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Wie die Görlitzer "Evita" mit Baby probte

An über 20 Abenden steht Anna Gössi in einer Glanzrolle auf der Bühne im Stadthallengarten. Für die Schweizerin ist es eine besondere Rückkehr zum Theater.

Sopranistin Anna Gössi im Görlitzer Stadthallengarten vor dem Balkon, auf dem sie an den Abenden "Wein' nicht um mich, Argentinien" singt.
Sopranistin Anna Gössi im Görlitzer Stadthallengarten vor dem Balkon, auf dem sie an den Abenden "Wein' nicht um mich, Argentinien" singt. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Im weißen Kleid hoch über dem Stadthallengarten zu ihrem Publikum zu singen, in einem Bühnenbild, da seinesgleichen sucht: Für Anna Gössi ist die Evita eine Traumrolle.

Seit der Premiere des Musicals von Andrew Lloyd Webber am vergangenen Freitag im Görlitzer Sommertheater steht die junge Sopranistin bis Ende Juli 21 Mal als Eva Perón auf der Bühne – die hell erleuchteten Fenster der Stadthalle im Rücken, vor sich die Zuschauer, die den Welthit "Wein' nicht um mich, Argentinien" in Gedanken mitsingen können.

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Erste ernste Rolle

"Ich bin wahnsinnig glücklich darüber, diese Rolle spielen zu können", sagt Anna Gössi, die aus der Schweiz stammt und in der Spielzeit 2016/17 ans Gerhart-Hauptmann-Theater kam. Damals sprang sie spontan als Schwangerschaftsvertretung ein und lebte in der Ungewissheit, wie lange sie würde bleiben können. Von Beginn an war die Sängerin am Görlitzer Musiktheater wegen ihrer fröhlichen Art eher auf die komödiantischen und mädchenhaften Rollen festgelegt. Ihre größte Rolle war hier die Dorothy im "Zauberer von Oz", auch einer Sommertheaterproduktion.

Anna Gössi als Evita im Görlitzer Sommertheater mit der Stadthalle als Kulisse.
Anna Gössi als Evita im Görlitzer Sommertheater mit der Stadthalle als Kulisse. © Artjom Belan

"Umso mehr freue ich mich, die Chance bekommen zu haben, einen ernsteren Charakter zu spielen", sagt Anna Gössi, "eine Frau, die sich im Leben durchgesetzt hat und im Verlauf des Stücks eine Entwicklung durchmacht." Sie spielt die Evita Perón von der 15- bis zur 33-Jährigen, und jedes dieser Lebensalter nimmt man ihr ab.

Mancher behauptet, die junge Frau sei nach der langen Theaterpause mit größerer Reife auf die Bühne zurückgekehrt, und hat damit vielleicht nicht ganz unrecht. Einerseits hatte Anna Gössi zuvor nie Gelegenheit zu beweisen, dass sie auch andere Seiten hat, andererseits hat sich in ihrem Privatleben einiges bewegt. Denn sie hat nicht nur wie viele andere Theaterdarsteller eine Zwangspause wegen Corona hinter sich, sie war auch bis vor Kurzem in Elternzeit.

Pendeln mit Kind zwischen Soloturn und Görlitz

Im Sommer 2019 ging sie in den Mutterschutz – schwangere Theaterdarstellerinnen unterliegen wegen der späten Proben und Auftrittszeiten schon früh dem Beschäftigungsverbot –, im Januar 2020 kam ihr kleiner Sohn zur Welt. "Ich hatte mir alles so schön überlegt", sagt sie. "Ursprünglich wollte ich nur ein paar Monate zu Hause bleiben und im Sommer 2020 meine Elternzeit unterbrechen, um die Evita zu spielen." Nun war sie fast zwei Jahre weg vom Theater, dafür konnte sie viel Zeit mit ihrem Sohn verbringen.

Mit ihm und ihrem Mann lebt Anna Gössi im Wechsel in Soloturn in der Schweiz, ganz in der Nähe ihrer Heimatstadt Biel im Kanton Bern, und in Görlitz. "Das Theaterleben macht das zum Glück möglich", sagt sie. In manchen Produktionen wirke sie nicht mit, dann könne sie länger in der Schweiz sein und komme nur hin und wieder nach Görlitz.

Aber in Zeiten wie den vergangenen Wochen mit vielen Proben und nun vielen Aufführungen kümmert sich ihr Mann um das Kind, während sie arbeitet, oder eine Görlitzer Studentin, die gern das Babysitting übernimmt. In der Pause zwischen den Vormittags- und Abendproben kann Anna Gössi ihren Sohn sogar selbst zum Mittagsschlaf hinlegen. "Mein Sohn ist natürlich ein echtes Theaterkind, das morgens nicht vor neun Uhr wach wird und erst abends um elf einschläft", sagt Anna Gössi.

Wieder Karten für Evita

Jetzt nach der langen Pause wieder aufzutreten, ist für Anna Gössi eine große Freude. Wie alle anderen Künstler, ob Sänger, Schauspieler, Musiker oder Tänzer, hat sie es vermisst, auf der Bühne zu stehen. "Genau wie meine Kollegen bin ich total froh, dass es jetzt wieder losgeht", sagt sie. Ein Künstler lebe schließlich davon, vor Publikum spielen zu können. Die coronabedingte Schließung der Theater habe für "kalten Entzug" gesorgt.

Manche hätten zwar Inszenierungen auf Video aufgenommen. "Aber die richtige Atmosphäre kann nur mit Publikum entstehen. Und auf das haben wir uns alle riesig gefreut." Für sie sei es deshalb überhaupt keine Belastung, die Evita so oft zu spielen. "Wenn man eine Rolle über 20 Mal spielt, hat man auch über 20 Mal die Chance, etwas besser zu machen."

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Die Zahl der Zuschauer war bei den ersten Vorstellungen noch begrenzt. Wegen des Abstandsgebots durften nur 180 Menschen auf der für 600 Plätze ausgelegten Tribüne sitzen, die meisten Vorstellungen waren ausverkauft. Jetzt aber ist es durch die neue Corona-Schutz-Verordnung möglich, die Tribüne mit 320 Zuschauern zu besetzen, deshalb gibt es für viele Evita-Vorstellungen wieder Karten. Nötig ist aber weiterhin ein tagesaktueller negativer Corona-Test.

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