 aus. Damals überwog in Königshufen das Grau. © Archiv: Rolf Ullmann
Auf der Antonstraße war 1989 noch so gut wie gar kein Baum oder Strauch zu sehen.
Auf der Antonstraße war 1989 noch so gut wie gar kein Baum oder Strauch zu sehen. © Archiv: Rolf Ullmann
1990 wurden in der Antonstraße Bäume gepflanzt.
1990 wurden in der Antonstraße Bäume gepflanzt. © Archiv: Rolf Ullmann
Nicht viel grün, aber in jedem Hof ein Spielplatz: Die vielen Kinder, die es in Königshufen einst gab, fühlten sich trotzdem wohl - so wie diese hier im Jahr 1990.
Nicht viel grün, aber in jedem Hof ein Spielplatz: Die vielen Kinder, die es in Königshufen einst gab, fühlten sich trotzdem wohl - so wie diese hier im Jahr 1990. © Rolf Ullmann

Gern würde Helga Kittlaus es sehen, wenn von den 950 Bäumen, die in Görlitz anlässlich der 950-Jahr-Feier dieses Jahr gepflanzt werden, auch einige nach Königshufen kämen - sehr gern auch an den Ostring. Sascha Röhricht, der die 950 Bäume-Aktion zusammen mit dem BUND Görlitz macht, würde das auch begrüßen. Allerdings sagt er, dass das schon über die Eigentümer - in diesem Fall ist TAG Wohnen der Vermieter, laufen müsste. 950 Bäume allein pflanzen - das können Röhricht und die Handvoll Leute vom Bund nicht leisten. Sie sind auf das Engagement möglichst vieler Görlitzer angewiesen. Ausnahme: Wenn irgendwo eine größere Fläche mit vielen Bäumchen angepflanzt werden soll, machen sie mit. Ansonsten ist Eigeninitiative gefragt. Und natürlich zählt Röhricht jeden gepflanzten Baum. „Wir stehen aktuell bei 230, da können im Herbst also gern noch eine Menge dazukommen“, sagt der junge Mann, der selbst in Königshufen groß wurde - in der Antonstraße.

Damals war an ein grünes Königshufen so wie man es heute hat, noch nicht zu denken. Die Blöcke waren erst überall frisch aus dem Boden gestampft worden - erste Grünanlagen wurden zwar angelegt und Bäume gepflanzt, aber alles musste erst wachsen. „Als ich Kind war, war Königshufen noch Pampa, mit halb verlegten Gehwegplatten und Schatten gab es eben erst, wenn die Sonne um den Block herum war.“

Doch obwohl die vielen frisch gepflanzten Bäumchen von damals heute groß sind und Königshufen einen sehr grünen Eindruck vermittelt, sieht Sascha Röhricht noch viel Potenzial, den Stadtteil noch grüner zu gestalten. „Man denke einfach mal von Königshufen bis Klingewalde, da gibt es Feldflächen dazwischen, die man doch einbeziehen könnte in die Gestaltung.“ Auch würde er sich bei vielen Mietern ein Umdenken wünschen. Mehr Blühflächen sollten her, so wie unlängst erst eine im Kidrontal angelegt wurde. Überhaupt sollte es mehr Flächen geben, wo Wiese einfach mal wachsen kann. Aber dafür gebe es wohl immer noch zu viele Bewohner, die alles kurz und gerade haben möchten und ihren Vermieter anrufen, wenn eine Wiese zu hoch wird.

Weniger Rasenmähen wäre gut

Ein Verfechter des wachsen lassen ist auch Peter Richter, der mit seiner Frau seit 1998 in Königshufen lebt - früher auf der Scultetusstraße, heute auf der Hussitenstraße. „Nach wie vor wird zu viel und zu gründlich gemäht“, sagt er. Im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung und zunehmenden Trockenperioden sei das kontraproduktiv und trage zum weiteren Rückgang von Insekten und Vögeln bei. „Wohngrün und dessen schonende Pflege und Erhaltung ist in diesem Zusammenhang von entscheidender Bedeutung.“ Dass sich Bewohner beim Vermieter wegen Bäumen beschweren, die zu viel Schatten werfen, kann Herr Richter nicht nachvollziehen.

Er setzt sich sehr für mehr Grün ein. Gerade in den 1990er-Jahren wurde sehr viel investiert, auch was Artenvielfalt betrifft, lobt Richter. Doch sei in den vergangenen Jahren eben übermäßig viel wieder der Säge zum Opfer gefallen. Neben notwendigen Fällungen sieht er eine Reihe von Fäll- und Rodungsaktionen, die offensichtlich nur mehr Bewegungsfreiheit für Rasenmäher und Technik schaffen sollten. Auch kritisiert er, dass eine notwendige fachkundige Baumpflege, wie rechtzeitiges Einkürzen und Pflegeschnitt zum Entfernen von Totholz, kaum stattfinde. „Aus meiner Sicht fehlt hier die fachliche Beratung durch das Grünflächenamt der Stadt.“

Ein großes Problem sieht er im Gießen. Die letzten Sommer hätten schon deutliche Spuren hinterlassen. „Zumindest nehme ich auch mal einen frischgepflanzten Strauch in Pflege und helfe mit Wasser nach, auch dann, wenn er nicht unmittelbar vor meinen Fenstern steht“, sagt Richter. „Möglicherweise machen das auch andere Mieter. Bei Bäumen ist das allerdings nur mit Technik möglich.“

Seinen Vermieter, die Wohnungsgenossenschaft Görlitz (WGG), lobt Peter Richter. Mit ihr habe er einiges bewegt, so seien etwa Blühwiesen entstanden und eine Reihe von Neupflanzungen erfolgt. Blühwiesen sind auch bei der TAG Wohnen in Planung, wie Heike Baumgart bestätigt. Sie ist die Leiterin Immobilienmanagement bei der Tag Wohnen & Service GmbH mit Sitz in Dresden und in Görlitz zuständig für die 700 Wohnungen der GmbH. Diese sind in Weinhübel, der Innenstadt und die meisten (536) in Königshufen. Aber auch in Senftenberg hat TAG Wohnen Wohneinheiten und dort gerade erfolgreich ein Pilotprojekt Blumenwiese eingeführt, das nun auch in Görlitz gestartet werden soll. Ansonsten sei es mit dem Grün immer so eine Sache, sagt Frau Baumgart, dem einen ist es zu viel, dem anderen zu wenig.

Gute Nachricht für den Ostring

Grundsätzlich erhalte die TAG Wohnen aber wenig Beschwerden in diese Richtung. Wenn Mieter wie Helga Kittlaus selber etwas pflanzen, sei das schon in Ordnung - solange es keine größeren Sträucher oder Bäume sind, denn das sollte dann schon mit dem Vermieter abgesprochen sein. „In Weinhübel haben mehrere Mieter gemeinsam Beete vor dem Haus angelegt, das ist prima und sieht wunderschön aus“, sagt Heike Baumgart. Für Helga Kittlaus hat sie gute Nachrichten: Mit den Mitarbeitern vor Ort in Görlitz wurde das 950-Bäume-Projekt schon diskutiert und zwar wohlwollend. „Wir wollen uns da gern beteiligen und in der nächsten Woche festlegen, wo neue Bäume hinkommen könnten.“ Der Ostring sei auf jeden Fall dabei.

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