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Görlitzer Nierenspezialist wird 90

Hans-Ullrich Lincke war jahrelang Oberarzt in der Dialyse des Klinikums. Er erzählt, warum sie zu DDR-Zeiten spitze war.

Hans-Ullrich Lincke
Hans-Ullrich Lincke © Martin Schneider

Hunderte Menschen dürften ihn kennen: den Görlitzer Arzt Hans-Ullrich Lincke, der am Freitag seinen 90. Geburtstag feiert. Die Allermeisten werden ihm im Bezirkskrankenhaus beziehungsweise im späteren Klinikum begegnet sein, in der Nephrologie – der Nierenstation, zu der auch die Dialyse gehört. Hier hat Lincke von 1974 bis zu seiner Pensionierung 1997 gearbeitet.

Als Hans-Ullrich Lincke in den 1930er-Jahren als kleiner Bube auf dem Lutherplatz spielte, ahnte er wohl noch nicht, dass er in Görlitz später einmal so wichtig für viele Menschen würde. Geboren worden war er 1931 im schlesischen Hirschberg, lebte aber von 1933 bis 1938 mit seiner Familie in Görlitz. Es war die Geburtsstadt seiner Mutter. Dann führte ihn sein Weg zusammen mit der Familie weg von Görlitz für einige Jahre ins Riesengebirge und 1945 schließlich nach Thüringen. Hier, in Schleusingen machte der junge Mann Abitur und studierte anschließend in Leipzig und Erfurt Medizin.

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Sein Weg zum Nierenspezialisten begann dann in Zwickau mit der Facharztausbildung. Dort wurde er von seinem Chef auch beauftragt, „eine künstliche Niere aufzubauen“, sprich eine Dialysestation. Hierher kommen Patienten mit Nierenkrankheiten zur sogenannten Blutwäsche. Weil die eigenen Nieren es nicht mehr können, müssen die Giftstoffe mithilfe von Technik aus dem Körper gespült werden.

In den 1960er-Jahren war das noch etwas Besonderes, es gab kaum Dialysen in der DDR. Görlitz aber hatte schon seit 1966 eine – und hierher führte schließlich auch Hans-Ullrich Linckes Weg wieder. Klaus Zenker, lange Jahre Chefarzt der I. Medizinischen Klinik des Bezirkskrankenhauses in Görlitz und selbst Nierenspezialist, suchte damals jemanden für die Nierenstation.

Das heutige KfH Nierenzentrum auf der Girbigsdorfer Straße in Görlitz. Hierher kommen auch die Dialysepatienten.
Das heutige KfH Nierenzentrum auf der Girbigsdorfer Straße in Görlitz. Hierher kommen auch die Dialysepatienten. © Martin Schneider

Pionierleistung in Görlitz

Er war es auch, der die moderne Diagnostik und Therapie von Nierenerkrankungen in Görlitz einführte und die Dialyse aufbaute. „Eine echte Pionierleistung, denn Görlitz gehörte damit zu den ersten sechs Dialysezentren der DDR“, sagt Hans-Ullrich Lincke, dessen Chef Zenker jahrelang war und der nur lobende Worte für ihn hat. Ebensolche hat nun wiederum Johannes Rentsch, ebenfalls Arzt und früherer Kollege für Hans-Ullrich Lincke übrig: „Neben seinen medizinischen Verdiensten und fachlicher Kompetenz ist für mich sein besonderer kollegialer Umgang hervorzuheben“, sagt Rentsch. „Er sah nie seine Person im Vordergrund, sondern versuchte immer zu vermitteln oder zu schlichten. Durch seine ruhige, aber bestimmte Art war er bei Patienten und Personal gleichermaßen beliebt.“ Zudem sei es sein Verdienst, dass sich diese Abteilung zu einer stabilen Säule der medizinischen Versorgung in Görlitz entwickelte.

Dafür sprechen auch die Zahlen. Kamen 1970 noch 267 Dialysepatienten im Jahr, waren es zehn Jahre später bereits 3.900. „Besonders in den 1980er-Jahren hatten wir auch viele Patienten mit Vergiftungen in Behandlung“, erinnert er sich. Sie wurden mit Dialyse und Transfusionen behandelt. Warum es damals so viele Vergiftungen gab, kann Lincke nicht sagen. Vermutlich, weil die Menschen leicht herankamen an Quecksilber, Pflanzenschutzmittel oder Medikamente.

Auf Transplantation vorbereitet

Wichtig war Linckes Arbeit und die seiner Kollegen besonders auch für Patienten, denen eine Nierentransplantation bevorstand. „Bei uns wurden sie darauf vorbereitet, die Transplantation selbst wurde nur in den Unikliniken vorgenommen, wir haben dann wieder die Nachbetreuung übernommen.“ Neben dem Alltagsgeschäft, das drei Schichten, Nachtbereitschaften, und 14-tägig Wochenenddienst bedeutete, arbeiteten Zenker, Lincke und die Kollegen auch wissenschaftlich. Durch Dr. Zenkers gute Verbindungen zur Berliner Charité konnten in Görlitz viele Tagungen abgehalten werden - acht zwischen 1972 und 1988. Die gesamte Fachwelt der DDR war dann zu Gast, getagt wurde in der Stadthalle. Zwischen 100 und 280 Personen kamen zusammen, auch um zu hören, wie die Erfahrungen und Behandlungen in Görlitz waren. Nach der politischen Wende wurden die Tagungen fortgeführt, nun als dreisprachige Symposien.

Überhaupt änderte sich mit der Wende auch vieles bei den Nierenspezialisten. Die gute Technik aus dem Westen, auf die man zu DDR-Zeiten schon geschielt hatte, hielt nun Einzug. Die Behandlung wurde dadurch besser und sicherer, so Lincke. Inzwischen ist er schon seit 24 Jahren nicht mehr dabei, hält aber noch Kontakt zu früheren Kollegen. Mit einigen feiert er nächste Woche seinen 90. nach, zum Tag selbst kommt die Familie. Anzumerken sind dem pensionierten Arzt die 90 wirklich kaum, mancher 60-Jährige würde nicht mehr so flott Treppen steigen wie er. „Gesunde Lebensweise und der Garten“, sagt er, will über sich oder die Familie aber nicht viel mehr erzählen. Nach wie vor steht für ihn die Sache im Mittelpunkt, und nicht seine Person.

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