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Holtendorfer Ärztin hört auf

Ein Nachfolger für die HNO-Praxis von Manuela Kinscher wurde nicht gefunden. Die KVS sieht offenbar noch keinen Versorgungsmangel im Görlitzer Umland.

Dr. Manuela Kinscher geht nach fast 40 Jahren in den Ruhestand. Ihre vielen Patienten müssen sich nun einen neuen HNO-Arzt suchen.
Dr. Manuela Kinscher geht nach fast 40 Jahren in den Ruhestand. Ihre vielen Patienten müssen sich nun einen neuen HNO-Arzt suchen. © Constanze Junghanß

Zum Monatsende ist der letzte Arbeitstag von Dr. Manuela Kinscher in Holtendorf. Ab dem 27. Februar bleibt die Praxistür der HNO-Ärztin geschlossen. Die 63-Jährige hört auf. Damit müssen sich ihre mehr als 23.000 in der Kartei gelisteten Patienten einen neuen Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenerkrankungen suchen. Auf den Dörfern rund um Görlitz gibt es mit der Schließung keinen HNO-Arzt mehr.

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Dr. Kinscher fällt der Schritt der Praxisaufgabe nicht leicht, wie sie betont. Und doch: Irgendwann sei die Zeit gekommen für den (beinahe) Ruhestand. Sie freut sich auf die Zeit nach der Pandemie: Das gemeinsame Singen im Markersdorfer Singekreis, Yoga, Schwimmen. Und sowieso Fahrrad fahren. Mehr Zeit habe sie dann für den großen Garten und auch ihre Enkelkinder.

„Ich habe meine Arbeit immer sehr gern gemacht, bin den Patienten, die mir ihr Vertrauen die vielen Jahre schenkten und den Hausärzten für die super gute Zusammenarbeit sehr dankbar“, sagt die zierliche Frau, die auch viel am OP-Tisch stand. Von Anfang an begleitete sie Kathrin Bebek, ihre Sprechstundenschwester und Allrounderin, wie sie sagt. „Für mich war diese Kollegin ein Fünfer im Lotto“, erzählt Dr. Kinscher und bedauert, dass ihre Wege sich nun wahrscheinlich trennen.

Vom Görlitzer Klinikum ging es nach Reichenbach

Fast 40 Jahre arbeitete Dr. Kinscher als Fachärztin in ihrem Gebiet. 1982 begann ihre Ausbildung am Städtischen Klinikum Görlitz. Dort prägten und unterstützten sie vor allem ihre Ausbildungsleiter Chefarzt Claus Götz und Dr. Rosemarie Schulze. Später wechselte die Mutter von zwei Kindern in die Poliklinik nach Reichenbach. Diese wurde zu Wendezeiten aufgelöst. Jetzt befindet sich in dem Bau ein Altenpflegeheim. Mit dem Wegfall der Polikliniken nach der Wiedervereinigung entschloss sich die Ärztin, in die Selbstständigkeit zu wechseln. Zuerst in Reichenbach in einer Arztpraxis auf der Görlitzer Straße, die heute eine Hausarztpraxis ist. 1993 ging sie nach Holtendorf. Auch ihr Mann, der Chirurg Dr. Wolfgang Kinscher, arbeitete da in der Chirurgischen Tagesklinik. Diese Praxis ist seit dem letzten Jahr geschlossen. Wolfgang Kinscher ging bereits in Rente, ebenso sein Kollege Norbert Naumann. Was mit der Immobilie wird, steht noch nicht fest. Es gebe jedoch Interessenten, wie Manuela Kinscher sagt, ohne konkreter zu werden.

Ab Mai unterstützt sie den Nieskyer Kollegen

Einen absoluten Schlussstrich unter ihre Arbeit wird die HNO-Ärztin jedoch noch nicht ziehen. Ab Mai möchte sie ihren Nieskyer Kollegen Berndt Wehnert im MVZ stundenweise unterstützen und entlasten. Der Arzt wolle altersbedingt etwas kürzer treten, sagt sie. Zwei Jahre versuchte Manuela Kinscher einen Nachfolger für die Holtendorfer Praxis zu finden. Das habe leider nicht geklappt, bedauert sie. Unterstützung vonseiten der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) habe es bei der Suche nicht gegeben.

Die KVS sieht offenbar noch keinen Mangel an HNO-Ärzten in der Region. Sie gibt den aktuellen Versorgungsgrad – die Holtendorfer Praxis eingerechnet - mit fast 130 Prozent an. Der bezieht sich nach Angaben der KVS auf Görlitz und den ehemaligen Niederschlesischen Oberlausitzkreis. 135.154 Menschen leben in dem Gebiet. Für die sind künftig die beiden HNO-Praxen in Görlitz, eine in Weißwasser und je ein HNO-Arzt im MVZ Martinshof Rothenburg und im MVZ Facharztzentrum Niesky zuständig. Die Wege für Patienten aus dem Umland werden also länger. „Für die Region Weißwasser wurde ein zusätzlicher lokaler Versorgungsbedarf festgestellt“, sagt KVS-Sprecherin Katharina Bachmann-Bux.

Junge Mediziner wollen selten aufs Land

Zum Vergleich: In Löbau und Zittau praktizieren jeweils zwei HNO-Ärzte. Dieser Planungsbereich hat laut der KVS 116.760 Einwohner. Das entspricht einem Versorgungsgrad von 97,7 Prozent. Seit Anfang Februar 2021 gilt für Löbau-Zittau eine drohende Unterversorgung im HNO-Bereich. Und nicht nur bei den HNO-Ärzten ist die Situation kreisweit angespannt. Eine Unterversorgung droht auch bei Hausärzten in Weißwasser, Niesky, Görlitz und Löbau, bei den Kinder- und Jugendpsychiatern im Bereich Oberlausitz-Niederschlesien sowie bei den Hautärzten Löbau-Zittau.

„Leider ist es allgemein und im Speziellen in den ländlichen Regionen problematisch, Praxen nachzubesetzen oder Ärzte für neue Niederlassungen zu gewinnen“, sagt Katharina Bachmann-Bux. Viele junge Medizinstudenten würden eine Praxis in einer ländlichen Gemeinde als „nicht attraktiv ansehen“, heißt es vonseiten der KVS.

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