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Römer bezahlt ersteigertes Haus in Görlitz nicht

Die Frist für die Ruine Bahnhofstraße 54 in Görlitz ist verstrichen. Jetzt mehren sich Hinweise, dass es Roberto Petrucci nicht gibt.

Das Haus Bahnhofstraße 54 in Görlitz ging für 46.000 Euro an Roberto Petrucci. Doch der Römer hat bisher nicht bezahlt.
Das Haus Bahnhofstraße 54 in Görlitz ging für 46.000 Euro an Roberto Petrucci. Doch der Römer hat bisher nicht bezahlt. © Martin Schneider

Die große Überraschung ist ausgeblieben: Der ominöse Römer Roberto Petrucci hat den Kaufpreis von 46.000 Euro für die Ruine Bahnhofstraße 54 in Görlitz nicht bezahlt. Es ist eines von drei Görlitzer Häusern, die Leonardo Spettmann aus Geldern bei Zwangsversteigerungen am Amtsgericht Görlitz mit einer Uralt-Vollmacht für den Römer erworben hat. Und es ist das Erste, für das der Kaufpreis jetzt fällig wurde, und zwar in der vorigen Woche.

Doch nun ist genau das passiert, was viele erwartet hatten: Petrucci zahlt nicht. Das hat zunächst einmal eine ganz konkrete Konsequenz: Bei Haus Nummer 4 geht er leer aus. Nummer 4 war die Schillerstraße 25. Dieses Gebäude hatte die Stadt am 12. Mai zwangsversteigern lassen. Petrucci war erneut der Höchstbietende. Doch inzwischen befürchtete auch die Stadt, dass Petrucci nicht zahlen wird: Eine Rathaus-Mitarbeiterin war am 12. Mai im Gerichtssaal anwesend und drang darauf, den Zuschlag nicht sofort zu erteilen. Stattdessen wurde die Entscheidung über den Zuschlag erst am gestrigen Mittwoch verkündet. Mit anderen Worten: Bezahlt Petrucci die Bahnhofstraße 54 nicht, dann sollte er den Zuschlag für die Schillerstraße 25 nicht bekommen. Das Gebäude könnte dann ein zweites Mal zwangsversteigert werden.

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Auch das Haus Schillerstraße 25 in Görlitz sollte an Petrucci gehen. Doch weil er in der Bahnhofstraße nicht gezahlt hat, bekommt er in der Schillerstraße den Zuschlag nicht.
Auch das Haus Schillerstraße 25 in Görlitz sollte an Petrucci gehen. Doch weil er in der Bahnhofstraße nicht gezahlt hat, bekommt er in der Schillerstraße den Zuschlag nicht. © Martin Schneider

Genau so ist es nun gekommen: Wie die zuständige Rechtspflegerin beim gestrigen Verkündungstermin bestätigte, hat die Stadt eine einstweilige Einstellung des Verfahrens beantragt. Binnen sechs Monaten kann sie eine Fortsetzung beantragen. Dann käme es zu einer neuen Zwangsversteigerung. Die erste Versteigerung ist mit dem versagten Zuschlag hinfällig. Ob die Stadt nun eine zweite Zwangsversteigerung einleitet, sei noch nicht entschieden, erklärt Bürgermeister Michael Wieler.

Derweil mehren sich die Hinweise, dass es Petrucci gar nicht gibt – jedenfalls nicht unter der Wohnadresse Via Tuscolana 346 in Rom, die auf der Vollmacht aus dem Jahr 2012 angegeben ist. Die Stadt Duisburg, die Steuerschulden von Petrucci eintreiben wollte, erreichte ihn schon vor drei Jahren nicht mehr in der Via Tuscolana 346.

Niemand kennt Roberto Petrucci

Vor wenigen Tagen nun war eine Reporterin des ARD-Magazins „Plusminus“ vor Ort und überprüfte Briefkästen und Klingelschilder. Nirgendwo fand sich der Name Petrucci. Sie erkundigte sich auch bei der zuständigen Hausverwaltung Todini. Dort wurde ihr bestätigt, dass Petrucci nicht in dem Gebäude wohnt. Auch der unmittelbar benachbarte Barbetreiber Andrea Galetti kennt Petrucci nicht. Er betreibt die Bar seit acht Jahren und sagt, dass er im Haus fast alle Bewohner kenne. Möglich wäre also, dass Petrucci im Jahr 2012, als er die Vollmacht beim Notar unterschrieb, tatsächlich dort wohnte – und bereits kurz danach verschwand.

Klar ist auch: Petrucci ist ein Strohmann von Karl Leo Spettmann aus Geldern. Der einschlägig vorbestrafte 60-Jährige, der vor Kurzem auf Bewährung aus der Haft entlassen wurde, steckt hinter dem Kauf aller Gebäude. Er ist es auch, der am 15. Mai eine Internet-Privatauktion veranstaltete, bei der er die Häuser bereits weiterverkauft hat. Von Petrucci war dabei keine Rede.

Bei zwei Häusern kann Stadt nur abwarten

Doch was wird nun aus den Görlitzer Häusern? Bei drei der vier ist die Sache klar: Die Schillerstraße 25 kann ein zweites Mal versteigert werden. Bei der Bismarckstraße 18 und der Rauschwalder Straße 53 sind die Zahlungstermine erst Ende Juni beziehungsweise Mitte Juli. Bis dahin kann die Stadt nur abwarten, ob er zahlt oder nicht.

Und die Bahnhofstraße 54? „Das Gesetz sieht vor, dass Petrucci auch dann ins Grundbuch eingetragen wird, wenn er nicht bezahlt hat“, sagt Wieler. Fast wortgleich erklärt die Rechtspflegerin am Amtsgericht: „Der Ersteher bleibt Eigentümer, auch wenn er nicht zahlt.“ Doch es sind weiterhin Forderungen offen – etwa, weil die Alteigentümer ihre Grundsteuern nicht bezahlt haben. Die Stadt kann nun versuchen, dieses Geld beim neuen Eigentümer einzutreiben. Zahlt er nicht, könnte sie es erneut zwangsversteigern lassen. „Unser Recht sind Zwangsversteigerungen“, sagt Wieler: „Das Recht bleibt identisch – egal, wer im Grundbuch steht.“ Ob die Stadt das Gebäude erneut zwangsversteigern lässt, sei noch nicht entschieden. Nicht zuletzt könnte Petrucci auch jetzt noch zahlen.

Was ist Spettmanns Geschäftsmodell?

Möglicherweise wird das Geschäftsmodell von Spettmann jetzt endlich klar. Eine Vermutung: Er kauft die Häuser und zahlt lediglich zehn Prozent Sicherheit, um bei Gericht mitbieten zu dürfen (bei der Bahnhofstraße 54 waren das 4.000 Euro) sowie die Grunderwerbsteuer von 3,5 Prozent des Meistgebotes (hier: 1.610 Euro). Dann verkauft er die Häuser bei seiner privaten Internetauktion weiter. Die Bahnhofstraße 54 brachte dort 21.000 Euro. Bliebe in diesem Fall ein Gewinn von 15.390 Euro. Dafür hätte sich der Aufwand doch gelohnt.

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Wie es für die Stadt und für den neuen Käufer nun weitergeht, müsste Spettmann nicht mehr interessieren: Er steht ja nicht im Grundbuch. Wenn dort einer steht, dann ist es Petrucci (der aber nicht auffindbar ist) oder der neue Käufer. So wäre Spettmann komplett raus aus der Geschichte. Ob es tatsächlich so einfach geht? Dazu wird die SZ mit Fachleuten sprechen und in den nächsten Tagen weiter berichten.

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