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Das doppelte Wunder im Görlitzer Problemviertel

Ein Bauherr saniert in der Jauernicker Straße. Nun kauft er auch noch das Nachbarhaus. Es war eigentlich unverkäuflich.

Katrin Illichmann, Sekretärin der Baufirma Biehain Bau, steht vor den Häusern Jauernicker Straße 38 und 39 in Görlitz. Die Firma saniert beide Gebäude.
Katrin Illichmann, Sekretärin der Baufirma Biehain Bau, steht vor den Häusern Jauernicker Straße 38 und 39 in Görlitz. Die Firma saniert beide Gebäude. © Martin Schneider

Gute Nachrichten sind rar in der oberen Jauernicker Straße in der Görlitzer Südstadt. Weil die Berliner Firma Thamm & Partner, der hier gleich mehrere Häuser gehören, ein akut einsturzgefährdetes Gebäude nicht notsichert, ist die Straße seit Juli 2019 voll gesperrt. Die Bewohner von gegenüber leben teils hinter Baugerüsten.

Umso auffälliger ist das Engagement von Karsten Tobias. Seit anderthalb Jahren saniert der Freitaler – zusammen mit der hiesigen Firma Biehain Bau – das zuvor ebenfalls sehr marode Haus Nummer 38. Jetzt meldet er fast Vollzug. „Ich denke, im Mai können die ersten Bewohner einziehen“, sagt der 49-Jährige. Mit seiner Frau Nicole leitet er den Pflegedienst Tobias. „Wir sind das neuntgrößte Pflegeunternehmen in Deutschland“, sagt Tobias stolz. Über 700 Mitarbeiter arbeiten für das Ehepaar, das sich mit dem Pflegedienst auf die Kinderintensivpflege spezialisiert und in Dresden die erste stationäre Kinderintensivpflege in Ostdeutschland errichtet hat. Das erwirtschaftete Geld steckt das Ehepaar gern in Häuser. „In Dresden, Radeberg und Freital haben wir 25 Immobilien“, sagt Tobias. Alle werden nach und nach saniert.

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Haus kostete nur 20.000 Euro

Ein Haus in Görlitz zu kaufen, sei reiner Zufall gewesen. Die Jauernicker Straße 38 sei ihm vor Jahren angeboten worden. Weil das Haus nur 20.000 Euro kostete und er auf die Denkmal-Abschreibung hoffte, schlug er zu. Ursprünglich sollte es ein normales Mietshaus werden: Hochwertig saniert, pro Etage zwei Dreiraumwohnungen mit jeweils 70 bis 80 Quadratmetern Wohnfläche, allesamt per Aufzug erreichbar, alle mit Dusche, Wanne und zwei Waschbecken, dazu großen Wohnküchen zur Hofseite, und, abgesehen vom Dachgeschoss, alle mit Balkon. Eine elfte Wohnung sollte im Hinterhaus entstehen, das somit quasi zum Einfamilienhaus wird.

Das Hinterhaus war vor der Sanierung nur noch eine Ruine.
Das Hinterhaus war vor der Sanierung nur noch eine Ruine. © Nikolai Schmidt

Inzwischen ist all das fast abgeschlossen, nur an einer Stelle hat Tobias noch einmal umgeplant: „Im ersten Stock entstehen nicht zwei Wohnungen, sondern eine große WG für sechs Pflegebedürftige.“ Das habe sich aus der Notwendigkeit in Görlitz heraus ergeben. „Wir wissen, was in Sachsen und den einzelnen Regionen gebraucht wird.“ Die Wohnung ist mit zwei Pflegebädern ausgestattet, aber eher nicht für bettlägerige Senioren gedacht, sondern für Menschen, die noch aufstehen können. Betreiben will er die WG mit seinem eigenen Pflegedienst. Er ist optimistisch, dass die Bewohner im Mai einziehen können.

So schick sieht das Hinterhaus mittlerweile aus. Jetzt wird es zum Einfamilienhaus.
So schick sieht das Hinterhaus mittlerweile aus. Jetzt wird es zum Einfamilienhaus. © Martin Schneider

Auf den anderen Etagen sowie im Hinterhaus rechnet er mit einem Bezug spätestens zum 1. August. Für die Dachgeschoss-Wohnungen hat Tobias jetzt zusätzlich noch Dachterrassen geschaffen. Bei Bedarf können beide Wohnungen auch zu einer sehr großen Wohnung vereinigt werden, sagt er. Vergeben sind die Wohnungen und auch die sechs Pflege-WG-Plätze noch nicht. Auch die Mietpreise stehen noch nicht fest. Tobias ist klar, dass er keine mit Dresden vergleichbaren Preise aufrufen kann: „Wir wollen uns am hiesigen Niveau orientieren, es soll bezahlbar sein.“ Aber nicht billig: „Wir müssen auch die Investitionen refinanzieren.“ Tobias baut mit Eigenkapital, also ohne Banken und ohne Fördermittel. Wie viel Geld er in das Haus steckt, will er aber nicht verraten. Es dürfte locker eine Millionensumme sein. „Die Baukosten in Görlitz liegen um zehn bis 15 Prozent über denen in Dresden“, sagt er.

Im Inneren des Hauses Jauernicker Straße 38 fehlten zwischenzeitlich zahlreiche Decken , sodass man weit nach oben blicken konnte.
Im Inneren des Hauses Jauernicker Straße 38 fehlten zwischenzeitlich zahlreiche Decken , sodass man weit nach oben blicken konnte. © Nikolai Schmidt

Dass einer wie er trotzdem an dieser Stelle investiert, gleicht einem Wunder. Doch jetzt kommt noch ein zweites Wunder hinzu: Karsten Tobias hat auch das Nachbarhaus Jauernicker Straße 39 gekauft. Es ist eines der verfallensten Häuser von Görlitz. Schon, als die SZ im Juni 2017 die zehn größten Sorgenkinder der Stadtverwaltung zeigte, war dieses Haus dabei. Es galt schon damals als einsturzgefährdet.

Tobias wollte es seit Jahren kaufen: „Ich möchte kein hässliches Haus nebenan haben, sondern einen sauberen Straßenzug.“ Doch es gab ein Problem: Die Nummer 39 gehörte Thamm & Partner. Doch die wollten das Haus nicht verkaufen. Warum? Tobias hat von einem Mitarbeiter der Firma voriges Jahr keine Antwort erhalten.

Links die fast fertig sanierte Jauernicker Straße 38, rechts die von innen völlig ruinöse Nummer 39, die nun ebenfalls saniert wird.
Links die fast fertig sanierte Jauernicker Straße 38, rechts die von innen völlig ruinöse Nummer 39, die nun ebenfalls saniert wird. © Martin Schneider

Doch mithilfe der SZ wendete sich das Blatt. Im Herbst hatte die SZ einen Termin mit Geschäftsführerin Angela Thamm. Sie erklärte, dass sie in Görlitz noch nie ein Haus verkauft habe und das eigentlich auch nicht beabsichtige. Andererseits konnte sie aber auch keinerlei Termin nennen, wann sie die 39 sanieren will. Letztlich rang sie sich auf Nachfrage zu einer Aussage durch: Sie könnte sich vorstellen, bei der Jauernicker Straße 39 eine Ausnahme zu machen und doch zu verkaufen. Dazu müsste Tobias als direkter Nachbar ihr ein konkretes und ernsthaftes Kaufangebot unterbreiten. Der zögerte nicht lange. „Ich habe Frau Thamm einen ziemlich hohen Betrag angeboten.“ Dem habe die Berlinerin zugestimmt – ohne weitere Verhandlung. Karsten Tobias beschreibt Angela Thamm als sehr nette Frau: „Zum Notartermin ist sie sogar persönlich gekommen.“

Jetzt läuft die Planung für die Jauernicker Straße 39. „Spätestens im zweiten Quartal wollen wir loslegen“, sagt er. Auf jeden Fall sollen im gesamten Haus Mietwohnungen entstehen, keine Pflege. Konkreteres steht bisher nicht fest, weder eine genaue Wohnungszahl noch ein Fertigstellungstermin. Auf jeden Fall will er wieder mit Biehain Bau arbeiten. „Die Firma ist ein Glücksgriff, sehr rührig“, lobt der Bauherr.

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