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Das große Hoffen im Görlitzer Tourismus

Nach dem Zwischenhoch im Sommer ist es jetzt wieder menschenleer. Welch große Bedeutung die Touristen für Görlitz haben, zeigt eine Studie.

Touristen auf der Brüderstraße in Görlitz: Im Sommer - nach dem ersten Lockdown - prägten sie wieder das Bild in der Altstadt.
Touristen auf der Brüderstraße in Görlitz: Im Sommer - nach dem ersten Lockdown - prägten sie wieder das Bild in der Altstadt. © Nikolai Schmidt

Der Lockdown, die vielen katastrophalen Wochen im Frühling - sie schienen vergessen, als über den Sommer wieder Tausende Touristen nach Görlitz strömten. Fast so viele wie nie zuvor, hätte man meinen können, so voll waren die Straßen, Gassen und Plätze. Welchen Stellenwert der Tourismus aber letztlich wirklich für die Stadt hat, lässt sich nur erahnen. Was wirklich alles dahinter steht und wie Görlitz von seinen Gästen tatsächlich profitiert, hat sich die Stadt von der Münchener dwif Consulting GmbH, einem Tourismusexperten, ausrechnen lassen.

dwif-Geschäftsführer Lars Bengsch sagt: "Tourismus in Görlitz ist ein Hundert-Millionen-Euro-Geschäft." Natürlich nicht im Corona-Jahr, wo allein nach dem Frühjahrslockdown ein Minus von rund 19 Millionen Euro zubuche stand. Deshalb hat sich dwif für die von der Europastadt Görlitz/Zgorzelec GmbH (EGZ) beauftragte Studie das Jahr 2019 als Grundlage genommen und kommt auf beeindruckende Zahlen.

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2,56 Millionen Aufenthaltstage kommen da zusammen - Tagestouristen und Übernachtungsgäste zusammengenommen. Aus dieser Zahl hat man errechnet, wer von den Gästen am meisten profitiert - nämlich Gastgewerbe, Einzelhandel und Dienstleister. Schließlich geht man auch im Urlaub mal zum Friseur, zur Massage oder fährt mit dem Taxi. Einen deutlichen Unterschied gibt es aber: Während von den Tagesgästen der Einzelhandel am meisten hat, profitiert das Gastgewerbe, also Hotels, Pensionen, Gaststätten, mehr von jenen Görlitz-Besuchern, die hier ein paar Nächte bleiben.

48 Millionen Euro fürs Stadtsäckel

Insgesamt hat das Münchner Unternehmen ausgerechnet, dass allein im Jahr 2019 rund 45 Millionen Euro Umsatz ins Görlitzer Gastgewerbe geflossen sind, 33 Millionen Euro in den Einzelhandel und noch 23,5 Millionen Euro in den Dienstleistungssektor. Woher man das so genau wissen will? Lars Bengsch erklärt, dass sein Unternehmen wöchentlich Interviews mit Deutschen führt, wo beispielsweise nach Tagesreisen gefragt wird, wie lange man wo war und was für Geld man ausgegeben hat. Zusammen mit vielen anderen Quellen und statistischen Angaben ließen sich dann so genaue Summen ermitteln.

Wenn das für Görlitz erstmal viel klingt - es müssen auch die ganzen Vorleistungen einbezogen werden, erklärt Bengsch. Der Bäcker, der die Frühstücksbrötchen ins Hotel liefert, die Werbeagentur, die den Online-Auftritt macht, der Gärtner, der für die Deko sorgt, die Brauerei, der Großhandel, der Energielieferant, letztlich das Baugewerbe. So kommt Bengsch auf die 101,7 Millionen Euro Bruttoumsatz, die der Tourismus Görlitz 2019 beschert hat. Zieht man Löhne und Vorleistungen ab, blieben immer noch rund 48 Millionen Euro touristisches Einkommen, das direkt im Stadtsäckel landet.

Kaum waren die Touristen zurück, schossen auch die Angebote bei den Stadtrundfahrten plötzlich wie Pilze aus dem Boden. Sieben, acht Busse zeitgleich drängelten sich manchmal auf dem Obermarkt - immer im Bemühen, den eigenen Bus voll zu bekommen.
Kaum waren die Touristen zurück, schossen auch die Angebote bei den Stadtrundfahrten plötzlich wie Pilze aus dem Boden. Sieben, acht Busse zeitgleich drängelten sich manchmal auf dem Obermarkt - immer im Bemühen, den eigenen Bus voll zu bekommen. © André Schulze

"Tourismus in Görlitz ist deshalb eine wichtige Wirtschaftsbranche - ein Jobmotor, auch wenn das nicht immer sofort erkennbar ist", so Bengsch Er schätzt, dass 2.750 Personen direkt davon abhängen.

Umso fataler das Corona-Jahr 2020. Viele der 2.750 Görlitzer, die direkt betroffen sind, sind in Kurzarbeit oder standen zeitweise ganz mit leeren Händen da, etwa selbstständige Stadtführer. Was bleibt also vom großen Plus der vergangenen Jahre? Denn eine dwif-Erhebung für Görlitz gab es auch 2015 schon einmal - der direkte Vergleich zu 2019 zeigt einen deutlichen Aufwärtstrend beim Tourismus. Die stetig gestiegenen Übernachtungszahlen der vergangenen Jahre belegen das. Natürlich auch die Zahlen: So stieg der Bruttoumsatz von 86,2 Millionen Euro (2015) auf 101,7 Millionen Euro und damit um knapp 18 Prozent.

Monika Knechtel (2.v.r.) war Ende Mai eine von vielen Stadtführern, die froh waren, Touristen wieder die Stadt zeigen zu können.
Monika Knechtel (2.v.r.) war Ende Mai eine von vielen Stadtführern, die froh waren, Touristen wieder die Stadt zeigen zu können. © Nikolai Schmidt

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So schnell, das ist in der Branche ohne Zweifel, werde sich der Tourismus nun aber nicht von Corona erholen. Experten schätzen, dass das Vor-Corona-Niveau vielleicht 2024 erst wieder erreicht ist. EGZ-Geschäftsführerin Andrea Behr sagt: "Auch wenn Görlitz im Sommer sehr gut besucht war und wir zum Teil Spitzenwerte bei Ankünften und Übernachtungen verzeichneten, können die Verluste jedoch bei weitem nicht zeitnah aufgeholt werden. Wir hoffen sehr, dass die Wirtschaftshilfen die Betriebe in Görlitz stabilisieren und über die Pandemiezeit, die sich zur Existenzkrise entwickelt hat, retten können.“ Die EGZ werde alles tun, das Niveau von 2019 wieder zu erreichen - mindestens." Freilich, die ambitionierten Ziele, die im Görlitzer Tourismuskonzept bis 2025 erreicht werden sollten, würden etwas angepasst werden müssen.

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