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Kämpfer für alle Familien?

Die Abberufung Eugen Böhlers als Görlitzer Familienbeauftragter ist vorerst verschoben. Er gilt als umstritten, hat aber auch viele Unterstützer.

Eugen Böhler auf der Baustelle Alte Mälzerei in Görlitz, ein Anbau des Tivoli, den die FeG saniert.
Eugen Böhler auf der Baustelle Alte Mälzerei in Görlitz, ein Anbau des Tivoli, den die FeG saniert. © Nikolai Schmidt

Seit acht Jahren ist er der Kämpfer für die Familien. Eugen Böhler, 46 Jahre alt, Pastor der Freien evangelischen Gemeinde (FeG). Jetzt plötzlich sollte damit Schluss sein, auf der Tagesordnung des November-Stadtrates stand ein Beschluss zur Abberufung Böhlers. Dieser wurde zwar kurzfristig wieder heruntergenommen, aber soll in einer der nächsten Sitzungen behandelt werden.

Für die Abberufung werden rein formelle Gründe angegeben. Bislang war die Amtszeit unbegrenzt. Die im Sommer 2020 in Kraft getretene Änderung der Hauptsatzung sieht allerdings eine Koppelung an die Wahlperiode des Stadtrates vor. Laut Begründung der Stadt müsse deshalb die Stelle öffentlich ausgeschrieben und der Stadtratsbeschluss auf unbefristete Bestellung des Beauftragten aufgehoben werden. Dass dieselbe Person erneut bestellt werde, sei möglich.

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Die Sache mit der Aufklärungsschau

Gegen die Abberufung Böhlers regte sich nun in einigen Fraktionen Protest. Vor allem in der CDU, der Böhler auch durch persönliche Verbindungen nahesteht – besonders CDU-Chef Gerd Weise, der selbst Mitglied der Freikirche ist. Er möchte deshalb zu dem Thema auch nicht Stellung beziehen. Aber Fraktionskollege Dieter Gleisberg, der nur lobende Worte für Böhlers Arbeit findet und dessen Unabhängigkeit betont. Er habe sich stets erfreuen können an Böhlers Mut, der Verwaltungsspitze und den Stadträten entgegenzutreten, seinem Gerechtigkeitssinn, seinem Herz für die Familien, auch für die Schwachen, aber auch an seinem Humor. „Ich kann mir auch eine Wiederwahl von Eugen Böhler vorstellen.“ Böhler habe als Familienbeauftragter mehrere Schlachten geschlagen – „in meinen Augen parteiunabhängig, für die Familien“, sagt Gleisberg.

In der Tat hat sich Böhler, der seit 2006 mit seiner Familie in Görlitz lebt, unter anderem bei der Einführung der familiengerechten Kommune, beim Aufbau des Familienbüros, in der Schulpolitik und für den Erhalt des Sportplatzes in Hagenwerder engagiert. Als es 2017 um die sogenannten Harzt-IV-Häuser von Kommwohnen ging, sprach sich Böhler für eine gleichmäßige Durchmischung aus Flüchtlingen, Hartz-IV-Empfängern und werktätiger Bevölkerung aus.

Mit deutlichen Worten trat er 2017 in Erscheinung, als er sich gegen die Ausstellung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aussprach, die eine Woche lang auf dem Marienplatz gastierte und vor allem Jugendliche ansprach. “Beschämend“ nannte er die Schau, sie sei eine „pervertierte Frechheit“, eine „Dildo-Geisterbahn“. Andere hatten damit weniger Probleme, eine Mutter und auch eine Lehrerin widersprachen Böhler damals klar. Auch Stadt und Landkreis konnten an der Ausstellung nichts Anstößiges finden, immerhin war das Ansinnen, über sexuell übertragbare Infektionen und Geschlechtskrankheiten aufzuklären.

Stein des Anstoßes: die Aufklärungssausstellung auf dem Görlitzer Marienplatz 2017. Was viele für richtig und wichtig hielten - nämlich Jugendliche über sexuell übertragbare Krankheiten aufzuklären - fiel beim Familienbeauftragten in der Umsetzung völlig
Stein des Anstoßes: die Aufklärungssausstellung auf dem Görlitzer Marienplatz 2017. Was viele für richtig und wichtig hielten - nämlich Jugendliche über sexuell übertragbare Krankheiten aufzuklären - fiel beim Familienbeauftragten in der Umsetzung völlig © Pawel Sosnowski/80studio.net

Diese Geschichte hat Böhlers Zeit als Familienbeauftragter scheinbar sehr geprägt. Dass er die Ausstellung auch als „Dildo-Geisterbahn“ bezeichnete, war und sei eines Beauftragten nicht würdig, der für alle Familien Ansprechpartner sein soll – unabhängig von deren Glauben und Weltanschauung. Das findet Mike Altmann von Motor Görlitz. Und schiebt noch mehr Kritik nach: „Nicht sichtbar war für uns eine Lobbyarbeit für Kinder und Jugendliche, eine Zielgruppe, für die Herr Böhler neben Familien ebenfalls zuständig ist.“

Als zu konservativ sieht ihn die Linke. Ihnen ist auch Böhlers Familienbild ein Dorn im Auge. Jana Lübeck von der Fraktion sagt: „Soweit mir bekannt ist, vertritt Herr Böhler sicherlich auch sein eigenes Interesse der FeG. Diese vertritt die Familie als Mann-Frau-Kinder-Modell und unterstützt nicht vollumfänglich das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper. Dies ist jedoch eine Meinung, die jemand haben kann und darf.“

Vorwurf: Böhler ist zu konservativ

Allerdings sei es wichtig, dass alle Familien – auch Alleinstehende mit Kindern oder andere Modelle des Zusammenlebens – mehr Unterstützung und Interessenvertretung erhalten sollten. „Daher steht es vielleicht im Widerspruch zu den Aufgaben des Familienbeauftragten, wenn dieser mit fundamental-christlicher Prägung und Predigt seine eigenen, teils nicht mehr zeitgemäßen Ansichten vertritt statt die einer fortschrittlichen, demokratischen und offenen Gesellschaft“, sagt Jana Lübeck. „Bisher hatte ich auch nicht den Eindruck, dass Herr Böhler eine andere Interessengruppe als die der FeG bedienen konnte.“ Da er ja dennoch im Bereich der Familienarbeit in seiner Gemeinde und in seinen Vereinen wirken werde, könne die Stelle des Familienbeauftragten sicherlich nach so langer Zeit einmal von einer anderen Person übernommen werden. Dennoch danke man als Linksfraktion Eugen Böhler für sein Engagement.

Von einer Neubesetzung der Position erhoffe man sich nun eine Öffnung des oder der Familienbeauftragten für alle Formen von Familie sowie ein stärkeres Einmischen in die Stadtratsarbeit. Der Familienbeauftrage sollte ein Sprachrohr und Mitgestalter für Familien und Jugendliche sein, sich mit vielen Lebenswelten vertraut machen und weniger die bereits vorhandenen traditionellen Ansichten von Teilen des Stadtrates verstärken.

Bürgerfraktion wünscht sich frischen Wind

Die Bürgerfraktion wünscht sich ebenfalls frischen Wind. Zwar fülle Böhler sein Amt aus. Aber, so Yvonne Reich (BfG), es werde nach den vielen Jahren des Vertrauens und der Zusammenarbeit auch Zeit, eine andere Handschrift kennenzulernen. „Wir achten die Arbeit von Herrn Böhler, seinen Einsatz. Er hat sich mit einer sehr eigenen Handschrift eingebracht. So wollen wir das auch weiterhin.“ Ein Familienbeauftragter habe ein breites Tätigkeitsfeld, das er sich zum großen Teil selbst zurechtlegen kann. Der Stadtrat wolle dort nicht in Stein gemeißelte Themen vorgeben. „Aber auch an der Stelle wollen wir endlich Nägel mit Köpfen machen und eine Handlungsempfehlung mit auf den Weg geben“, sagt Yvonne Reich. „Da hatte Herr Böhler eher Neuland zu beackern.“

Rückendeckung kommt von der AfD, auch wenn sie einräumt, nicht immer einer Meinung mit Böhler gewesen zu sein. „Trotzdem möchte die Fraktion ihn als Familienbeauftragten nicht missen“, sagt AfD-Fraktionschef Lutz Jankus. Sofern sich Böhler entschließe, erneut für das Amt des Familienbeauftragten zu kandidieren, würde die Fraktion für ihn stimmen.

Aber will er überhaupt weitermachen? Eugen Böhler äußerte sich bislang nicht dazu, ob er erneut kandidieren würde. Rückblickend sagt er, er habe seine Aufgabe darin gesehen, eher anwaltlich die Interessen der Familien zu begleiten und sich mit der Verwaltung, dem OB oder dem Stadtrat kritisch konstruktiv zu beschäftigen und zur Not auch laut anzulegen. „Ich denke, Görlitz ist so schlecht nicht, auch wenn natürlich auf allen Ebenen weiterentwickelt werden muss.“

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