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Görlitz und Zgorzelec verlieren eine große Europäerin

Hanna Majewska hat die Versöhnung an der Neiße nach 1989 zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Jetzt starb sie. Ein Nachruf.

Hanna Majewska in ihrem Wohnzimmer in Zgorzelec vor sieben Jahren.
Hanna Majewska in ihrem Wohnzimmer in Zgorzelec vor sieben Jahren. © Archivfoto: Pawel Sosnowski

Sie war eine kleine, fast zierliche Frau, ihre Stimme wurde nur selten laut. Aber niemand sollte sich über ihre Hartnäckigkeit, ihren Lebenswillen täuschen: Hanna Majewska machte aus allem das Beste und wurde so zu einem Glücksfall für Görlitz und Zgorzelec. Am vergangenen Sonntag wäre sie 92 Jahre alt geworden, nur wenige Stunden zuvor schlief sie für immer ein, im Kreise lieber Menschen, wie ihre Familie über das soziale Netzwerk Facebook mitteilte.

Facebook war für die geistig bis ins hohe Alter agile Frau ein Blick in die Welt geworden, als das Gehen schwerer fiel und die Welt kleiner wurde. Als die SZ sie anlässlich ihres 85. Geburtstages besuchte, da war ihr die Mühsal des Alltags anzumerken. Doch ließ sie jedenfalls gegenüber dem Gast keine Larmoyanz aufkommen, so sei eben das Leben.

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Vom zerstörten Warschau über Jelenia Gora nach Zgorzelec

Das Beste draus machen. Das musste Hanna Majewska schon früh. Geboren bei Warschau, erlebt sie den Zweiten Weltkrieg in der polnischen Hauptstadt mit all den Verwüstungen, dem Grauen der hin- und herwogenden Front, die totale Zerstörung. Den Neuanfang wollte sie mitgestalten, sie studierte, um mit jungen Menschen zu arbeiten. Sie selbst war ja auch noch jung. So wurde sie Lehrerin. Der Zgorzelecer Bürgermeister Rafal Gronicz rief ihr jetzt nach, sie sei eine "außergewöhnliche Erzieherin, eine Lehrerin vieler Generationen in Zgorzelec gewesen. Respektiert, geliebt und bewundert".

Dass ihr Lebensweg sie nach Zgorzelec verschlug, lag an den Schwiegereltern. Bis Anfang der 1960er Jahre hatte Hanna Majewska zusammen mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Jelenia Gora gelebt. Doch Wohnraum war knapp, aber die Schwiegereltern wurden immer gebrechlicher - und so suchten die Majewskas eine Anstellung, die mit einem größeren Haus verbunden war. So bewarb sich ihr Mann auf einen ungeliebten Bankposten in Zgorzelec, einer Stadt ohne Geschichte, deren Menschen erst 15 Jahre zuvor aus allen Ecken und Enden Polens gekommen waren - nicht selten gegen ihren Willen: Vertriebene aus den polnischen Ostgebieten, die nun zu Russland gehörten, aus Zentralpolen, herausgerissen durch die Kriegszeit aus ihrem Leben, aus ihrer Heimat. Zgorzelec, das war auch ein Hafen der Gestrandeten der Nachkriegszeit.

Austausch über Grenzen hinweg

Doch Hanna Majewska machte tatendurstig das Beste draus. Und sie wollte sich mit der Grenze nicht abfinden. Für ihre Schüler organisierte sie Fahrten, beantragte Auslandsreisen. Da aber keine Übernachtungen erlaubt wurden, fuhr sie eben einen Tag nach Oybin. Sie ging weit vor der politischen Wende mit ihren Schülern ins Görlitzer Stadtmuseum, zeigte ihnen die alten Bücher in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften, stolperte mit ihnen über das Kopfsteinpflaster in der Altstadt. Hier gab es Geschichte. Und sie erlernte dabei auch die deutsche Sprache. "Wir wissen doch so wenig voneinander", sagte sie rückblickend vor sieben Jahren.

Daran knüpfte sie an, als die Neiße-Grenze ihr Trennendes nach 1989 peu à peu verlor. Es ist heute kaum noch vorstellbar, wie mühselig die Anfänge waren. Polen war noch nicht in der EU, Förderprogramme gab es nur für Görlitz, Zgorzelec blieb außen vor. Erst 2004 mit dem Beitritt Polens zur EU änderte sich das.

Doch Hanna Majewska sah nur Chancen, warf sich mit über 60 Jahren mit Elan und Kraft in die neue Zeit. "Die Türen öffneten sich für alles, wofür ich mich interessierte", beschrieb sie gegenüber der SZ die Situation. Sie gründete deutsche Vereine mit, schrieb für die Sächsische Zeitung Korrespondenzen aus Zgorzelec, stellte zusammen mit dem späteren SPD-Stadtrat Michael Prochnow polnische Literatur in Görlitz vor, trug die Nachrichten von Veranstaltungen über die Neiße, hörte geduldig zu, korrigierte, mahnte, verbesserte. Bei ihren Landsleuten, bei den Deutschen. "Ich blieb eben die alte Lehrerin", sagte sie rückblickend. Und sie fand immer Menschen, die Ideen und Kraft mit ihr teilten. Wer das miterlebte, der wurde darüber nachdenklich, was geschlossene Grenzen jahrzehntelang verhindert hatten. Und er freute sich daran, was nun möglich wurde.

Görlitz/Zgorzelec zeichneten sie aus

Wenn Hanna Majewska in den 1990er oder frühen 2000er Jahren über die Stadtbrücke zwischen den beiden Städten ging, da war das mittlerweile "ihre Stadt" und manchmal, gestand sie ein, murmelte sie beim Grenzübergang: "Wie ich diese Stadt liebe".

Sie war hoch respektiert. Zu ihrem 75. Geburtstag kam Oberbürgermeister Rolf Karbaum vorbei. Es war nochmal eine Anerkennung für sie, eine Würdigung der vielen ersten Schritte. Ihre alten Görlitzer Bekannten hat sie fast alle überlebt. Der Görlitzer Malermeister Friedrich Linke und Roland Antkowiak, der den Runden Tisch in Görlitz 1989/1990 moderierte, erhielten mit ihr die ersten Meridiane des Ehrenamtes der Europastadt Görlitz/Zgorzelec 1999.

Bevor Hanna Majewska am Wochenende starb, verstummten bereits vor einiger Zeit ihre Nachrichten auf Facebook. Nun kam die traurige Nachricht. Was bleibt, ist ein Leben voller Aufbrüche und Rückschläge, voller Liebe zu den Menschen, über alle Grenzen hinweg. "Wir haben viele Samenkörner in den Boden gesteckt, einige sind aufgegangen. Das ist schön", sagte sie zum Abschied vor sieben Jahren. Doch machte sie sich auch nichts vor: "Wir haben viele Chancen vergeben."

Der frühere Görlitzer Regionalbischof Hans-Wilhelm Pietz würdigte sie schon vor Jahren so: "Sie gehöre zu den Menschen, die Gräben mit Freundlichkeit überwinden, die Vorurteile ablegen und aufeinander zugehen."

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