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Millionen für Wasserstoff-Testlabor in Görlitz

Es ist ein Projekt, auf dem viele Hoffnungen ruhen: In Görlitz sollen Wasserstoff-Technologien erforscht werden. Ein Startschuss mit prominentem Besuch.

Peter Altmaier in der Fertigungshalle am Siemens-Standort Görlitz. Manche Turbinen, die hier zusammengesetzt werden, sind schon wasserstoff-fähig.
Peter Altmaier in der Fertigungshalle am Siemens-Standort Görlitz. Manche Turbinen, die hier zusammengesetzt werden, sind schon wasserstoff-fähig. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Läuft man das Gelände von Siemens Energie in Görlitz von Ost nach West ab, kann man eine kleine Zeitreise machen. Am Eingang an der Lutherstraße steht eine Turbine von 1927, einst hergestellt für eine Spinnerei. Silbrig glänzt die viel kleinere Hochdruckturbine in der Endmontage-Halle. Ist sie fertig montiert, wird sie auf die Reise nach Japan zu einer Biomasseanlage gehen. Im Westen des Geländes, hinter den Hallen: Asphalt, ein Bagger.

Peter Altmaier war zu Gast

Hier entsteht das Hydrogen Lab von Fraunhofer und Siemens-Energy. Ziel ist es, Wasserstoff-Technologien zu erforschen. Gefördert wird es vom Freistaat mit 30,5 Millionen, vom Bund mit 10,5 Millionen Euro. Es ist Teil des Innovations-Campus von Siemens Energy in Görlitz. Zum Start waren etwa Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, Welf-Guntram Drossel, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik und Jochen Eickholt, Vorstandsmitglied von Siemens Energy zu Gast.

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Ende kommenden Jahres soll der erste Teil vom Aufbau des Hydrogen Lab geschafft sein, der Forschungsbetrieb schrittweise starten, richtig losgehen soll es 2023. Etwa 30 Wissenschaftler sollen hier arbeiten.

Über allem steht der Strukturwandel. Wie weg von der Kohleverstromung? Ziel, so Altmaier, sei es, Industriestandorte zu erhalten und gleichzeitig klimaneutral zu arbeiten. Wasserstoff bezeichnete er dabei als eine „entscheidende Brücke“.

Worum es im Wasserstoff-Labor geht

Noch gibt es so viel nicht zu sehen beim Hydrogen Lab Görlitz. Im westlichen Bereich von Siemens Energy wird es jetzt aufgebaut.
Noch gibt es so viel nicht zu sehen beim Hydrogen Lab Görlitz. Im westlichen Bereich von Siemens Energy wird es jetzt aufgebaut. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Drei solche Labore hat Fraunhofer, in Leuna, Bremerhaven, nun Görlitz. An ihnen wird jeweils zu verschiedenen Energie-Möglichkeiten geforscht. In Görlitz Wasserstoff. Der Vorteil, hier neu zu starten: Man könne die komplette Kette ausrollen, von der Wasserstofferzeugung über Speicherung bis zum Verbrauch, sagt Sylvia Schattauer vom Fraunhofer-Institut in Halle. Für diese verschiedenen Bereiche will Fraunhofer Modelle erarbeiten, Technologien entwickeln oder weiterentwickeln und erproben. Regional soll es dennoch bleiben, etwa durch die Unterstützung mittelständiger Unternehmen, wollen sie Wasserstoff-Technologien anwenden.

Der Fokus am Görlitzer Standort von Siemens-Energy liegt auf industriellen Dampfturbinen, so soll es auch bleiben. Aber es sollen weitere Innovationen hinzukommen: Die Turbinen sollen wasserstoff-fähig werden, sind es zum Teil bereits, erklärte Jochen Eickholt. Auf dem Innovations-Campus soll auch zu anderen Möglichkeiten der Energiegewinnung, Speicherung und Nutzung geforscht werden. Ein gewisses Klima wünscht sich Eickholt, Zukunftsgeist. Bis Mitte nächsten Jahres hofft er etwa auf acht bis zehn neue Start-up-Ansiedlungen auf dem Campus.

Ein Modell des Innovations-Campus von Siemens, zum Beispiel mit Solarturm, einer Wasserstoff-Produktionsanlage, thermischem Speicher, bis hin zum Wasserstoffauto - eine der Nutzungsmöglichkeiten von Wasserstoff.
Ein Modell des Innovations-Campus von Siemens, zum Beispiel mit Solarturm, einer Wasserstoff-Produktionsanlage, thermischem Speicher, bis hin zum Wasserstoffauto - eine der Nutzungsmöglichkeiten von Wasserstoff. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Görlitz ringt um Forscher

Um Forschung wird in der Oberlausitz aktuell sehr gerungen. Görlitz will Innovationsstadt werden. So hat sich voriges Jahr etwa das Forschungsinstitut Casus angesiedelt, Senckenberg baut am Bahnhof einen Forschungscampus. Aktuell bewirbt sich Görlitz auch um ein Großforschungszentrum, angelehnt an das Helmholtz-Zentrum in Rossendorf, durch das 1.000 Arbeitsplätze entstehen könnten.

Die Gelegenheit nutzt auch der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu und hatte für Peter Altmaier eine Seite in Goldenen Buch der Stadt vorbereitet.
Die Gelegenheit nutzt auch der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu und hatte für Peter Altmaier eine Seite in Goldenen Buch der Stadt vorbereitet. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Auf der anderen Seite steht das Ringen um Arbeitsplätze. Wie können aus der Forschung Jobs entstehen? Wenn in Görlitz schon Wasserstoff-Technologien untersucht werden - warum dann nicht auch die Herstellung zum Beispiel von Elektrolyseuren vor Ort ansiedeln. Es sind Geräte, in denen Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt wird. Siemens Energy hatte kürzlich angekündigt, in die Herstellung einzusteigen.

Aber nicht nur der Görlitzer Standort hat sich dafür beworben. „Wir haben sieben große Standorte in Deutschland“, so Eickholt. Alle haben sich beworben. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen, „ich gehe aber davon aus, dass sie zeitnah kommt.“ Für Görlitz spreche die Kompetenz der Mitarbeiter, und das weitere Umfeld. „Aber ich glaube, dass die Herstellung von Elektolyseuren in der Auswirkung auf Beschäftigung deutlich überschätzt wird“, sagt Eickholt. Weil es sich um hochstandardisierte Teile handele, die weniger Arbeitsleistung verlangen als etwa Turbinen.

Sind die Standortdebatten jetzt vom Tisch?

Es ist dennoch eine Frage, die die Simensianer umtreibt. Immer wieder geht es auch um Sparprogramme, auch aktuell, 2017 stand der Görlitzer Standort gar auf der Kippe. Ob diese Kuh nun vom Eis ist mit den vielen Zukunftsinvestitionen?

„Es ist eine Option“, so Michael Kretschmer. „Was wir erlebt haben in den vergangenen zwei Jahren, ist eine Chance der Konzernleitung, auf der anderen Seite ein wirklich aktives Arbeiten der Menschen hier vor Ort.“ Das solle auch mit der Wasserstoff-Initiative fortgesetzt werden. „Es ist keine Garantie, aber eine Möglichkeit.“

In gewissem Maße halte er es für normal, wenn Dinge sich ändern, auch enden. Aber auch für besonders schwierig in einer Region, die vom Strukturwandel derart betroffen, vorhandene Potenziale ins Wanken geraten. Deshalb sei die Mühe besonders groß, eine Zukunft zu finden. Aber ob die Investitionen so funktionieren wie gehofft, dafür gebe es keine Garantie.

Altmaier wirbt für Vertrauen

Pro Jahr stünden der Region nun 120 Millionen Euro für die Bewältigung des Strukturwandels zur Verfügung, für Landes- und Kommunalprojekte – vor allem aber mit dem Ziel, dass Arbeitsplätze entstehen, „und nicht einfach als Konjunkturprogramm“, so Kretschmer. „Und das ist nicht einfach. Die größte Herausforderung besteht darin, Menschen, die glücklich in einer Region leben, ihr Auskommen, ihre Arbeit hatten, zu sagen: ‚So, und jetzt erfinden Sie mal die Zukunft neu.‘“ Das funktioniere alleine nicht. „Dafür braucht man Input von Außen, Wissenschaft und auch Unternehmen wie Siemens.“

Peter Altmaier stammt aus dem Saarland, das selbst vor Jahren vom Bergbau-Strukturwandel getroffen war. Er habe damals viel Skepsis erlebt und große Befürchtungen. „Das war immer das Hauptaugenmerk: ‚Warum kann ich meinen Arbeitsplatz nicht behalten, ich habe doch gar nichts Falsches gemacht“, erzählt er. „Jetzt stellen wir fest, nachdem wir wirklich viel Geld in die Hand genommen haben – das waren glückliche Umstände – dass die Menschen Vertrauen gewinnen.“ Er verwies in seiner Heimat auf ein Werk, das vor 20 Jahren Thyssenkrupp aufgebaut habe, in dem heute 1.000 Mitarbeiter, Kinder von Berg- und Hüttenarbeitern, moderne Werkzeugmaschinen fertigen. „Das müssen wir hinbekommen, die lokale Identität zu nutzen, um in dem Hochtechnologiebereich vorne mit dabei zu sein.“

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