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Vom Wochenmarkt ins Erotikgeschäft

Nach 27 Jahren draußen ist das Görlitzer Ehepaar Nguyen mit seinem Gemüsehandel in einen Laden gezogen. Der Grund ist sehr persönlich.

Endlich ein festes Dach über dem Kopf: Kim Nguyen im eigenen Laden auf der Elisabethstraße. Am Dienstag war Eröffnung.
Endlich ein festes Dach über dem Kopf: Kim Nguyen im eigenen Laden auf der Elisabethstraße. Am Dienstag war Eröffnung. © André Schulze

Draußen gibt es gerade einen heftigen Schauer. "Bei solchem Wetter hätte ich wieder Rückenschmerzen", sagt Kim Nguyen. "Und im Winter sowieso. Ich bin so froh, dass wir jetzt hier drin sind." Mit hier drin meint sie den früheren Erotikladen auf der Görlitzer Elisabethstraße. Wo es einst erotische Filmchen, Sexspielzeug und aufreizende Wäsche zu kaufen gab, wo Videokabinen Kunden ein paar Minuten Intimsphäre boten - dort gibt's jetzt Salat und Bananen. Rein gar nichts erinnert mehr an die Vormieterin.

Inge Bullmann hatte den Laden seit 1990 zusammen mit ihrem Mann geführt, auch nach Eintritt ins Rentenalter und dem Tod ihres Mannes machte sie weiter - bis letzten Oktober. Mit einer ganzen Party-Woche nahmen sie, ihre Freunde und Stammkunden Abschied von dem Geschäft. Ähnlich gefeiert wurde jetzt das vietnamesische Ehepaar Nguyen für die Wiedereröffnung. Freilich von einem ganz anderen Publikum - einem vorwiegend älteren. "Meine Omis", sagt Kim Nguyen liebevoll, "haben so viele Geschenke gebracht und uns Glück gewünscht." Stolz zeigt die Endvierzigerin die Blumen, Karten und Süßigkeiten, die sie am Dienstag bekam. Die meisten Blumen wurden gleich mit Vase überreicht, "sie wissen, dass ich hier keine habe."  

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Nicht wiederzuerkennen: Das Geschäft, das Inge Bullmann vorher in der Elisabethstraße hatte, hatte viele Regale und mehrere abgetrennte Videokabinen. Davon blieb nichts übrig.
Nicht wiederzuerkennen: Das Geschäft, das Inge Bullmann vorher in der Elisabethstraße hatte, hatte viele Regale und mehrere abgetrennte Videokabinen. Davon blieb nichts übrig. © nikolaischmidt.de

Schon länger hatte sich die Vietnamesin ein Geschäft gewünscht - nicht erst seit den Corona-Querelen um den Wochenmarkt. Seither durften sie nur noch an drei Tagen in der Woche ihren Verkaufswagen öffnen. Im Mai hatten sie gegenüber der SZ Freude und Frust gleichermaßen geäußert. Freude darüber, dass es nach sechs Wochen endlich wieder losging. Frust über die drei Tage. 

Schlimme Diagnose nach Sturz

Doch das sei nicht der Grund für die Entscheidung gewesen, sich vom Markt zu verabschieden. Sie hat das schon seit zwei Jahren überlegt, sagt Frau Nguyen. Damals war sie im Winter nämlich schwer gestürzt, zu Hause auf dem Weg zur Garage auf Glatteis ausgerutscht und auf den Rücken geprallt. Doch trotz der Schmerzen und des Blutergusses glaubte sie, mit einer Woche Ruhe daheim sei es getan. Dann ging sie wieder arbeiten, trug wie es der Job nun mal erfordert, weiter schwere Kisten. "Wenn es kalt war, wurde es noch schlimmer mit den Schmerzen." Nach sieben Monaten ging die zweifache Mutter dann doch zum Arzt, Diagnose: Wirbelsäulenbruch in Brusthöhe. Kann man nichts mehr machen, sie komme viel zu spät, wurde ihr gesagt. 

Aber 15 Jahre hat sie noch bis zur Rente. Also überredete sie ihren Mann Dung, sich einen Laden zu suchen. "Er wollte erst nicht, aber ich habe gewonnen", sagt die fröhliche Frau. Sie haben länger gesucht und dann zugeschlagen beim seit Oktober leerstehenden Erotikmarkt - was lag näher als in unmittelbarer Marktnähe zu bleiben. Da müssen die Stammkunden nicht lange suchen. Und davon gibt es viele nach fast drei Jahrzehnten Präsenz auf dem Markt.

Diesen Stand betrieben die Nguyens 27 Jahre lang auf dem Görlitzer Wochenmarkt.
Diesen Stand betrieben die Nguyens 27 Jahre lang auf dem Görlitzer Wochenmarkt. © Nikolai Schmidt

Mit 18 Jahren in die DDR gekommen

Dabei hatten die Nguyens beruflich etwas ganz anderes gemacht. 1988 kam Kim Nguyen 18-jährig aus Vietnam. Bei Hanoi war sie aufgewachsen und zur Schule gegangen, kurz nach dem Abschluss ging sie als Näherin in die DDR - nach Limbach-Oberfrohna. "Anfangs habe ich nur geweint", erzählt sie. Verglichen mit der Lebensfreude und Quirligkeit des vietnamesischen Volkes kam ihr die DDR langweilig vor. Auch das Essen fand sie gewöhnungsbedürftig. Als ein Bekannter ihrer Schwester auch in die DDR kam und ihr im Auftrag der Schwester asiatische Nudeln mitbrachte, war das der Beginn einer Liebe, die bis heute hält.

Als sie nach der Wende - inzwischen arbeitslos geworden - gemeinsam eine Freundin in Görlitz besuchten, war das wiederum der Beginn ihres Lebens hier. Nach einem Jahr zogen sie her, reihten sich in die damals noch zahlreichen Stände ein und waren fortan Obst- und Gemüsehändler. Inzwischen ist die Stadt längst zweite Heimat, nach Vietnam flogen sie nur alle paar Jahre, wenn der Geldbeutel es hergab, die Eltern besuchen. Inzwischen sind sie verstorben, seither gab es keinen Heimatbesuch mehr. Nguyens Kinder sind in Görlitz groß geworden, die Tochter studiert inzwischen, der Sohn lernt noch am Augustum-Annen-Gymnasium.

Kunden bekommen Glückskekse

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Gleich um die Ecke also zum Arbeitsplatz der Eltern. Diese haben jetzt im eigenen Reich deutlich mehr Platz und ein entsprechend größeres Sortiment. Stolz zeigt Frau Nguyen ihr kleines Büro, die eigene Toilette. Ihr Mann ist gerade in Zittau - Ware kaufen. Die Kunden, die kommen, gratulieren zum neuen Geschäft, wünschen Glück und bekommen ihrerseits von Frau Nguyen alle zwei Glückskekse in die Tüte dazugepackt. Das hat sie sich für die Eröffnungswoche ausgedacht. Der Regen draußen hat aufgehört, und trotzdem ist Kim Nguyen heilfroh, drinnen zu sein - sowohl für ihre Ware ist das viel besser als auch für sie selbst. 

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