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Ganz allein in einem Schloss

Klaus von Kobylinski hat in Goßwitz bei Reichenbach 1.800 Quadratmeter Wohnfläche für sich. Waschbären und ein Hausgeist leisten ihm Gesellschaft.

Im Haus gibt es imposante Kamine.
Im Haus gibt es imposante Kamine. © Constanze Junghanß

Auf der runden Kuppel sitzt Adebar und schaut hinunter in den Park. Die Kuppel ist eine ehemalige Sternwarte. Familie Storch wohnt nebenan auf einem Schornstein, aus dem schon lange kein Rauch mehr quillt. Die Kuppel ist ein Überbleibsel längst vergangener Zeiten. Noch in der Ära der DDR stand da ein großes Fernrohr, mit dem der Oberlausitzer Himmel betrachtet werden konnte. Die Apparatschaft sei bereits zu sozialistischen Zeiten unbekannt verschwunden, erzählt Klaus von Kobylinski.

Er lebt in dem historischen Gebäude – im Schloss Goßwitz. Ein imposanter Prachtbau, im Jahre 1345 laut der Stadtchronik Reichenbach erstmals als Vorwerk nachgewiesen und später zum Rittergut erhoben. Eine gewisse Berühmtheit erlangte das Schloss mit dem „Cornwall-Schwein“. Die Rasse wurde da nach 1916 eine Weile gezüchtet. Klaus von Kobylinski fand dazu Unterlagen in Archiven.

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Manchmal pfeift der Wind durchs Zimmer

Er lebt zur Miete im Schloss, wie er erzählt und auf 1.800 Quadratmetern Wohnfläche – für sich ganz alleine. Wobei das Alleinesein relativ wäre. Die „Weiße Frau“ geht im Schloss um. „Mal schlagen die Türen plötzlich zu, mal knarrt es“, erzählt Herr von Kobylinski. Dann lacht er, sagt: „Die Dame in Weiß ist ein Gemälde von Tizian“, und zeigt auf das Bild über einem der Kamine. Das 1561 entstandene Werk ist eigentlich in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister zu sehen. Im Schloss Goßwitz hängt eine täuschend echt gemalte Kopie in Öl. Und geht die schöne Dame tatsächlich zwischen den alten Mauern um? Natürlich nicht, erklärt Klaus von Kobylinski. Der Wind pfeift manchmal durch die historischen Zimmer – und da könnte man denken, es spukt ein bisschen, meint der Hausherr Augen zwinkernd.

Einsam ist der 73-Jährige nicht, wie er sagt. Unter dem Dach wohnt eine Waschbärenfamilie, die sich um die Lebendfallen bisher nicht scherte. Im Park kämen die Goßwitzer gern spazieren, übten die Kinder Fahrrad fahren. Nebenan im Seitenflügel war der Dorfkonsum untergebracht, später der Jugendclub. Die Jugend ist weg, die Räume leer. Da stehen nun die alten Fensterläden aus Holz, die Herr von Kobylinski vor dem Verfall retten will. Er begrüßt gern Gäste. Einmal im Jahr gibt es auf Schloss Goßwitz ein Konzert. Klassik. Die Stühle für die Vorführung im August sind bereits im dunkel vertäfelten Gesellschaftsraum aufgestellt. Der ist rund 250 Quadratmeter groß. Schnitzereien an den Balken, Stuck an den Decken, die Deckenfarbe blättert.

Der Storch kommt auf die Kuppel der ehemaligen Sternwarte täglich zu Besuch.
Der Storch kommt auf die Kuppel der ehemaligen Sternwarte täglich zu Besuch. © undefined
Klaus von Kobylinksi freut sich über seine „Oberlausitzer Zitronen“.
Klaus von Kobylinksi freut sich über seine „Oberlausitzer Zitronen“. © undefined
Schloss Goßwitz war einmal ein Herrenhaus und wurde im Laufe der Zeit immer weiter aufgestockt.
Schloss Goßwitz war einmal ein Herrenhaus und wurde im Laufe der Zeit immer weiter aufgestockt. © undefined
Der Konzert-Zylinder: In dem werden die Konzert-Spenden eingesammelt.
Der Konzert-Zylinder: In dem werden die Konzert-Spenden eingesammelt. © undefined
Prachtvolle Schnitzereien an den Balken.
Prachtvolle Schnitzereien an den Balken. © undefined
Die Dame in Weiß“ ist ein berühmtes Gemälde – und in Goßwitz eine Kopie.
Die Dame in Weiß“ ist ein berühmtes Gemälde – und in Goßwitz eine Kopie. © undefined
Ein charmantes Zimmerchen – eingerichtet wie zu Großmutters Zeiten.
Ein charmantes Zimmerchen – eingerichtet wie zu Großmutters Zeiten. © undefined

Maroder Charme vom Feinsten – die Zeit scheint stehen geblieben zu sein im denkmalgeschützten Gebäude. Klaus von Kobylinski hatte das Schloss 2013 ursprünglich erworben, um da eine Seniorenresidenz draus zu machen. „Leider hat das mit der Finanzierung nicht geklappt“, erzählt er. Die Kaufoption gab er zurück. Das ehemalige Herrenhaus stand danach zum Verkauf. Ein neuer Besitzer habe sich mittlerweile gefunden, wie der 73-Jährige erzählt. Der wolle das Schloss erhalten – mit dem Schlossbehüter, der gern bleibt. Seine Aufgabe sei das Bewahren und die Pflege, sagt Herr von Kobylinski. Täglich durchforstet er das Riesenhaus, läuft die 90 Treppen bis hoch unters Dach und wieder runter, um zu schauen, wo vielleicht etwas repariert werden muss.

Etwa 100 Fenster hat das Schloss, teilweise sind die höher als vier Meter. Spinnen weben ihre Netze im Licht. Zu Putzen sei diese Masse an Glas nur schwer. Der Hausherr möchte sich nicht „zum Sklaven meiner Wohnung machen.“ Die Webnetze der Achtbeiner dürfen bleiben. Wobei der „gute Geist“ des Hauses auch nicht die komplette Fläche zum Wohnen nutzt. Zwei Zimmer hat er ausgebaut, das Schloss und die anderen Räume dagegen mit eigenen antiken Möbeln bestückt. Ein Zimmer im Shabby-Style mit uraltem weißen Holzkinderbett und Kommode beispielsweise, ein Damen- und Herrenzimmer, eine Art Gästezimmer mit riesigem Spiegel versprühen Historie. Museumsambiente. Die sechs Meter lange Tafel – versehen mit Tischtuch, silberfarbenen Fasanen und Dekorationen - wirkt, als kämen jeden Moment herrschaftliche Gäste.

Bis 2010 hieß das Schloss „Haus Landfrieden“

Die Nachbarschaft sei sehr gut, Besuch komme auch immer wieder von ehemaligen Mitarbeitern und Schlossbewohnern. Einige Goßwitzer arbeiteten früher in dem Prachtbau. Bis 2010 hieß das Schloss „Haus Landfrieden“ und gehörte zum Lebenshilfe Verein für geistig behinderte Menschen. Die Bewohner zogen nach Görlitz in ein neu gebautes Heim um. Drei Jahre stand das riesige Bauwerk in dem winzigen Dorf und Reichenbacher Ortsteil mit weniger als 100 Einwohnern leer. Bis Klaus von Kobylinski, der in einem Forsthaus in Bremen geboren wurde, sich in das Schloss verguckte. „Meine Großeltern lebten in einer Wasserburg“, erzählt Kobylinski, der vor seinem Ruhestand zuletzt als selbstständiger Aktionärsbetreuer tätig war.

Im Schloss sind die handwerklichen Geschicke gefragt. Geheizt wird mit Holz, einen Teil des Brennmaterials sägt und hackt der Hausherr noch eigenhändig. Der Park braucht viel Pflege, mittlerweile hat Klaus von Kobylinksi jemanden zum Mähen engagiert. Mit dem Rasenmäher benötigte er allein acht Stunden für die Fläche. Mit anderen Adligen in der Oberlausitz sei er vernetzt, man besuche sich gegenseitig in den Herrenhäusern, erzählt er. Dann krempelt der rüstige Rentner die Ärmel hoch: im Garten ist noch einiges zu tun.

In dieser Serie sind bereits erschienen:

Folge 1: "Wie es sich zwischen Baumhäusern wohnt"

Folge 2: "Dieser Biehainer wohnt in finnischer Kiefer"

Folge 3: "Wie ein Görlitzer unter uralten Gewölben wohnt"

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