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Mohren-Apotheke schließt nach 130 Jahren

Der Schritt ist für Inhaberin Gisela Steckel nicht leicht, aber alternativlos. Ihr ganzes Arbeitsleben hat sie hier verbracht.

Teil des Mohren-Apotheken-Teams: Susanne Schierwagen, Claudia Werner und Inhaberin Gisela Steckel (v.l.n.r.).
Teil des Mohren-Apotheken-Teams: Susanne Schierwagen, Claudia Werner und Inhaberin Gisela Steckel (v.l.n.r.). © Paul Glaser / glaserfotografie.d

Ein tiefer Seufzer. Wo fängt man an, wenn es um das Ende geht? Wenn man 50 Berufsjahre hinter sich lässt und nicht einfach nur in Rente geht, sondern das eigene Geschäft, die eigenen Apotheke schließen muss.

Gisela Steckel fällt es alles andere als leicht, diesen Schritt zu gehen. Längst könnte die 74-Jährige ihren Ruhestand genießen, die beiden Söhne und die Enkel in Berlin öfter besuchen. Doch sie hat es bisher nicht übers Herz gebracht, die Mohren-Apotheke, in der sie seit 1970 arbeitet und die sie seit 1991 leitet, aufzugeben.

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Die Corona-Schutzimpfung ist gestartet. Zunächst allerdings nur für Menschen, die zur Gruppe der höchsten Priorität gehören.

Jetzt aber geht es nicht mehr. Die langwierigen Bemühungen um eine Nachfolge hatten keinen Erfolg. Der Sohn, der ebenfalls Apotheker ist und einst die Ausbildung mit dem Ziel begann, einmal die Apotheke am Lutherplatz zu übernehmen, ist einen anderen Weg gegangen. Er hat inzwischen eine eigene Apotheke in Berlin. „Und wer einmal dort ist, kommt nicht mehr wieder“, weiß seine Mutter.

Die Mohren-Apotheke auf dem Görlitzer Lutherplatz mit dem Mohr, der am Balkon über dem Eingang thront. Ende des Jahres schließt die Traditions-Apotheke.
Die Mohren-Apotheke auf dem Görlitzer Lutherplatz mit dem Mohr, der am Balkon über dem Eingang thront. Ende des Jahres schließt die Traditions-Apotheke. © Paul Glaser / glaserfotografie.d

Ein Wunder ist das in ihren Augen nicht - neue Arzneimittelverordnungen machen den Beruf komplizierter, zudem ist das Gebäude problematisch. In dem Eckhaus Lutherplatz/Landeskronstraße hat die Apotheke schon seit 1902 ihren Sitz. Gegründet worden war sie bereits 1891 an der Ecke Luisenstraße, Mittelplatz. Zumindest tauchte sie in jenem Jahr im historischen Adressbuch auf. Das Gebäude, in dem sie nun noch bis Jahresende Kunden empfängt, gehört Kommwohnen. „Hier ist seit vielen Jahren nichts gemacht worden, es gibt außer uns auch keine Mieter“, sagt Gisela Steckel. Viel Kraft und Energie hat sie der Kampf um einen barrierefreien Zugang gekostet – und unzählige Schriftwechsel, Gutachten, Telefonate. Sie selbst hatte zwar Bestandsschutz, aber ein Nachfolger hätte für die Betriebserlaubnis einen barrierefreien Zugang haben müssen. Letztlich wäre der nur mit einer sehr langen Rampe auf der Seite der Landeskronstraße möglich gewesen. Aber das städtische Denkmalamt lehnte das ab.

Die Ausgangssituation für einen möglichen Nachfolger hat sich in den vergangenen Jahren also nicht verbessert, im Gegenteil. „Ich kann bei Investitionsstau nicht erwarten, dass jemand die Apotheke übernimmt und auch noch investiert“, sagt Frau Steckel.

Die Sache mit dem Mohr

Und so geht mit der Görlitzer Mohren-Apotheke auch ein großes Stück Tradition zu Ende. Etwa 100 Mohren-Apotheken gibt es bundesweit noch, einige bestehen schon seit dem 17. Jahrhundert. Sie alle sahen sich in den vergangenen Jahren mehrmals der Debatte um ihren Namen ausgesetzt. Der Name „Mohren“ diskriminiere Menschen mit dunkler Hautfarbe und gehöre geändert - so die Argumentation, in dessen Folge sich schon etliche Mohren-Apotheken umbenannten.

Doch es gibt auch viele Befürworter, die auf die Tradition verweisen und darauf, dass hinter den damaligen Namensgebungen freilich keine böse Ansicht steckte. Die Mohren-Apotheken berufen sich dabei auf einen christlichen, nicht diskriminierenden Hintergrund: Einer der Heiligen Drei Könige, die das Jesus-Kind beschenkten, wird meist als dunkelhäutig angenommen: ein Weiser aus dem Morgenland, der heilsame Myrrhe bringt - ein Arzt.

Jürgen Sander (li.) und Jens Trenkler, damals beide bei der Baum GmbH Görlitz, setzten 1993 den Mohr wieder auf seinen Platz.
Jürgen Sander (li.) und Jens Trenkler, damals beide bei der Baum GmbH Görlitz, setzten 1993 den Mohr wieder auf seinen Platz. © Archiv: Thomas Fiedler

Und so kann auch Gisela Steckel die Diskussion nicht nachvollziehen. Aus allen Teilen des Landes bekam sie vor allem zurzeit der ersten Debatte 2017/18 böse, anonyme Briefe wegen des Namens. Ihr ist der Mohr, der die Fassade ziert, lieb und teuer. Es ist Erinnerung an die Heilkunst aus dem Morgenland. 1993 hatte sie den Kopf des historischen „Mohren“ mit Turban wieder über dem Eingang ihrer Apotheke anbringen lassen. In der DDR war die Figur weiß übertüncht, entfernt und fast entsorgt worden. Nur durch einen glücklichen Zufall erhielt die Apothekerin ihn zurück und konnte ihn liebevoll restaurieren lassen. Ihre Kundschaft stand ihr in Zeiten der Namensdebatten zur Seite, „alle haben positiv reagiert“, sagt Frau Steckel. Nun wird sie den Kopf an der Fassade zurücklassen - er steht unter Denkmalschutz.

Das alles - immer neue Verordnungen, die Schwierigkeiten mit dem Gebäude, die Sache mit dem Namen - hat Frau Steckel Kraft gekostet. Und Kraft braucht sie auch für die kommenden Monate noch. Eine Apotheke aufzulösen und die Räume besenrein zu übergeben, ist kein Spaziergang. „Das werden wir mit vereinten Kräften schaffen“, sagt Gisela Steckel zuversichtlich. Bis 31. Dezember ist noch regulärer Kundenverkehr, ab Januar dann für einige Wochen noch zeitweise geöffnet. Darüber wird Gisela Steckel per Aushang genauer informieren. „Im Januar möchte ich gern noch für meine jahrelangen Stammkunden da sein, da geht es um Zulassungen, Bezugslisten und solche Dinge.“ Mit viel Glück sei sie dann im März aus allem heraus. Um ihre fünf Mitarbeiter macht sie sich keine großen Sorgen, die finden alle etwas Neues, sagt die Chefin.

Gisela Steckel selbst will ihren Ruhestand für Haus und Garten und gelegentliche Berlin-Fahrten nutzen - sobald die Pandemielage das erlaubt. Vielleicht könne sie ja in der Apotheke des Sohnes noch dann und wann einspringen, wenn Not am Mann ist.

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