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Abriss und Neubau in der Görlitzer Südstadt

Die Ruine Jauernicker Straße 31 muss schon in den nächsten Tagen weichen – obwohl das Haus unter Denkmalschutz steht. Doch es bleibt keine Baulücke.

Von Ingo Kramer
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Das gelbe Haus Jauernicker Straße 31 in Görlitz wird abgerissen. Die Vorbereitungen dafür haben schon begonnen.
Das gelbe Haus Jauernicker Straße 31 in Görlitz wird abgerissen. Die Vorbereitungen dafür haben schon begonnen. © Martin Schneider

Seit diesem Montag ist alles anders auf der oberen Jauernicker Straße in der Görlitzer Südstadt. Vor dem einsturzgefährdeten Haus Nummer 31, wo die Straße seit fast zweieinhalb Jahren voll gesperrt ist, ist auf einmal Bewegung. Arbeiter einer regionalen Firma haben die Absperrung deutlich vergrößert und auf der Straße dicke Gummimatten ausgelegt. Zwei große Container wurden angeliefert und am Mittwochvormittag kam der erste Bagger.

Keine Frage: Die Vorbereitungen für den Abriss des denkmalgeschützten Gebäudes haben begonnen. „Der Abriss findet in diesem Monat statt“, erklärt Tilman Pradt von der Ummen Communications GmbH aus Berlin. Er spricht für den Eigentümer, den Berliner Bauträger Thamm & Partner. Vor Ort in der Jauernicker Straße hat sich der bevorstehende Abriss schon herumgesprochen. Und es gibt ein Gerücht: In der entstehenden Baulücke soll ein Einfamilienhaus errichtet werden.

So soll die Jauernicker Straße künftig aussehen. Das helle Haus Nummer 31 ist ein zurückhaltender Neubau. Die Geschosshöhen fügen sich in das Straßenbild ein.
So soll die Jauernicker Straße künftig aussehen. Das helle Haus Nummer 31 ist ein zurückhaltender Neubau. Die Geschosshöhen fügen sich in das Straßenbild ein. © Visualisierung: © Thamm & Partner

Dem kann Pradt deutlich widersprechen: „Thamm & Partner errichtet ein neues Wohnhaus mit 665 Quadratmetern Gesamtwohnfläche.“ Im Neubau entstehen sieben Zwei- bis Vierzimmerwohnungen mit Größen zwischen 65 und 143 Quadratmetern. Nach den Plänen des Görlitzer Architekten Christian Weise soll in dem vierstöckigen Gebäude mit zusätzlich ausgebautem Dachgeschoss moderner Wohnraum geschaffen werden. „Bei dem Neubau wird eine der historischen Straßenansicht angepasste Fassade mit neuestem energetischem Standard verbunden“, erklärt Pradt. Die Wohnungen sollen vermietet werden.

Angela Thamm, geschäftsführende Gesellschafterin der Thamm & Partner GmbH, erklärt: „Seit das Haus vor vier Jahren in unseren Besitz überging, haben wir nach einer angemessenen Lösung für den Erhalt trotz des massiven Verfalls gesucht.“ In enger Abstimmung mit der Denkmalbehörde und dem Amt für Stadtentwicklung habe sie aber erkennen müssen, dass das Fundament des Gebäudes zu marode für eine denkmalgerechte Sanierung ist. „In unserer 38-jährigen Firmengeschichte ist es das erste Mal, dass wir gezwungen sind, ein Denkmalobjekt abzutragen“, sagt sie. Dementsprechend sei sie froh, dem Wunsch der Stadt Görlitz nachzukommen und die Lücke mit einer ruhig und zurückhaltend gestalteten Fassade schließen zu können.

Das gelbe Haus in der Mitte droht seit Jahren einzustürzen: die Jauernicker Straße 31. Links die Nummer 30 wurde vor einiger Zeit gesichert. Sie gehört ebenfalls Thamm & Partner.
Das gelbe Haus in der Mitte droht seit Jahren einzustürzen: die Jauernicker Straße 31. Links die Nummer 30 wurde vor einiger Zeit gesichert. Sie gehört ebenfalls Thamm & Partner. © Nikolai Schmidt

Hartmut Wilke, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung Görlitz, kennt den Zustand: „Bei der Jauernicker Straße 31 mussten wir nun nach intensivem Austausch sowie der Prüfung vorgelegter statischer Berechnungen und technischer Vorgehensweisen schweren Herzens die Erkenntnis akzeptieren, dass ein Gebäudeerhalt aus statischer Sicht unmöglich ist.“ Mit dem baldigen Neubau durch Thamm & Partner könne dem Straßenzug aber zu neuem Glanz verholfen und die Lücke harmonisch geschlossen werden. Pradt erklärt, der Baubeginn sei für das erste Halbjahr 2022 vorgesehen. Angaben zu den Kosten für Abriss und Neubau will er nicht machen.

Neubau soll sich nahtlos einfügen

Die Vorderansicht des geplanten Neubaus werde in einem Baustil errichtet, der sich an klassischen Gestaltungsprinzipien orientiert und sich so nahtlos in die bestehende Straßenzeile einfügt. Unter den sieben Wohnungen sind je eine Maisonette-Wohnung im Erdgeschoss sowie im Dachgeschoss geplant. Der Neubau wird mit Balkonen und Loggien sowie einem Aufzug ausgestattet und gewährleistet so einen barrierefreien Zugang.

Mit dem Wohnhaus in der Jauernicker Straße setzt Thamm & Partner sein Engagement in Görlitz fort, betont Pradt. Die Firma hat in der Neißestadt bisher zehn Häuser hochwertig saniert, zuletzt vor Jahren die Denkmale Breite Straße 20 und 21 in der Altstadt. Aktuell saniert die Firma das Denkmal Theodor-Körner-Straße 10. Andererseits gehören ihr in Görlitz noch immer rund 30 unsanierte Gebäude. Bis auf Sicherungsarbeiten sind Thamm & Partner in den vergangenen Jahren nicht vorangekommen, es gab lange keine Sanierung mehr. So hat das Unternehmen in Görlitz einen zwiespältigen Ruf: Zehn hochwertige Sanierungen stehen 30 zunehmend verfallenen Denkmalen gegenüber.

In der oberen Jauernicker Straße ist die Situation angespannt: Seit die Straße im Juli 2019 voll gesperrt werden musste, sind zahlreiche Parkplätze weggefallen. Zudem leben die Mieter von gegenüber zum Teil hinter Baugerüsten. Sie wünschen sich, dass etwas passiert. Einige sprechen sich seit Jahren für einen Abriss aus. Der seit 2008 bestehende Verein Stadtforum Görlitz, der sich bei Architektur, Denkmalschutz und Stadtentwicklung engagiert, ist dem im Sommer entgegengetreten: „Dem Verfall des Denkmals Landeskronstraße 34 hatte die Stadt jahrelang untätig zugesehen, bis es im Jahr 2017 abgerissen werden musste“, sagte damals Thomas Göttsberger vom Verein: „Das sollte sich auf der Jauernicker Straße nicht wiederholen.“ Jetzt aber kommt es genau so – mit dem Unterschied, dass hier keine Baulücke bleiben soll.