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Görlitzer Rathausspitze optimistisch bei Welterbe

Der Denkmalrat Icomos sah die Bewerbung wegen der Postplatz-Villen gefährdet. Ist dieses Problem jetzt vom Tisch?

Von Ingo Kramer
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So sieht es heute am Postplatz aus: Die umstrittenen Villen Postplatz 5 und 6 stehen im Vordergrund, dahinter das Parkhaus.
So sieht es heute am Postplatz aus: Die umstrittenen Villen Postplatz 5 und 6 stehen im Vordergrund, dahinter das Parkhaus. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Das Schreiben des Denkmalrates Icomos an den Görlitzer OB Octavian Ursu (CDU) zum möglichen Abriss der Villen Postplatz 5 und 6 klang dramatisch.

„Wir halten den geplanten Abriss aus konservatorischer Sicht für kontraproduktiv und im Verfahren um die Bewerbung zur Aufnahme der Stadt Görlitz in die deutsche Tentativliste des Welterbes für abträglich und verweisen auf den in Ihrer Antrittsrede als Oberbürgermeister vom August 2019 formulierten Anspruch, das historische Erbe der Stadt zu wahren, Zukunftschancen zu nutzen und die Anstrengungen für den Welterbe-Titel zu verstärken“, schreiben Präsident Jörg Haspel, Vizepräsidentin Sigrid Brandt und Generalsekretär Gregor Hitzfeld vom deutschen Icomos-Nationalkomitee. Icomos berät die Unesco und hat bei Welterbe-Bewerbungen ein gewichtiges Wort mitzureden.

Elf Jahre ist es her, seit Bürgermeister Michael Wieler (links) im August 2010 zu Gast bei Robert Bienas im damaligen Wächterhaus Postplatz 6 war. Jetzt gehört das Gebäude Winfried Stöcker – und der will es abreißen.
Elf Jahre ist es her, seit Bürgermeister Michael Wieler (links) im August 2010 zu Gast bei Robert Bienas im damaligen Wächterhaus Postplatz 6 war. Jetzt gehört das Gebäude Winfried Stöcker – und der will es abreißen. © SAE Sächsische Zeitung

Für Ursu war der Brief Anlass, sofort Kontakt zu Icomos aufzunehmen – und zusammen mit seinem Stellvertreter Michael Wieler nach Berlin zu fahren, um dort mit Haspel und Hitzfeld über das Thema ins Gespräch zu kommen. Darüber informierte Wieler am Donnerstag im öffentlichen Teil der Stadtratssitzung. Ursu und er hätten im Gespräch zunächst ihre Position erklärt. „Wir stimmen der Icomos-Grunderwartung zur Richtung der Stadtentwicklung ohne Abstriche zu“, sagt Wieler: „Die Verkehrsbelastung muss reduziert und der ÖPNV ausgebaut werden.“ Das sei wichtig für Lebensqualität und Klimaschutz.

Doch trotz allem werde Görlitz auch künftig nicht ohne einpendelnden Individualverkehr auskommen. Und für den fehle es an innerstädtischen Parkoptionen – auch unabhängig vom Kaufhaus. Der Standort am Postplatz sei optimal geeignet – vor allem, weil von hier Innen- und Altstadt gleichermaßen gut erreichbar sind. Zudem verweist Wieler auf die anstehende Überarbeitung des Gesamtverkehrskonzeptes: „Die An- und Abfahrten zum Parkhaus sollten sicher anders sein als heute.“

Aus diesen Überlegungen heraus halte die Stadt den Abriss der Villen Postplatz 5 und 6 für vertretbar. Hinzu komme, dass die Gebäude Postplatz 2 bis 4 bereits abgerissen wurden – für das C&A-Gebäude sowie das jetzige Parkhaus. Somit sei das alte Ensemble ohnehin nicht mehr vorhanden. Und: Die Villen Postplatz 5 und 6 stehen eingerückt am Platz. Das widerspreche den ursprünglichen Bauplänen von 1856, wonach sie vorn an der Straße stehen sollten: „Da hat sich schon damals jemand nicht an die geplanten Baufluchten gehalten.“

Die drei Villen Postplatz 4, 5 und 6 standen eingerückt von der Straße. Die Villa Postplatz 4 (links) wurde längst zusammen mit der Tankstelle direkt davor zugunsten von C&A sowie Parkhaus abgerissen.
Die drei Villen Postplatz 4, 5 und 6 standen eingerückt von der Straße. Die Villa Postplatz 4 (links) wurde längst zusammen mit der Tankstelle direkt davor zugunsten von C&A sowie Parkhaus abgerissen. © Stadt Görlitz

Beim Thema Villen und Welterbe habe Haspel seine Formulierungen aus dem Schreiben offensichtlich noch einmal überdacht, sagt Wieler: „Wir waren uns alle einig, dass die hergestellte Verbindung zur Welterbe-Bewerbung nur eine periphere sein kann.“ Ein sachlicher Bezug könne nicht hergestellt werden, da die Inhalte der Welterbe-Bewerbung „weder einen bau- noch kulturgeschichtlichen Zusammenhang mit den beiden Villen besitzen und es auch keine Sichtbeziehung zu den Villen gibt.“ Zwischen dem Welterbe und den Villen würden rund 300 Jahre liegen. Haspel habe aber betont, dass ein Abriss aus denkmalpflegerischer Sicht nicht befürwortet werden könne. „Das ist nachvollziehbar“, sagt Wieler. Ursu ergänzt: „Uns ist aufgefallen, dass manche unserer Beweggründe dort nicht bekannt waren.“

Wielers Auffassung nach müsse man abwägen, was welchen Wert hat: „Meiner Meinung nach sind die Villen wichtige Denkmale, aber sie haben keinen so hohen Wert, denn schon 1856 sollte die Front eigentlich geschlossen werden.“ Deshalb betrachte er einen Abriss als legitim. Aber – und das betonte Wieler im Stadtrat wiederholt – handele es sich um Abwägungen. Er selbst habe Pros und Contras gegenübergestellt – und sei in seiner Abwägung zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Abriss denkbar ist. „Ich halte es aber auch für legitim, wenn andere zu einem anderen Ergebnis kommen“, erklärte Wieler auf Nachfrage.

Das war in den 1990er Jahren der Blick aus der Konsulstraße in Richtung Postplatz, bevor die Häuser 2 bis 4 abgerissen wurden.
Das war in den 1990er Jahren der Blick aus der Konsulstraße in Richtung Postplatz, bevor die Häuser 2 bis 4 abgerissen wurden. © Stadt Görlitz

Die Stadt fasst die Ergebnisse des Gespräches jetzt noch einmal schriftlich zusammen und schickt sie sowohl an Icomos als auch an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD), die sich ebenfalls mit einem kritischen Brief an Ursu gewandt hatte. Das Schreiben an beide sei fast fertig, sagt Wieler: „Darin bieten wir Icomos und der DSD auch weitere Gespräche an.“ Er persönlich glaube aber, dass die Sache geklärt ist – zumal derzeit ohnehin kein Abriss bevorstehe. „Die Villen können erst abgerissen werden, wenn der Stadtrat den Bebauungsplan beschließt“, sagt Wieler. Bis dahin sei es aber noch ein weiter Weg, das Baurechtsverfahren stehe noch ziemlich am Anfang. „Die Öffentlichkeit diskutiert also zu früh“, sagt der Bürgermeister. Das sei allerdings nachvollziehbar, weil das Thema Abrissgenehmigung vorgezogen worden sei.

Unter den Stadträten gibt es derweil Unmut, weil Ursu und Wieler zwei Monate lang nicht über das Icomos-Schreiben informiert haben. Immerhin stammt der Brief vom 3. September. Wieler verteidigt die Geheimhaltung. Das Schreiben sei schließlich an den OB gerichtet gewesen: „Er wollte zuerst mit Icomos sprechen und dann den Stadtrat informieren.“

Eine zweite Kritik kam von Danilo Kuscher (Motor Görlitz): „Wer sagt denn, dass ein Parkhaus genau an dieser Stelle sinnvoll ist?“ Der Stadtrat sollte seiner Ansicht nach zuerst in einem Gesamtverkehrskonzept festlegen, wo künftig geparkt werden soll, bevor solche Argumente in Berlin vorgebracht werden. Das wollte Wieler nicht gelten lassen: Erstens sei der Standort ideal, weil er mitten im Zentrum liegt. Und zweitens arbeite die Stadt an einem Gesamtverkehrskonzept, aber dieses brauche mit Bürgerbeteiligung eben seine Zeit.