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Auf der Suche nach Großvaters Platz in der Synagoge

Michael Guggenheimer hat die Sanierung der Synagoge verfolgt. Jetzt hat der Nachfahre von Görlitzer Juden sie besucht und mit skeptischem Blick betrachtet.

Der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu, der Schweizer Journalist und Autor Michael Guggenheimer und Benedikt M. Hummel, Geschäftsführer der Görlitzer Kulturservicegesellschaft (v.l.) im Kulturforum Görlitzer Synagoge.
Der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu, der Schweizer Journalist und Autor Michael Guggenheimer und Benedikt M. Hummel, Geschäftsführer der Görlitzer Kulturservicegesellschaft (v.l.) im Kulturforum Görlitzer Synagoge. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Wo mag sein Platz gewesen sein, wo mag er sein kleines Fach gehabt haben? Michael Guggenheimer glaubt inzwischen, dass er nie mehr erfahren wird, wo Dr. Fritz Warschawski in der Görlitzer Synagoge einst seinen festen Sitzplatz mit Namen und Fach für Gebetsmantel und Gebetsbuch hatte. Dass er einen hatte, weiß sein Enkel Michael Guggenheimer aus Archiven. Erzählt hat der Großvater ihm nie davon, nach dem Krieg wurde in der Familie nicht mehr über die Zeit in Görlitz gesprochen. Hier lebten Guggenheimers Großeltern bis 1933, hier hatte der Großvater auf der Berliner Straße eine Zahnarztpraxis, hier wurde Michael Guggenheimer geboren und hier verbrachte Michael Guggenheimers Mutter ihre Kindheit.

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Guggenheimer selbst wurde nach der Flucht seiner Familie aus Nazideutschland 1946 in Tel Aviv geboren, lebt inzwischen seit vielen Jahren in Zürich. Von hier führten ihn nach der politischen Wende in Deutschland unzählige Besuche nach Görlitz, mindestens einmal jährlich.

Der Journalist und Autor Michael Guggenheimer kommt regelmäßig aus seinem Wohnort Zürich nach Görlitz, wo seine Großeltern und seine Mutter herstammten.
Der Journalist und Autor Michael Guggenheimer kommt regelmäßig aus seinem Wohnort Zürich nach Görlitz, wo seine Großeltern und seine Mutter herstammten. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Jetzt ist er wieder da - zum ersten Mal seit eineinhalb Jahren, die Pandemie ließ es nicht anders zu. Der Anlass: eigentlich ein trauriger. Ein guter Freund Guggenheimers ist verstorben. Er kommt zu seiner Urnenbeisetzung, will dort auch einige Worte sagen. „Er war derjenige, den ich schon bei meinem ersten Görlitz-Besuch kennenlernte, der mir so viel von der Stadt gezeigt und mich all die Jahre immer vom Zug abgeholt hat. Nun das erste Mal nicht mehr.“

Dennoch nutzt der Schweizer die Tage in Görlitz, um sich wie eigentlich immer auf kulturelle Spuren zu begeben - meistens der jüdischen Kultur. Ziel Nummer eins: die wiedereröffnete Synagoge. Hier war er oft gewesen, hat unter anderem zweimal der Verleihung des Brückepreises beigewohnt, hat immer mit großem Interesse die Sanierung verfolgt. Von Oberbürgermeister Octavian Ursu und Kulturservice-Chef Benedikt Hummel geführt, sah er sie nun zum ersten Mal in neuem Glanz. Fast in zu viel Glanz, wie er findet. Ein bisschen übersaniert, sagt er. Er hätte sich noch mehr sichtbare Spuren der Geschichte gewünscht. Die gibt es freilich, denn es war immer das Ansinnen der Stadt, die Versehrtheit des Gebäudes trotz Sanierung zu zeigen. Doch die Spuren sind auf den ersten Blick nicht sofort erkennbar: die Gedenktafel für die jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkrieges, deren Buchstaben nicht wieder ersetzt wurden. Oder die Stellen an Wänden und Decken, an denen man die originalen Farbbefunde gelassen hat.

Die Kunstausstellung "schoener_schein" von Detlef Schweiger ist aktuell in der Synagoge zu sehen - Hunderte CDs sorgen für beeindruckende Effekte. Allerdings hätte sich Michael Guggenheimer eine Erklärung des Projekts gewünscht.
Die Kunstausstellung "schoener_schein" von Detlef Schweiger ist aktuell in der Synagoge zu sehen - Hunderte CDs sorgen für beeindruckende Effekte. Allerdings hätte sich Michael Guggenheimer eine Erklärung des Projekts gewünscht. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Beeindruckt ist Guggenheimer von den Leuchtern, die wie Originale erscheinen. In aufwendiger Arbeit ist ihr Aussehen zunächst anhand weniger alter Fotos recherchiert worden, um sie dann von einer Spezialfirma aus dem Erzgebirge nachbauen zu lassen. Großen Gefallen findet er oben in der Sängerempore an den goldenen Bögen, jene, die sich als Motiv auch an der Kuppelbemalung wiederfinden. „Finde ich großartig“, sagt er. Die Synagoge erinnert ihn an jene in Augsburg, „die gleiche Dimension, nur ohne die ganzen Verzierungen“.

Michael Guggenheimer weiß, wovon er spricht. Gläubiger Jude sei er nicht, räumt er ein, aber dennoch Jude und ungemein an der jüdischen Kultur interessiert. Wann immer er auf Reisen ist, besucht er Synagogen und jüdische Friedhöfe. So hat er den Vergleich und findet für die fertig sanierte Görlitzer Synagoge auch kritische Worte: „Keine Frage: Es ist toll, dass sie hier steht und nicht zerfällt. Trotzdem knirscht es noch ein wenig in mir drin, es ist eben ein pures Denkmal. Es gibt authentischere Synagogen, beispielsweise die in Amsterdam“, findet er, hofft aber, dass auch die Görlitzer Synagoge in ein paar Jahren authentischer ist.

Blick von der Sängerempore in den Kuppelsaal. Die sich wiederfindenden goldenen Bögen haben Michael Guggenheimer besonders gefallen.
Blick von der Sängerempore in den Kuppelsaal. Die sich wiederfindenden goldenen Bögen haben Michael Guggenheimer besonders gefallen. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Ob hier regelmäßig Gottesdienste stattfinden werden - da ist er nicht sicher. Die Möglichkeit gibt es zwar, dafür wurde extra die Wochentagssynagoge wieder eingerichtet. Doch sind auch zehn Männer für einen Gottesdienst nötig. Das Haus als Kulturforum zu nutzen, findet der Autor gut. Vieles kann er sich hier vorstellen: Lesungen, Konzerte, Vorträge, Debatten zu Fragen, die uns beschäftigen. „Gesprächsrunden auch über Umweltfragen oder die Pandemie - warum nicht.“ Nur politischen Parteien sollte das Haus kein Gastgeber sein, da stimmt er mit der Stadt überein. Oberbürgermeister Octavian Ursu betont noch einmal, wie sensibel und konsequent die Stadt mit dem Haus umgehen möchte, dass Politik draußen bleiben müsse, nicht aber gesellschaftliche Fragen.

Ob der nächste Brückepreis auch wieder in der Synagoge verliehen wird, interessierte ihn noch. Doch das stehe noch nicht ganz fest, so OB Ursu. So oder so: Nach Görlitz wird Michael Guggenheimer immer wieder zurückkehren - auch in die Synagoge. Es ist einer der Orte, an dem er seiner Familie noch nahe sein kann. In seinem Buch „Görlitz. Schicht um Schicht - Spuren einer Zukunft“ schreibt er von Rückkehr in die Stadt seiner Familie, von der Vorstellung, dass es seine Heimatstadt hätte sein können, wäre seine Familie nicht zur Flucht gezwungen gewesen.

Ein bisschen hat er sie sich wieder zur Heimat gemacht. Durch sein Engagement - unter anderem während der Kulturhauptstadtbewerbung, durch sein Buch über Görlitz - doch in erster Linie durch seine Besuche selbst. Beim ersten hatte er seine Eltern dabei, sie blieben einen Tag. Später waren es lange Besuche allein, da bat er nochmal um Einlass in das alte Kinderzimmer seiner Mutter in der Wohnung am Postplatz, in das frühere Wartezimmer von Großvaters Praxis auf der Berliner Straße, ging natürlich in die Synagoge auf der Otto-Müller-Straße. „Ich habe die Stadt, aus der meine Großeltern weggezogen sind und in der meine Mutter nicht hat erwachsen werden können, mit unserem Atem belebt“, schreibt er in seinem Buch.

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