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Görlitz will 600 neue Ein- und Zweifamilienhäuser

Die Wohneigentumsquote in der Stadt ist gering. Das soll sich ändern. Hier ist die Liste der Standorte, die das Rathaus besonders empfiehlt.

Von Ingo Kramer
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Auf 14 Parzellen entstehen derzeit am Auenblick im Görlitzer Ortsteil Ludwigsdorf neue Einfamilienhäuser.
Auf 14 Parzellen entstehen derzeit am Auenblick im Görlitzer Ortsteil Ludwigsdorf neue Einfamilienhäuser. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Ein eigenes Haus in Görlitz – Susanne und Christian aus der Nikolaivorstadt haben den Traum mittlerweile aufgegeben. „Wir haben einige Häuser besichtigt, aber etwas Passendes war nicht dabei“, berichten die Eltern von zwei Kindern im Grundschul- beziehungsweise Kindergartenalter. Irgendwo raus aufs Dorf zu ziehen, kam für sie nicht infrage: „Wir wollten in der Stadt bleiben, wo wir nicht zwei Autos brauchen.“ Jetzt haben sie beschlossen, in ihrer Mietwohnung zu bleiben. Die Sehnsucht nach einem eigenen Grundstück haben sie mit einem Bungalow bei Niesky gestillt – wenigstens für die Wochenenden.

Am Auenblick läuft der Bau. Es ist einer der wenigen Standorte, an denen derzeit in Görlitz neue Einfamilienhäuser entstehen.
Am Auenblick läuft der Bau. Es ist einer der wenigen Standorte, an denen derzeit in Görlitz neue Einfamilienhäuser entstehen. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Schaut man sich die – nicht ganz aktuellen – Zahlen an, die die Stadt jetzt veröffentlicht hat, dürfte die junge Familie keine Ausnahme sein. „Die Wohneigentumsquote in Görlitz lag im Jahr 2015 mit 16,4 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt in Sachsen (29 Prozent) und mehr als deutlich unter dem Deutschlands (43 Prozent)“, heißt es im Vorentwurf des Flächennutzungsplans (FNP) der Stadt Görlitz, den der Stadtrat jetzt mit großer Mehrheit bestätigt hat. Und weiter: „Seitens der Stadt Görlitz wird ein großer Nachholbedarf gesehen und eine Erhöhung der Wohneigentumsquote auf 20 Prozent angestrebt.“

Mit anderen Worten: Um das Ziel zu erreichen, sollen neue Ein- und Zweifamilienhäuser her. Von heute auf morgen geht das freilich nicht. „Im Flächennutzungsplan sind Entwicklungsziele für einen langfristigen Zeitraum dargestellt“, erläutert Hartmut Wilke vom Amt für Stadtentwicklung: „Diese Ziele werden durch Beschluss des Stadtrates legitimiert.“ Allerdings hat der Stadtrat jetzt erst einmal den Vorentwurf gebilligt. Dieser ist noch bis 30. April in der Jägerkaserne ausgelegt, wo Bürger Einsicht nehmen und Stellungnahmen abgeben können. Wann der FNP letztlich beschlossen wird, ist noch nicht klar.

Zusätzlicher Bedarf von 500 Häusern

Doch der Vorentwurf ist schon recht konkret. „Die gewollte Erhöhung der Wohneigentumsquote auf 20 Prozent bedeutet einen zusätzlichen Bedarf von etwa 500 Wohnungen, die vom Eigentümer selbst genutzt werden“, heißt es in dem Entwurf. Zudem sind die Finanzierungsbedingungen durch niedrige Zinsen derzeit günstig, was das Interesse von Bauherren steigen lässt. Deshalb und noch aus weiteren Gründen „wird festgelegt, dass im neuen Flächennutzungsplan mit Planungshorizont bis zum Jahr 2035 Wohnbauflächen für selbst genutztes Wohneigentum in Ein- und Zweifamilienhäusern in einer Größenordnung von etwa 600 Wohnungen geplant werden“, heißt es in dem Papier.

Dazu kommen noch die Häuser, die in den nächsten 15 Jahren frei werden, weil die jetzigen Bewohner alt sind. Von den 7.028 Bewohnern der 2.286 Einfamilienhäuser waren im April 2020 rund 21 Prozent – das sind 1.509 Menschen – 70 Jahre und älter. Das betrifft 754 Einfamilienhäuser. Wenn nur die Hälfte altersbedingt ihr Wohneigentum aufgeben muss, könnten bis 2035 etwa 377 Eigenheime frei werden. Das beachtet der FNP ebenfalls.

Keine Neuversiegelung gewünscht

Doch wo können neue Einfamilienhäuser gebaut werden? Dazu beinhaltet der Entwurf eine wichtige Aussage: „Vorrangige Priorität (...) sollen Flächen und Standorte im bestehenden Siedlungsraum, auf Brachen, auf aufgelassenen Vornutzungen, auf Innenbereichs- und Rückbauflächen haben.“ Anders gesagt: Es soll keine Neuversiegelung im Sinne von Siedlungserweiterung geben, also beispielsweise keine Neubaugebiete auf Feldern am Stadtrand.

Bei der Erarbeitung des Flächennutzungsplanes hat das Amt für Stadtentwicklung voriges Jahr insgesamt 73 Flächen neu bewertet. Ergebnis: 35 davon sind geeignet. Die Stadt unterteilt diese in 19 Flächen mit hoher Priorität/guter Eignung (282 Häuser auf 168.600 Quadratmetern) und 16 Flächen mit nachgeordneter Priorität (361 Häuser auf 260.000 Quadratmetern). Zusammen sind das 643 Häuser. Das würde somit das Ziel von 600 Häusern sogar leicht übererfüllen. Allerdings sind viele Flächen in privater Hand. Dort liegt es an den Eigentümern, ob sie die Flächen bebauen wollen.

Direkt unterhalb des ehemaligen Kinderheimes in Biesnitz werden derzeit am Grenzweg neue Einfamilienhäuser gebaut.
Direkt unterhalb des ehemaligen Kinderheimes in Biesnitz werden derzeit am Grenzweg neue Einfamilienhäuser gebaut. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Die 19 besonders priorisierten Standorte sind:

  • Ex-Heizhausgelände Kamenzer Straße/Fichtestraße (20 Häuser),
  • Gerda-Boenke-/Jonas-Cohn-Straße (18),
  • Rückbauflächen Reichertstraße (36),
  • Molkereiquartier (16),
  • Windmühlenweg Königshufen (12),
  • Karl-Eichler-Straße (6),
  • Demischgut Ludwigsdorf (19),
  • Gartensparte Landheimstraße (12),
  • Berzdorfer Straße 37/38 in Tauchritz (4),
  • August-Bebel-Straße Hagenwerder (8),
  • Erich-Weinert-Straße 32-50 (18),
  • Kunnerwitz, in zweiter Reihe hinter der Neundorfer Straße (28),
  • Klein Neundorf, Seestraße 45/48, gleich am Ortseingang auf der linken Seite (8),
  • Rothenburger Landstraße 303 in Ober-Neundorf (4),
  • „Am Windmühlenberg I“ in Ober-Neundorf (10),
  • Gartensparte „Reuterstraße“ an der Jeschkenstraße (26),
  • Geschwister-Scholl-Straße (10),
  • Promenadenstraße 10 bis 26 und 36 bis 50 stadtauswärts rechts oberhalb vom Netto-Markt (14) und
  • Dorfstraße Schlauroth (13).

Alles in allem wären das also 282 Häuser.

Dreieck soll nicht bebaut werden

Im Moment ist das alles noch Theorie. Aber zumindest macht der FNP den Weg frei, dass es früher oder später so kommen könnte. Andererseits sorgt er auch dafür, dass andere Flächen eher nicht bebaut werden. Zu den 73 untersuchten Flächen gehört zum Beispiel auch das Dreieck Langenstraße/Büttnerstraße/Helle Gasse hinter dem Rathaus. Dort heißt die Empfehlung: Grün- und Freifläche. Wird der FNP also irgendwann so beschlossen, dann bleibt (unter anderem) diese Fläche frei.

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