merken
PLUS Görlitz

Nächste Runde im Görlitzer Immobilienpoker

Familie Spettmann hat in Görlitz Ruinen ersteigert und später angeblich weiterversteigert. Jetzt stehen sie erneut zum Verkauf.

Die Ruine auf der Rauschwalder Straße 53 in Görlitz steht schon wieder zum Verkauf. Diesmal soll sie 123.456 Euro bringen.
Die Ruine auf der Rauschwalder Straße 53 in Görlitz steht schon wieder zum Verkauf. Diesmal soll sie 123.456 Euro bringen. © Martin Schneider

Görlitz. Mit den Worten „Ruine ohne Denkmalschutz ergibt 700 Quadratmeter Bauland mitten in Görlitz“ hat Anastasia Spettmann aus Geldern in Nordrhein-Westfalen eine ihrer neuesten Anzeigen im Internet-Immobilien-Portal Immoscout24 überschrieben. Es geht um die Rauschwalder Straße 53 in Görlitz. Von dem Haus sind nur noch Parterre, Keller und Treppenhaus übrig. Deshalb steht es tatsächlich nicht mehr unter Denkmalschutz.

Und weil nur diese Ruine da ist, ist das Grundstück auch beinahe wertlos. Ein Gutachter hatte den Verkehrswert mit 2.800 Euro angegeben. Anastasia Spettmann versucht nun, die Ruine für 123.456 Euro (!) zu verkaufen. Damit geht der absurde Immobilienpoker in die nächste Runde.

Anzeige
Ab 1. August: Das Bildungsticket ist da!
Ab 1. August: Das Bildungsticket ist da!

Ab 1. August fahren Schülerinnen und Schüler für nur 15 Euro im Monat Bus und Bahn. Somit können sie das Bildungsticket bereits in den Ferien ausgiebig nutzen.

Auch für das Gebäude Bahnhofstraße 54 wollen die Spettmanns jetzt 123.456 Euro haben.
Auch für das Gebäude Bahnhofstraße 54 wollen die Spettmanns jetzt 123.456 Euro haben. © Martin Schneider

Zur Erinnerung: Die Ruine war am 29. März am Görlitzer Amtsgericht zwangsversteigert worden. Damals erhielt Anastasias Bruder Leonardo den Zuschlag. Er hatte 70.001 Euro geboten und damit den letzten Konkurrenten überboten, der bis 70.000 Euro mitgegangen war. Allerdings erwarb er die Ruine nicht im eigenen Namen, sondern für Roberto Petrucci aus Rom. Der Mann ist allerdings ein Phantom, an seiner angeblichen Wohnadresse in Rom ist er genauso wenig aufzufinden wie an seiner Briefkastenadresse in Geldern.

Direkt nach der Zwangsversteigerung bot Anastasia Spettmann die Ruine im Internet für 7.777 Euro zum Weiterverkauf an – mit dem Zusatz „Der angegebene Preis dient als Orientierungshilfe. Gerne nehmen wir ihr individuelles Angebot entgegen.“ Funktioniert hat das nicht. Später war das Haus für 500 Euro im Angebot. Am 15. Mai schließlich führte ihr einschlägig vorbestrafter Vater Karl Leo Spettmann – der eigentliche Drahtzieher des Immobilienpokers – im Internet eine private Auktion durch. Dort wurden alle Gebäude zu einem Startpreis von je 500 Euro angeboten.

Die Rauschwalder Straße 53 ging am Ende zu einem Höchstgebot von 30.500 Euro weg. Wobei „weg“ wohl das falsche Wort ist, schließlich steht das Gebäude nun erneut bei Anastasia Spettmann und ihrer Gelago Immobilien GmbH zum Verkauf. Wie das möglich ist? Nun, bei einer Internetauktion können Beobachter nicht erkennen, wer Gebote abgibt. Auf dem Bildschirm war damals nur Karl Leo Spettmann zu sehen. Ein Mann und eine Frau riefen ihm die Gebote angeblicher Telefonbieter zu. Gut möglich, dass Sohn und Tochter die Zurufer waren. Vielleicht also diente die Auktion lediglich dazu, die Häuser von Petrucci auf Spettmann zu übertragen.

Besonders pikant: Spettmanns und Petrucci haben die 70.001 Euro aus der Görlitzer Zwangsversteigerung bis heute nicht bezahlt. Sie hatten eine ungewöhnlich lange Zahlungsfrist herausgehandelt: Mitte Juli müssen sie bezahlen. Dennoch ist es nach deutschem Recht legal, die Häuser schon vorher weiterzuverkaufen.

Ominöse Internet-Auktion mit Verlusten

Die Rauschwalder Straße 53 ist kein Einzelfall: Bei der Bahnhofstraße 54 sieht es ähnlich aus. Diese Ruine kostete bei der Zwangsversteigerung in Görlitz 46.000 Euro und brachte bei der Internet-Auktion lediglich 21.000 Euro. Auch sie steht jetzt erneut bei Immoscout24 für 123.456 Euro zum Weiterverkauf. Einziger Unterschied: Hier haben die Spettmanns die 46.000 Euro nach Aussage des Görlitzer Oberbürgermeisters Octavian Ursu tatsächlich bezahlt.

Ein drittes Gebäude, die James-von-Moltke-Straße 35, haben die Spettmanns nicht über eine Zwangsversteigerung erworben. Woher sie es stattdessen haben – und ob es ihnen wirklich gehört – ist indes bis heute unklar. Auch dieses Haus verkaufte Karl Leo Spettmann bei seiner Internet-Auktion im Mai. Es brachte 33.000 Euro. Nun steht es ebenfalls wieder auf der Seite seiner Tochter zum Verkauf – zum Preis von 222.222 Euro. Den Zustand beschreibt sie als „abbruchreif“, allerdings steht das Haus unter Denkmalschutz und kann folglich nicht abgerissen werden.

Das aktuell teuerste Spettmann-Haus in Görlitz: Die James-von-Moltke-Straße 35 soll 222.222 Euro kosten.
Das aktuell teuerste Spettmann-Haus in Görlitz: Die James-von-Moltke-Straße 35 soll 222.222 Euro kosten. © www.loesel-photographie.de

Zwei weitere Görlitzer Häuser – Bismarckstraße 18 und Hohe Straße 11 –, die Karl Leo Spettmann am 15. Mai ebenfalls versteigert hatte, sind aktuell noch nicht im Internet zum Weiterverkauf zu finden. Aber das kann in wenigen Tagen schon wieder anders aussehen.

Die Stadt Görlitz hat derweil die Notbremse gezogen und bei der Zwangsversteigerung eines weiteren Hauses – Schillerstraße 25 – den Zuschlag an Petrucci versagt. Zu diesem Zeitpunkt war die Stadt noch davon ausgegangen, dass für die Bahnhofstraße 54 kein Geld eingegangen ist. Zur großen Überraschung aller Beteiligten haben die Spettmanns dieses Haus aber in letzter Minute doch noch bezahlt.

Bei der Schillerstraße 25 ändert das aber gar nichts mehr: Ist der Zuschlag einmal versagt, dann lässt sich das nicht rückgängig machen. „Die Stadt Görlitz hat die Fortsetzung des Zwangsversteigerungsverfahrens zur Schillerstraße 25 beantragt“, erklärt Sprecherin Sylvia Otto. Entsprechend werde das Amtsgericht einen neuen Versteigerungstermin festlegen. Dann beginnt alles wieder von vorn – so, als hätte der erste Termin nie stattgefunden.

Mehr zum Thema Görlitz