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Ein Menschenleben im Hörbuch

Der Görlitzer Tom Hohlfeld hat eine markante Stimme. Die und sein schriftstellerisches Faible setzt er ein, um Lebensgeschichten zu bewahren.

Der Görlitzer Tom Hohlfeld schreibt die Memoiren anderer Menschen auf.
Der Görlitzer Tom Hohlfeld schreibt die Memoiren anderer Menschen auf. © Nikolai Schmidt

Das gesellschaftliche Anhalten in der Corona-Krise sei mit dafür verantwortlich, dass Tom Hohlfeld für sich ein weiteres Betätigungsfeld erschloss, sagt der 26-Jährige und nutzt dafür einen ihm von Natur aus gegebenen Vorteil.

Tom Hohlfeld ist mit einer markanten Stimme ausgestattet. Wenn er in Lesungen eigene dichterische Werke vorträgt, sind die Zuhörer beinahe automatisch in seinen Bann gezogen. Doch wie im Frühjahr so auch jetzt sind öffentliche Veranstaltungen wegen der Corona-Pandemie abgesagt.

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Aha-Erlebnis mit der Oma

Und so musste er sich etwas Neues einfallen lassen. Er nutzt dafür seine Stimme und die Feder. Tom Hohlfeld studierte in Görlitz Kommunikationspsychologie. Studien in Soziologie und Pädagogik kamen dazu. Der 26-Jährige drückt seit Jahren seine Gedanken in schriftstellerischer Form aus. Mittlerweile ist er als Moderator bei Veranstaltungen unterwegs, spricht bei freien Trauungen und Übergangsveranstaltungen - so nennt er Trauerfeiern. Denn sowohl der Verstorbene als auch die Hinterbliebenen erleben einen Übergang, erklärt er. Und für diesen Übergang sei es wichtig, eine lebensbejahende Abschiedsrede zu gestalten. Für die Hinterbliebenen gehe das Leben ja weiter, sagt er. "Sie sollen mit Schwung aus der Trauerfeier herausgehen und die goldenen Stunden des Lebens mit dem Verstorbenen konservieren", erklärt Tom Hohlfeld.

Eine weitere Eigenschaft, die sich bei ihm ausgeprägt zeige, sei das Zuhören. Vor geraumer Zeit gab es bei Tom Hohlfeld das sogenannte Aha-Erlebnis. Er besuchte seine Oma und nahm sich Zeit für ein Gespräch. "Eigentlich weiß ich wenig von meiner Oma", dachte er sich und fragte nach. Mehr als drei Stunden lang ließ er die betagte Dame reden und hörte nur zu. Schließlich kam er zu dem Schluss: Diese Erzählungen sind es wert, für die Nachwelt erhalten zu bleiben. Er schrieb ihre Geschichte auf - schriftstellerisch aufgearbeitet. Die Oma war begeistert.

Aber da gibt es ja noch viele andere Menschen, die mit Sicherheit viel zu erzählen haben, dachte sich Tom Hohlfeld. Deren Erlebnisse, Erfahrungen und Geschichten wollte er auch aufschreiben. Doch Hohlfeld hegte noch Zweifel. "Vielleicht halte nur ich das für wichtig", dachte er sich. Freunde und Bekannte rieten ihm zu, das unbedingt zu machen.

Projekt "Erben der Geschichten"

Und so kam es, dass Tom Hohlfeld aus seiner Idee ein Projekt entwickelte. "Erben der Geschichten" nennt er es. In mindestens zehn Stunden Gespräch mit der betreffenden Person - nicht am Stück, sondern in Abschnitten - erarbeitet er deren Lebensgeschichte. Er hört dabei bedingungslos zu und reist mit dem Erzähler durch die Zeit. "Das aufgezeichnete Material wird anschließend von mir schriftstellerisch auf-, durch und ausgearbeitet", erklärt er. Ergebnis dessen sind die Memoiren der betreffenden Person in gedruckter und digitaler Form, mit und ohne Bilder, wie gewünscht. Schließlich bietet er auch an, die Memoiren von ihm selbst als Hörbuch einzulesen, professionell in einem Studio. Die Stimme dafür hat er.

53 solcher "Erben der Geschichten" liegen bereits vor. Einige Male kam es dabei vor, dass die Erzähler nicht wollten, dass bestimmte Details vor ihrem Tod publik werden. Deshalb verwaltet Tom Hohlfeld die Memoiren auf Wunsch dieser Geschichtenerzähler und gibt sie erst nach dem Tod des Menschen an die Angehörigen frei. Andere wiederum möchten gern erleben, wie ihre Angehörigen ihre Lebensgeschichte aufnehmen und stellen sie nach Fertigstellung in der Familie vor.

Häufig wurde er darum gebeten, aus diesen Erzählungen auch die Übergangsrede bei der Trauerfeier zu gestalten. Das tat er, einschließlich eines letzten Satzes, den Hohlfeld zu Lebzeiten des Verstorbenen aufnahm. Das sei sehr bewegend, sagt er, obwohl nicht jeder Angehörige es aushält, die Stimme seines verstorbenen Angehörigen in diesem Moment noch einmal zu hören. Deswegen erklingt dieser "Originalton" sehr selten bei einer Übergangsrede. Ein solcher Satz habe ihn persönlich besonders bewegt. "Nur weil die Sonne nicht zu sehen ist, heißt das nicht, dass sie nicht da ist", sei so ein letzter Satz gewesen. Er wurde nicht abgespielt.

Seine Stimme ernährt ihn

Was die Erarbeitung der Memoiren kostet, will Hohlfeld nicht festgelegen. Er verlangt so viel, wie es den betreffenden Personen wert sei. "Die Menschen sind sehr gnädig mit mir", sagt er mit einem Lächeln. Derzeit ist er dabei, auf Youtube einen Textkanal einzurichten. Wer möchte, kann dort die von Tom Hohlfeld aufgezeichneten Memoiren einstellen und somit öffentlich zugänglich machen. "Wird das dann auf Social Media noch geteilt, können viele Menschen weltweit an der Lebensgeschichte teilhaben", sagt der Görlitzer. So bliebe die Lebenserfahrung von Menschen tatsächlich konserviert.

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