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Die spannende Geschichte der Villa Postplatz 6

Anwaltskanzlei, Wohnhaus, Konzertort: Das Gebäude wurde vielfältig genutzt. Auch von einem Görlitzer Ehrenbürger.

Dieses undatierte Foto stammt aus dem Archiv von Hannes Weinhold, einem der letzten Bewohner des Hauses Postplatz 6 (Mitte). Links ist das Nachbarhaus Postplatz 5 zu sehen, das ebenfalls abgerissen werden soll.
Dieses undatierte Foto stammt aus dem Archiv von Hannes Weinhold, einem der letzten Bewohner des Hauses Postplatz 6 (Mitte). Links ist das Nachbarhaus Postplatz 5 zu sehen, das ebenfalls abgerissen werden soll. © Foto: Archiv

Erst seit zwei Jahren betreibt Antje Matthes aus Waditz bei Bautzen Familienforschung. Aber was die SZ-Leserin jetzt herausgefunden hat, hat sie doch überrascht: „Der Mann der Cousine meiner Oma Dorothea war Hans Nathan, ein Ehrenbürger von Görlitz.“ Schon auf der Eheurkunde von Hans Nathan und Marianne Staar – das ist die Cousine der Oma – konnte sie lesen, dass Hans Nathan zum Zeitpunkt der Hochzeit am 31. Oktober 1925 unter der Adresse Postplatz 6 in Görlitz lebte.

Das ist genau jene Villa, die seit Herbst in aller Munde ist: Kaufhaus-Investor Winfried Stöcker hat sie gekauft, um sie – genau wie das Nachbargebäude Postplatz 5 – abzureißen. Er plant ein größeres Parkhaus mit einer breiteren Zu- und Abfahrt. Dafür sollen beide Gebäude weichen. In Görlitz ist dieser Plan höchst umstritten. Und nicht nur hier: Zuletzt hat sich auch das Landesamt für Denkmalpflege dagegen ausgesprochen. Antje Matthes hat indes eine klare Meinung: „Das Haus Postplatz 6 hat in meiner Familie einmal eine Rolle gespielt. Und schon vor diesem Hintergrund wäre es schade, wenn es verschwinden würde.“

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Mit Bannern an der Fassade protestierten im Herbst die letzten Bewohner des Hauses Postplatz 6 gegen die Pläne von Kaufhaus-Investor Winfried Stöcker.
Mit Bannern an der Fassade protestierten im Herbst die letzten Bewohner des Hauses Postplatz 6 gegen die Pläne von Kaufhaus-Investor Winfried Stöcker. © Nikolai Schmidt

Doch was hat es mit dem Gebäude noch auf sich? Laut Denkmalliste des Landesamtes wurde es 1865 erbaut. Gelistet ist es als „Wohnhaus in geschlossener Bebauung mit Vorgarten“. Baugeschichtlich und städtebaulich sei es von Bedeutung, heißt es dort: „Mittelrisalit, davor offene Veranda mit Stufen zum Vorgarten. Balkon im ersten Obergeschoss verändert oder neu.“

Wer nach früheren Eigentümern und Bewohnern sucht, wird in historischen Adressbüchern ausgiebig fündig. Auffällig: In allen Adressbüchern von 1864 bis 1880 ist der Postplatz 6 zwar genannt, doch als Eckhaus gehörte er damals offensichtlich gleichzeitig zur Nachbarstraße. Die wiederum wechselte auch ihren Namen. So wird zuerst auf die Kohlstraße 32 verwiesen, 1868 auf die Kohlstraße 49 und ab 1872 schließlich auf die Consulstraße 49. Als Eigentümer ist 1864 der vormalige Gutsbesitzer von Damnitz angegeben, ab 1868 dann der Partikulier und Rentier von Leupoldt.

Ein nobles Anwesen für nur eine Familie

1883 firmiert es erstmals ausschließlich als Postplatz 6. Eigentümer ist jetzt ein Premierlieutenant Matthießen. Doch er blieb nicht lange. Schon 1886 ist der Rechtsanwalt, Notar und Justizrat Werner Heffter als Eigentümer eingetragen. Es muss zu dieser Zeit ein nobles Anwesen und die Heffters eine reiche Familie gewesen sein. Während die Adressbücher für sämtliche Gebäude ringsherum zahlreiche Bewohner auflisten, lebte am Postplatz 6 rund 30 Jahre lang ausschließlich Familie Heffter. Werner Heffter starb um 1910, seine Witwe Marie lebte anschließend noch einige Jahre in der Villa.

Im Adressverzeichnis 1919 findet sich schließlich der erste Hinweis auf einen Besitzerwechsel. Albert Nathan, Justizrat, Rechtsanwalt und Notar, ist der neue Eigentümer. Er lebt mit seiner Familie im ersten Stock. Im Parterre findet sich nun das Büro der Rechtsanwälte Justizrat und Notar Nathan und Dr. Glätzner. Sie zogen aus der Villa Konsulstraße 18 an den Postplatz um.

Hans Nathan praktizierte hier

Albert Nathan ist der Vater von Hans Nathan. Der spätere Professor und Dekan der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin wurde 1900 in Görlitz geboren. Er entstammte einem jüdisch-bürgerlichen Elternhaus, besuchte das Görlitzer Gymnasium, studierte Jura in Berlin, München und Breslau. In Görlitz praktizierte er von 1925 bis 1933 als Rechtsanwalt. 1925 heiratete er die Tochter eines Sägewerksbesitzers. Er wurde Vater zweier Töchter. In der NS-Zeit lebte er in England. 1971 starb er. Im gleichen Jahr wurde er Ehrenbürger von Görlitz. In Rauschwalde ist eine Straße nach ihm benannt.

Im Adressbuch finden sich die Nathans bis 1933. Dann flohen sie vor den Nazis und verließen die Stadt. 1934/35 war kurzzeitig eine Eva Goebel Eigentümerin der Villa, im ersten Stock zog nun das Büro des Rechtsanwalts Dr. Alexander Hillach ein. Gleichzeitig war 1934/35 der erste Zeitpunkt, zu dem in dem Gebäude viele Familien und Einzelpersonen gleichzeitig wohnten. Die Bewohner wechselten in den nächsten Jahren sehr häufig.

Familie Hillach übernimmt die Villa

Schon 1936/37 ist der nächste Eigentümerwechsel verzeichnet: Emilie Hillach wurde neue Eigentümerin – und blieb es bis zum letztmaligen Erscheinen des Adressbuches 1949/50. Bald darauf wurde sie enteignet. Das Anwaltsbüro von Alexander Hillach war mitten im Zweiten Weltkrieg noch immer hier zu finden, 1949/50 dann aber nicht mehr. Ab 1936/37 wurde zudem eine Kellerwohnung vermietet und im Seiten- oder Hinterhaus zog die Malerwerkstatt von Otto John ein, später die Tapezier- und Polsterwerkstatt Emil Bauschmann.

Zu DDR-Zeiten als Wohnhaus genutzt, wurde es ab Sommer 1991 für einige Jahre zum ersten Domizil des Eine-Welt-Ladens in Görlitz. 1996 gelangte es wieder in den Besitz der Familie Hillach. Eigentümer war nunmehr Ansgar Hillach. Das Gebäude ist das Elternhaus des heute 87-Jährigen. Er verbrachte sein Leben als Professor für Literaturwissenschaft in Frankfurt am Main und lebte in Staufenberg bei Frankfurt/Main. Er kam meist nur zweimal im Jahr nach Görlitz. Er hing an dem Haus seiner Kindheit, wollte es lange nicht verkaufen, aber auch nicht viel Geld investieren.

Kreative retten Haus vor Verfall

So wurde es 2009 schließlich zum Wächterhaus. Die Wächterhaus-Idee gibt es in vielen Städten: Kreative und zumeist eher junge Leute dürfen ein unsaniertes Gebäude kostenlos nutzen und bewahren es dadurch vor dem Verfall. In Görlitz wechselten sie im Laufe der Jahre oft und nutzten das Haus für viele Zwecke: Als Atelier, als Vereinssitz, für Konzerte, Ausstellungen wie Zukunftsvisionen 2008 und zum Wohnen. Kulturell besonders aktiv war zuerst der KulTours-Verein, später die studentische Initiative „Stille Post“. So funktionierte es bis Herbst 2020, dann setzte der neue Eigentümer Winfried Stöcker die Bewohner vor die Tür. Hillach bereut inzwischen den Verkauf. „Ich habe in keiner Weise damit gerechnet, dass das Haus in die Hände von Stöcker gerät“, klagt er.

Nun steht es offenbar zum ersten Mal in seiner über 150-jährigen Geschichte leer. Und Menschen wie Antje Matthes, Ansgar Hillach und all jene, die einst hier lebten, hoffen, dass nun auch die Landesdirektion in Dresden der Sichtweise des Landesamtes für Denkmalpflege folgt und den von Stöcker geplanten Abriss verhindert.

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