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Ein Leben zwischen Feldern und Windmühlenresten

Sylke Bilz wohnt an einem geschichtsträchtigen Ort oberhalb von Görlitz-Klingewalde. Oft sieht sie mehr Tiere als Menschen.

Sylke Bilz gießt ihre Blumen in Klingewalde. Im Hintergrund sind die zugewachsenen Reste der alten Windmühle zu erkennen.
Sylke Bilz gießt ihre Blumen in Klingewalde. Im Hintergrund sind die zugewachsenen Reste der alten Windmühle zu erkennen. © Martin Schneider

Wer am nördlichen Stadtrand von Görlitz die Straße von Klingewalde hinüber in Richtung B6/B115 nimmt, der sieht das Haus von Sylke Bilz schon von Weitem. Auf der linken Seite steht es ganz allein am höchsten Punkt – umgeben von Feldern und der Bahnlinie tief in der Senke unterhalb des Hauses. Nachbarn hat Sylke Bilz keine – abgesehen von ein, zwei Garagenbesitzern, die ab und an mal den Schotterweg hier hinauf nehmen.

Das Haus von Sylke Bilz steht ganz allein zwischen Feldern. Nur ein Schotterweg führt dort hinauf.
Das Haus von Sylke Bilz steht ganz allein zwischen Feldern. Nur ein Schotterweg führt dort hinauf. © Martin Schneider

Oft aber sieht die Hausbesitzerin mehr Tiere als Menschen. „Rehe, Füchse, Hasen, Igel, Marder, Wiesel, Blindschleichen, Echsen und alle möglichen Vögel gibt es hier“, berichtet die 55-Jährige. Und doch hat es die Mutter von zwei Töchtern nicht weit bis in die Stadt. Im Winter, wenn der Schotterweg zugeweht ist, lässt sie das Auto einfach stehen und geht zu Fuß los. Entlang der Schienen ist Königshufen schnell erreicht. Von dort ist Sylke Bilz mit dem Nahverkehr fix im Stadtzentrum, wo sie als Servicekraft in einem Hotel arbeitet. Wenn der Winterdienst die Hauptstraßen geräumt hat, ist aber auch der Schotterweg zum Haus von Sylke Bilz dran. So ist sie also bei Schnee nicht generell abgeschnitten.

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Ihre einsame Wohnlage ist für sie der perfekte Ausgleich zur stressigen Arbeit: „Hier habe ich Ruhe, kann entschleunigen und fühle mich wohl.“ Die Stadt vermisse sie nicht – höchstens im Winter mal. „Aber früher waren die Winter strenger, da war es hier oben schon extrem“, sagt sie. Jetzt gab es viele milde Winter, nur 2020/21 war mal wieder schneereich. Weil es so geweht hat, kam Sylke Bilz einmal gar nicht zur Tür hinaus. Doch sie nimmt es gelassen: „Das war früher immer so, den ganzen Winter lang.“ Aber auch im Sommer ist der Klimawandel für sie hier oben erkennbar: „Früher wuchsen ringsum so viele Wildkräuter, die sind alle verschwunden.“

Viele alte Bäume und jede Menge Blumen

Auf ihrem Grundstück sorgt sie trotzdem für Artenvielfalt: Es gibt keinen englischen Rasen, stattdessen lässt es Sylke Bilz zur Freude der Vögel und Insekten ein bisschen wilder aussehen. Alte Bäume findet man auf ihrem Grundstück zuhauf, dazu viele Blumen, eine große Feuerstelle, eine Schaukel für ihre beiden Enkelkinder, ein Fußballtor. Dazu einen alten Erdkeller, der einst zum Lagern von Kartoffeln und Rüben genutzt wurde, heute aber leer steht.

Unter einem alten Baum befindet sich der Brunnen. Per Hand schöpfen muss Sylke Bilz aber nicht mehr: Das Wasser wird ins Haus gepumpt.
Unter einem alten Baum befindet sich der Brunnen. Per Hand schöpfen muss Sylke Bilz aber nicht mehr: Das Wasser wird ins Haus gepumpt. © Martin Schneider

Was man dagegen nicht findet, sind Gas-, Wasser- oder Abwasseranschluss. „Nur Strom liegt an“, sagt Sylke Bilz. Sie stört das Fehlen nicht. Geheizt wird traditionell mit Holz und Kohle, Wasser kommt aus einem Brunnen im Hof und gelangt per Pumpe ins Haus. Sie kocht es ab: „Auf den Feldern ringsum wird zu viel gedüngt, das ist nicht gut für das Trinkwasser.“ Abwasser fließt in ihre eigene Klärgrube.

Neben der isolierten Lage hat das Grundstück noch eine Besonderheit: Die von Pflanzen zugewachsenen Reste einer Windmühle stehen direkt neben dem Wohnhaus. 1685 wurde eine Bockwindmühle in Klingewalde gebaut. Sie stand bis 1832. 1852 wurde nochmals eine Bockwindmühle errichtet – eine zwölfeckige Holländer-Windmühle in Ziegelfachwerk mit Zinkdach. Sie fiel einem Sturm zum Opfer. Die heutigen Fundamentreste stammen von einer 1892 gebauten Windmühle.

Von der Rückseite aus sind die Reste der alten Klingewalder Windmühle noch ganz gut zu erkennen.
Von der Rückseite aus sind die Reste der alten Klingewalder Windmühle noch ganz gut zu erkennen. © Martin Schneider

Für die Bevölkerung war sie ein beliebtes Ausflugsziel. Hier konnte man bei Kaffee und Kuchen den Nachmittag verbringen. Ab 1927 lieferte der Bäckermeister sein Brot und Backwaren fast ausschließlich auf den Görlitzer Wochenmarkt und an Lebensmittelgeschäfte. Im selben Jahr wurde die Mühle außer Betrieb gesetzt, die Inneneinrichtung ausgebaut und als Stallgebäude genutzt. Weil sie morsch waren, verschwanden 1933 die Flügel der Mühle. Die Bäckerei schloss schließlich 1938.

An die Nutzung der Mühlenreste als Stall kann sich auch Sylke Bilz noch gut erinnern. Sie wurde 1966 in Görlitz geboren. Ende der 1960er oder Anfang der 1970er Jahre kauften ihre Eltern das einsame Haus und zogen ein. So wuchsen Sylke Bilz und ihr Bruder hier auf. „Als Kind war ich noch in der Mühle“, sagt sie. Ihr Vater hielt Hühner, Enten, Gänse und Schweine. Die Tiere liefen frei im Hof herum, im Winter hatten sie ihren Stall in der Mühle. Sylke Bilz erinnert sich auch, dass es damals oft sehr kalt war hier oben – besonders, wenn der Wind aus Osten blies. „Nicht umsonst wurde hier eine Windmühle gebaut“, sagt sie.

Ende der 1990er-Jahre zurückgekehrt

Schon Anfang der 1980er-Jahre starb ihr Vater. Danach wurde die Mühle verschlossen. Als Sylke Bilz heiratete, zog sie mit ihrem Mann in die Stadt: „Wir wollten selbstständig sein, eine Familie gründen.“ Doch Ende der 1990er-Jahre kehrte sie zurück in die ländliche Idylle, sodass ihre Mutter nicht länger allein dort lebte. Sie kümmerte sich nach dem Tod ihres Mannes jahrzehntelang um das Grundstück, lebte noch bis voriges Jahr dort.

Vor vielen Jahren sind mal ein paar ältere Damen dagewesen, die früher hier gewohnt haben. Die erinnerten sich vor allem daran, dass es damals in dem Haus sehr kalt gewesen sei. Doch so kalt wie früher ist es nicht mehr, die Fenster sind dichter als früher. Nur bei Ostwind im Winter wird es auch heute noch arg frisch.

Auch die Aussicht war damals eine andere: Königshufen gab es noch nicht, nur die Siedlung Königshufen. Und Klingewalde hatte viel weniger Häuser als heute. Schneekoppe und Jeschken aber sind bei klarer Sicht bis heute gut erkennbar.

Doch trotz allem: So richtig ungewöhnlich findet Sylke Bilz ihren Wohnort gar nicht. „Ich bin es ja so gewohnt“, sagt sie. Eigentlich mag sie hier alle Jahreszeiten. Vor allem die Sonnenaufgänge liebt sie – zumal sie gen Osten freie Sicht hat: „Nur bei Sturm und Gewitter habe ich Respekt.“ Bisher habe zum Glück nie ein Blitz eingeschlagen. Aber manchmal habe es mächtig gekracht: „Da bin ich dann froh, wenn es wieder abklingt.“ Und völlig isoliert ist sie auch nicht auf dem Hügel. Nicht nur Tiere kommen vorbei, sondern ab und an auch mal Spaziergänger, Jogger oder Radfahrer.

Die Serie endet mit diesem Teil. Zuvor waren erschienen:

Folge 1: "Wie es sich zwischen Baumhäusern wohnt"

Folge 2: "Dieser Biehainer wohnt in finnischer Kiefer"

Folge 3: "Wie ein Görlitzer unter uralten Gewölben wohnt"

Folge 4: "Ganz allein in einem Schloss"

Folge 5: "Alt und Jung wohnen im Ostsachsendruck"

Folge 6: "Zu Gast in Sachsens letzter Turmwindmühle"

Folge 7: "Horkaer Familie wohnt in alter Fleischerei"

Folge 8: "Wenn der Bahnhof zur Heimat wird"

Folge 9: "Der Ulmenhof in Görlitz - eine Welt für sich"

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