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Kreis Görlitz: Grundschulen brauchen dringend Lehrer

Das Schuljahr ist noch frisch, aber Krankheit, Kur oder Schwangerschaften sorgen für große personelle Probleme. Ersatz hat die Bildungsagentur keinen.

Bekommt die Auswirkungen des Lehrermangels deutlich zu spüren: die Grundschule in Rothenburg.
Bekommt die Auswirkungen des Lehrermangels deutlich zu spüren: die Grundschule in Rothenburg. © André Schulze

Zehn Klassen lernen an der Görlitzer Diesterweg-Grundschule, zwei stehen aktuell ohne ihre Klassenlehrerin da, weil sie krank ist. Gute Nachrichten von einer weiteren Lehrerin dieser Schule: Sie bekommt ein Baby. Alles zusammen stellt Schulleiterin Andrea Skuras aber vor enorme Herausforderungen.

Stunden sollen nur im äußersten Notfall ausfallen, aber der bleibt nicht aus. Um noch etwas zu kompensieren, gibt die Schulleiterin - eigentlich Werklehrerin - zurzeit mit Mathe. „Dafür fällt aber Werken aus“, sagt Skuras, die die Schule im März 2020 kurz vor der Corona-Krise übernahm. Krisenerprobt ist sie also und auch immer bemüht, das Beste aus der Situation zu machen, schildern Eltern. Was die personellen Sorgen betrifft, geht sie damit offen auf die Eltern zu, sagt, wie die Lage ist. „Ich verstehe auch die Eltern, die das nicht gut finden, aber uns sind die Hände gebunden“, sagt Andrea Skuras. „Wir haben hier fast nur Teilzeit-Kräfte, Lösungen zu finden, ist schwierig.“

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Grundschulen besonders betroffen

Das Landesamt für Schule und Bildung in Bautzen nennt als eine der Lösungen in solchen Situationen, dass Teilzeit-Lehrer sich wieder auf Vollzeit hochstufen lassen. Für die Diesterwegschule trifft das nicht zu. „Es hat schon Gründe, warum alle nur Teilzeit gehen, wir arbeiten schon am Limit.“

Probleme, die durch den Lehrermangel entstehen, gibt es freilich an den meisten Schulen. Aber wie Vincent Richter vom Landesamt für Schule und Bildung in Bautzen bestätigt, sind es eben besonders die Grundschulen, die aufgrund ihres eher kleinen Kollegiums nur beschränkte Kapazitäten habe. Bei absehbaren Ausfällen wie Kuren oder Schwangerschaft prüft Bautzen, ob Abordnungen von Lehrkräften anderer Schulen möglich sind. Außerdem gibt es für längere Ausfälle das Programm Unterrichtsversorgung, über welches externes Personal zeitlich befristet eingestellt werden kann.

Greift das nicht, müsse Unterricht gekürzt werden. „Das heißt nicht, dass ein Unterrichtsfach komplett entfällt, sondern der wöchentliche Unterrichtsstundenumfang reduziert wird“, erklärt Vincent Richter. Nicht vorhersehbare Ausfälle von Lehrkräften reißen dann eben ein Loch in die Planungen der Schulen, so Vincent Richter. Oft bleiben dann nur Anpassungen der Stundenpläne oder Vertretungsunterricht.

Andrea Skuras (3.v.l.) mit drei ihrer Kolleginnen der Diesterwegschule. Zu den Herausforderungen der Pandemie-Zeit kommen noch die personellen Sorgen, mit denen sie wie viele andere Schulen auch zu kämpfen haben.
Andrea Skuras (3.v.l.) mit drei ihrer Kolleginnen der Diesterwegschule. Zu den Herausforderungen der Pandemie-Zeit kommen noch die personellen Sorgen, mit denen sie wie viele andere Schulen auch zu kämpfen haben. © Martin Schneider

Davon kann auch Annegret Böse ein Lied singen. Sie leitet die Grundschule in Rothenburg. Hier wünschen sich die Eltern aktuell, dass nicht so viel Musikunterricht ausfällt, thematisieren das auch bei den Elternabenden. Aber weil der zweite Musiklehrer fehlt, müssen sich die Klassenlehrer der ersten und zweiten Klassen derzeit mit Musik „kümmern“, sagt Annegret Böse. Anders gehe es im Moment nicht. Heißt: Dort gibt es keine richtigen Musikstunden.

„Das Wichtigste ist, dass vor jeder Klasse ein Lehrer steht und das bekommen wir gerade so hin“, sagt die Leiterin. Allerdings sei beispielsweise bereits eine ihrer Seiteneinsteigerinnen Klassenlehrerin und zwei Tage pro Woche nicht da, weil da das berufsbegleitende Studium läuft. Eine andere Klassenlehrerin fällt wegen Krankheit länger aus.

Kaum jemand möchte nach Ostsachsen

In Bautzen fühlt sich Frau Böse schon ernst genommen, aber letztlich komme von dort keine große Hilfe, da es nun mal nicht genug Lehrer gibt. Zwar sagt Vincent Richter, dass der Anteil der grundständig ausgebildeten Lehrkräfte - also studierter Lehrer - zunimmt, aber viel ist in Ostsachsen davon nicht zu merken. Eine junge Referendarin, die neu an einer Görlitzer Schule angefangen hat, sagt, dass sie aus ihrem Studiengang die einzige sei, die nach Ostsachsen kam. Angebote für die Region hätten mehrere Mitstudenten bekommen, aber alle abgelehnt. Man ziehe Schulen in Großstädten wie Dresden oder Leipzig vor. Dennoch ist es nicht so, dass sich hier die Schulen vor frisch gebackenen Lehrern kaum retten können, wie der Fall einer Dresdner Schule in dieser Woche zeigte.

Seiteneinsteiger werden weniger

Zudem sinkt die Quote der Seiteneinsteiger, wie das Landesamt einräumt. „Trotzdem sind Seiteneinsteiger eine wichtige Unterstützung für die Schulen“, sagt Vincent Richter. Zweimal im Jahr werden neue eingestellt. Nach einer dreimonatigen Einstiegsqualifizierung stehen sie dann schon vor der Klasse. Genau das ist für manchen Schulleiter Fluch und Segen zugleich. Segen, weil damit Ausfälle kompensiert werden können. Aber auch Fluch, weil „die Neuen“ natürlich vor allem am Anfang viel Unterstützung der Kollegen brauchen. So sieht es auch Martin Lipinski, der die Grundschule in Reichenbach leitet. Es sei ein Unding, unerfahrene Neulinge vor die Klassen zu stellen. Er selber habe an seiner Schule aber Glück mit den Seiteneinsteigern. Immerhin sind das vier von 13 Kollegen.

Auch in Reichenbach ist die Situation trotzdem nicht rosig. Gerade wurde eine Kollegin an eine andere Schule abgeordnet, weil dort noch dringender jemand gebraucht wurde. „Ich selber habe gerade vier Stunden Unterricht hinter mir, die nicht geplant waren. Meine andere Arbeit bleibt dadurch natürlich liegen“, sagt Lipinski. Wenn er in die Zukunft blickt, wird ihm schon bange. „In meinem Kollegium werde ich in den nächsten Jahren doch einige in den Ruhestand verabschieden.“ Aber wie an Ersatz kommen? Mit noch mehr Ausbildungsstätten in ländlichen Regionen, findet Martin Lipinski. Zwar werden bereits Lehrer in Löbau ausgebildet, aber die seien alle schon fest eingeplant. „Damit ist das Loch nicht allein zu stopfen.“

Eine Idee wie es gehen könnte, hat der Berliner Axel Nünke, der selber schon Lehrer ausbildet, aber eben nicht an einer Hochschule, sondern an einem privaten Weiterbildungsinstitut. In Berlin hatte Nünke das City Seminar, das er inzwischen aber verkaufte. Neun Monate theoretische Ausbildung und drei Monate Praxis an einer Schule - so lief hier die Lehrer-Ausbildung, für die Nünke die Bewerber sorgfältig aussuchte.

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