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Görlitzer Fotofestival berührt mit Geschichten der Ärmsten

Zwölf Ausstellungen sind gerade im Fotomuseum zu sehen. Unter "Heimat" verstehen manche die Tunnels unter Bukarest, andere das Görlitz der 1980er.

Hans Dünnebeil und Hans Peil vom Fotomuseum in der Ausstellung über Straßenkinder in Bukarest.
Hans Dünnebeil und Hans Peil vom Fotomuseum in der Ausstellung über Straßenkinder in Bukarest. © Martin Schneider

Bruce Lee aus Bukarest nennt sich so, weil er ein starker Typ ist – stark inmitten einer Gruppe von Menschen, die viel Kraft brauchen, um überleben zu können. "Bruce Lee" und die Leute um ihn herum sind Straßenkinder, Jugendliche, Obdachlose inmitten der rumänischen Hauptstadt.

Hans Peil, Hans Dünnebeil und ihre Mitstreiter vom Görlitzer Fotomuseum haben den mehrfach ausgezeichneten italienischen Fotojournalisten Massimo Branca gewonnen, seine Ausstellung "Inside outside under Bucharest" hier zu zeigen.

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Zu Hause in warmen Tunneln

Mehrere Jahre lang hat Branca eine Gruppe rumänischer Obdachloser begleitet, mit ihnen zusammen in den warm durchlüfteten Fernwärmetunneln unter der Stadt gelebt und ihren Alltag in eindrucksvollen Fotografien dokumentiert: Verhärmte Kinder, die lieber in diesem Tunnel oder auf der Straße als in der Wohnung einer fremden Familie leben.

Das junge Mädchen auf dem Foto ist neben "Bruce Lee" eine der Hauptpersonen der Geschichte um rumänische Straßenkinder, die der Fotojournalist Massimo Branca mit zahlreichen Bildern erzählt.
Das junge Mädchen auf dem Foto ist neben "Bruce Lee" eine der Hauptpersonen der Geschichte um rumänische Straßenkinder, die der Fotojournalist Massimo Branca mit zahlreichen Bildern erzählt. © Martin Schneider

Drogensüchtige, die schon früh kein Zuhause hatten und hier eine Heimat fanden. Ein junges Mädchen, das sich mit HIV ansteckte und gerade einmal 18 wurde. Und immer wieder Bruce Lee, eine Art Vater für alle, der im Tunnel für die anderen Essen kocht, der ein paar Straßenhunde mitversorgt und der die Initiative ergreift, eine Baracke für die Gruppe zu renovieren.

Diese Bilder im zweiten Obergeschoss des Fotomuseums erzählen ganze Geschichten von Menschen, die auch unter widrigsten Bedingungen ein Leben haben und einen Ort ihr "Zuhause" nennen, der anderen Angst machen würde.

Heimat von Meer bis Moor

Denn Heimat ist das große Thema des diesjährigen, siebten Görlitzer Fotofestivals, genauer: "Heimat. Europa". Der erste Teil findet aktuell mit zwölf Ausstellungen im Fotomuseum auf der Löbauer Straße 7 statt, weitere – veranstaltet vom Förderverein Kulturstadt – gibt es ab 15. Oktober an verschiedenen Orten der Stadt.

Blick in die Ausstellung im Fotomuseum.
Blick in die Ausstellung im Fotomuseum. © Martin Schneider

Unter "Heimat" versteht jeder Künstler etwas anderes. Eine Fotografin hat die Rückseiten von Euro-Münzen mit je einer Alltagsszene aus dem Land zusammengebracht, aus dem das Geldstück stammt – Paris, Berlin, Barcelona, auch Polen, dann allerdings mit einer halben Zloty-Münze.

Ein Fotograf hat das Heimatgefühl eingefangen, das Sportplätze vermitteln können, und zahlreiche Basketballkörbe an verschiedensten Orten fotografiert. Einer hat Dixi-Toiletten verfolgt und sie auf Berliner Plätzen, etwa auch großen Baustellen, eine Nebenrolle spielen lassen.

Im Lichthof des Fotomuseums zeigt das Schlesische Museum die Riesengebirgsfotos von Jacek Jasko.
Im Lichthof des Fotomuseums zeigt das Schlesische Museum die Riesengebirgsfotos von Jacek Jasko. © Martin Schneider

Das Riesengebirge mit seinen tristen Dörfern und schroffen Landschaften ist eine Heimat, wie Jacek Jaskos Fotografien im Lichthof des Erdgeschosses zeigen – eine Ausstellung des Schlesischen Museums und zugleich Teil des Fotofestivals.

Auch eine Heimat: Görlitz, als es noch hässlich war

Es gibt Bilder von Strand und Meer, Wind und Düne. Eine Ausstellung ist das vielteilige Mosaik aus Bildern aus dem ostfriesischen Ort Rhauderfehn, dessen Boden im 18. Jahrhundert dem Moor abgerungen wurde. Wie Gefängnis zur Heimat werden kann, zeigt ein Fotograf in Porträts. André Baschlakow, der über Jahre die Lausitzer Tagebaulandschaften fotografierte, hat den langwierigen Bau des Berliner Flughafens verfolgt.

Hans Dünnebeil hat zusammen mit Hans Brettschneider aktuelle Fotos von Görlitz solchen gegenübergestellt, die sie lange vor der Sanierung so vieler Häuser aufgenommen haben.
Hans Dünnebeil hat zusammen mit Hans Brettschneider aktuelle Fotos von Görlitz solchen gegenübergestellt, die sie lange vor der Sanierung so vieler Häuser aufgenommen haben. © Martin Schneider

Um Görlitz geht es in der Schau zum 950. Jahrestag, wo neun junge Fotokünstler Perspektiven auf ihre Stadt zeigen. Das sind mal Nachtaufnahmen mit langen Belichtungszeiten von Bahnhof oder Kaisertrutz oder auch fantasievolle Bilder, die durch Doppelbelichtung entstehen und so verschiedene Motive wie Stadtansichten und den Blick durch Gardinen oder historische Räume und die Ornamentik eines anderen Ortes miteinander verbinden.

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Mit dem Blick fürs Verschwinden

Mit dem Blick fürs Verschwinden

Ein kleines Team von Idealisten stellt seit 2015 das Görlitzer Fotofestival auf die Beine. Gerade zum fünften Mal.

Hans Dünnebeil und Hans Brettschneider vom Fotomuseum haben für ihre Ausstellung "Wie die Zeit vergeht" Aufnahmen aus den 1970ern und 1980ern herausgesucht und ihnen neue Fotos der gleichen, heute sanierten Orte gegenübergestellt. Denn für viele Görlitzer ist sogar die graue, verfallende, noch unsanierte Stadt etwas, das Heimatgefühle auslöst.

Geöffnet von Di bis Do: 12–16 Uhr, von Fr bis So: 12 bis 18 Uhr.

Web: https://fotofestival-goerlitz.eu

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