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Handwerk poliert sein Image auf

Selbst die Gesellenfreisprechung im Landkreis Görlitz ist diesmal online. Handwerker nutzen das Internet aber nicht nur für die Suche nach Lehrlingen.

Online-Kurse gegen Lockdown: Über die Zoom-Videokonferenz Plattform gibt ein Friseurmeister in Seminaren Tipps zum Zöpfeflechten.
Online-Kurse gegen Lockdown: Über die Zoom-Videokonferenz Plattform gibt ein Friseurmeister in Seminaren Tipps zum Zöpfeflechten. © dpa

An diesem Freitag erhalten 119 junge Frauen und Männer ihre Gesellenbriefe, darunter 64 Kraftfahrzeugmechatroniker, 27 Elektroniker, zehn Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, aber auch zwei Goldschmiedinnen und drei Tischler. Wegen der Corona-Pandemie erfolgt die Freisprechung online. Darüber und über Digitalisierung im Handwerk sprach sächsische.de mit Daniel Siegel. Der 30-jährige geprüfte Betriebswirt (HwO) ist seit Januar 2020 Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Görlitz.

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Daniel Siegel ist Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Görlitz.
Daniel Siegel ist Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Görlitz. © Archivfoto: Nikolai Schmidt

Herr Siegel, Sie sind als Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Görlitz recht rege in sozialen Netzwerken unterwegs. Warum?

Weil sich so verschiedene Zielgruppen ansprechen lassen. Für verschiedene Zielgruppen bedarf es auch verschiedener Kanäle. Es gibt dadurch einen schnellen und direkten Austausch mit Handwerkern aus ganz Deutschland. Mit dem Amtskollegen aus Cloppenburg, der ebenfalls intensiv soziale Medien für das Handwerk nutzt, gründeten wir einen (Video)podcast, der unter #631km – Handwerksregionen im Austausch zu finden ist. Hier geht es um Themen für und um das Handwerk, und wir laden uns Gäste aus dem Handwerk und von Organisationen ein.

Was bringen digitale Handwerkerkonferenzen dem Handwerk im Kreis Görlitz?

Vor allem zwei Dinge: Aufmerksamkeit und Wissenstransfer. Der digitale Austausch weckt Synergien. Das heißt, aus gemeinsamer Arbeit erwächst ein Nutzen für alle. Beispielsweise richteten wir im ersten Lockdown im Namen der Friseure und der Kosmetiker ein Schreiben an Sachsens Ministerpräsidenten, in dem auf die prekäre Situation aufmerksam gemacht wurde. Im Verbund von 40 Kreishandwerkerschaften in Deutschland gelang es, über die digitale Plattform an einem Wochenende gleich alle Ministerpräsidenten im Land zu erreichen und auf das Problem hinzuweisen, denn nicht nur in Sachsen bangten Friseure um ihre Existenz.

Wie kommen digitale Formate bei den eher bodenständigen Handwerkern an?

Ziemlich gut. Handwerker haben keine Scheu vor der Digitalisierung. Bodenständig heißt ja, der Region verbunden zu sein oder Tradition zu pflegen, es heißt aber nicht, innnovationsarm zu sein. Schon vor der Pandemie gewann die Digitalisierung im Handwerk an Gewicht. Bei manchen Sachen ist die Pandemie sogar ein Motor der Digitalisierung. Handwerker tauschen sich über Videokonferenzen aus. Die Verbindung zwischen Handwerk und Wissenschaft wird enger. Handwerksmeister investieren in innovative Technik, die für bessere Qualität der Produkte sorgt und den Mitarbeitern das Arbeiten erleichtert. Der Innovationsgedanke ist groß.

Wofür nutzen Handwerker digitale Plattformen und Netzwerke?

Hauptsächlich für drei Dinge: für die eigene Präsentation, für die Gewinnung von Mitarbeitern und für die Produktbewerbung. Als Kreishandwerkerschaft Görlitz sind wir gemeinsam mit der Handwerkskammer Dresden und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks seit etwa zehn Jahren mit verschiedenen Kampagnen unter dem großen Motto „Das Handwerk – die Wirtschaftsmacht von nebenan“ präsent. Gezielt sprechen wir dabei mit lockeren Sprüchen und Aktionen junge Leute an, die meist häufiger auf digitalen Plattformen unterwegs sind.

Danilo Mittrach von der Firma Dachdeckerei & Klempnerei Jürgen Mittrach bei der Reparatur des Daches der Lutherkirche in Görlitz.
Danilo Mittrach von der Firma Dachdeckerei & Klempnerei Jürgen Mittrach bei der Reparatur des Daches der Lutherkirche in Görlitz. ©  Archiv/André Schulze

Digital wird es an diesem Freitag, wenn frischgebackene Gesellen freigesprochen werden. Ist das ein Novum für die Kreishandwerkerschaft?

Die Freisprechung ist ein besonderer Moment der Berufskarriere. Diesen Moment wollten wir in der Pandemie nicht ausfallen lassen, wir gehen andere Wege. Die Freisprechung kommt diesmal zu den Gesellen nach Hause. Wir halten die Freisprechung erstmals im Online-Format ab und streamen über YouTube auf dem Kanal des Görlitzer Vereins Second Attempt und in Kooperation mit Rabryka.

Über einen QR-Code gelangen die Teilnehmer zur Freisprechung. Im Vorfeld erhielten die Gesellen ein Überraschungspaket, das unter anderem kleine Präsente von unseren Partnern, den Gesellenschmuckbrief und eine Konfettibombe enthält, die wir Freitagabend gemeinsam zünden. Dazu gibt’s im Stream noch ein paar Überraschungen und natürlich feierliche Reden. Die Festrede hält Nora Seitz als Landesinnungsmeisterin der Fleischer und Teamchefin der deutschen Fleischernationalmannschaft.

Der QR-Code für die Gesellenfreisprechung.
Der QR-Code für die Gesellenfreisprechung. © KHWS Görlitz

Waren Sie mit den Ergebnissen der Prüfungen zufrieden?

Die Ergebnisse waren gut angesichts der teilweise erschwerten Bedingungen in der Pandemie. Allerdings hat es sich erneut gezeigt, dass Schulabgänger aus den Oberschulen und Gymnasien mehr Praxisnähe in die Lehrzeit mitbringen sollten.

Was heißt das konkret?

Das kann ich am eigenen Beispiel erklären: In der Schule haben wir den „Faust“ von Goethe sozusagen zelebriert, aber keiner hat uns gelehrt, wie eine Steuererklärung geht. Schulausbildung sollte sich mehr am Leben orientieren und viel mehr als bisher praxisnah sein. Die Wochen in der Praxis, die Schüler der Klassen 8 oder 9 absolvieren, sollten nicht alle in einer Firma, sondern in mehreren Betrieben stattfinden, damit Schüler testen können, ob der jeweilige Beruf für sie geeignet ist.

Markus Weiner (links) an einem Schweißroboter. Der Schweißfachingenieur prüft, ob der Roboter für Arbeiten in der Firma Metallbau einer in Ludwigsdorf geeignet ist.
Markus Weiner (links) an einem Schweißroboter. Der Schweißfachingenieur prüft, ob der Roboter für Arbeiten in der Firma Metallbau einer in Ludwigsdorf geeignet ist. © Marianne Speer/KHWS

Finden denn Handwerker im Kreis genügend Berufsnachwuchs?

Nicht alle Handwerker, die ausbilden, finden den passenden Lehrling. Hier spielt auch wieder die Digitalisierung hinein. Handwerker, die auf verschiedenen Plattformen und in sozialen Medien präsent sind, machen früh auf sich aufmerksam und erreichen dort die Zielgruppe, aus der sie ihren zukünftigen Auszubildenden finden. Ähnlich ist das bei der Suche nach einem Nachfolger für die Firma. Denn viele Handwerker, die sich um die Wendezeit herum selbstständig machten, kommen jetzt ins Rentenalter. Und nicht jeder hat den Firmennachfolger in der eigenen Familie.

Sind Menschen, die als Flüchtlinge zu uns kamen, eine Lösung für das Fachkräfteproblem?

Sie sind nicht die alleinige Lösung, können aber ein Baustein sein. Sie können in Handwerksfirmen ausgebildet und integriert werden. Natürlich bedarf es manchmal besonderer Aufmerksamkeit, aber jeder Auszubildende ist eine Investition in die Zukunft. Beim Werk.Stadt-Camp haben wir gemeinsam mit den Kollegen vom Landkreis Görlitz in einem Online-Seminar aufgezeigt, welche Wege es für internationale Fachkräftegewinnung gibt. „Im Handwerk ist es egal, woher man kommt, entscheidend ist, wo man hinwill“, lautet ein Spruch der Imagekampagne des Handwerks. Dieser verdeutlicht ganz gut, welche Chancen das Handwerk bietet.

Ist Ihnen bange, wenn Sie an das Handwerk denken?

Langfristig nein, kurzfristig ja. Denn die Auswirkungen der Corona-Krise auf das Handwerk sind massiv. Berufsgruppen wie Friseure, Bäcker, Fleischer machen gerade eine schwere Zeit durch, weil sie entweder ganz schließen mussten oder wegen geschlossener Imbissversorgung Umsatz einbüßen. Weil staatliche Hilfen nicht ankommen, sehen sich einige Handwerksbetriebe in ihrer Existenz bedroht. Andere wiederum sind relativ „gut“ durch die Pandemie gekommen, weil sie arbeiten konnten, auch wenn mitunter wegen Lieferengpässen Material fehlte oder wegen Quarantäne und Kinderbetreuung oder den Grenzschließungen nicht genügend Mitarbeiter da waren.

Insgesamt ist das Handwerk gut aufgestellt. Als Gemeinschaft unterstützen sich Firmen verstärkt gegenseitig, der Solidargedanke ist im Handwerk allgegenwärtig und egal ob angestellter oder selbstständiger Handwerker, alle stecken voller Ideen.

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