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Römer ersteigert schon wieder eine Görlitzer Ruine

Am Mittwoch ließ die Stadt das Haus Schillerstraße 25 zwangsversteigern. Beim Käufer wird sie nun aber vorsichtiger.

Das Gebäude Schillerstraße 25 in Görlitz (Bildmitte) ist am Mittwoch im Amtsgericht Görlitz zwangsversteigert worden.
Das Gebäude Schillerstraße 25 in Görlitz (Bildmitte) ist am Mittwoch im Amtsgericht Görlitz zwangsversteigert worden. © Martin Schneider

Das Bild im Saal 119 des Görlitzer Amtsgerichtes ist am Mittwoch ein Ungewohntes: Ganz allein sitzt der wegen gewerbsmäßigen Bandenbetruges, Steuerhinterziehung, Wucher und vielem mehr vorbestrafte Karl Leo Spettmann aus Geldern ganz hinten in der Ecke, blättert im Gutachten und fotografiert es Seite für Seite ab. Spettmann spricht mit niemandem, seinen Sohn Leonardo hat er nicht dabei.

Am anderen Ende des Raumes aber sitzt Loreen Peters. Die Frau mit dunklen, kurz rasierten Haaren, blondiertem Deckhaar und auffallend zahlreichem goldenen Ohrschmuck ist komplett in schwarz gekleidet und übernimmt die Rolle des Spettmann-Sohns: Bei der Zwangsversteigerung des Hauses Schillerstraße 25 in Görlitz bietet sie immer einen Euro mehr als der bisherige Höchstbietende. Einer der beiden Konkurrenten steigt bei 60.500 Euro aus, der andere bei 64.000 Euro. Loreen Peters ist mit 64.001 Euro die Meistbietende.

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Das vierte ruinöse Mehrfamilienhaus

Die Schillerstraße 25 passt ins Beuteschema der Spettmanns: Nach Bismarckstraße 18, Rauschwalder Straße 53 und Bahnhofstraße 54 ist es das vierte ruinöse Mehrfamilienhaus in Görlitz, das sie seit Mitte März im Görlitzer Amtsgericht ersteigert haben. Bisherige Eigentümer der Schillerstraße 25 waren Andrew Bysoth und Peter Kopik aus England. Sie hatten Grundsteuern und Straßenreinigungsgebühren seit geraumer Zeit nicht bezahlt und auch auf Kostenbescheide des Ordnungsamtes nicht reagiert. Fast 3.600 Euro schulden sie dem Rathaus mittlerweile. Um an das Geld zu kommen, ließ die Stadt das Haus nun zwangsversteigern. Weil es einregnet und die Decken in den Bädern schon bis ins erste Obergeschoss durchgebrochen sind, hat ein Gutachter den Verkehrswert auf gerade einmal 35.000 Euro festgesetzt. Ansonsten ist es aber noch nicht so ruinös wie die anderen Gebäude, die die Spettmanns ersteigert haben: Alle Etagen sind noch begehbar. Allerdings hat das Gebäude nur einen winzigen Hof.

Loreen Peters (34) trat in Görlitz zum ersten Mal in Erscheinung. Als Strohfrau von Karl Leo Spettmann agiert sie aber seit vielen Jahren – auch schon, als er noch ein Schlüsseldienst-Imperium unterhielt, für das er später jahrelang im Gefängnis saß. Im nordrhein-westfälischen Geldern steht ihr Name am Briefkasten des Hauses Grüner Weg 6, unter anderem zusammen mit Spettmanns Tochter Anastasia – und mit Petrucci. Doch keiner von ihnen wohnt dort tatsächlich, es handelt sich um ein Gewerbeobjekt. Es ist schlichtweg Petruccis Briefkastenadresse in Deutschland.

An der Tür des Hauses Grüner Weg 6 in Geldern stehen auch die Namen Loreen Peters und Petrucci.
An der Tür des Hauses Grüner Weg 6 in Geldern stehen auch die Namen Loreen Peters und Petrucci. © Foto: Express

Loreen Peters wies sich im Amtsgericht als Einwohnerin von Meerane bei Zwickau aus. Sucht man in einschlägigen Auskunftsdateien im Internet nach ihr, so ist sie tatsächlich in Meerane zu finden, zusätzlich aber auch als Inhaberin einer Hausverwaltung in Glauchau. Auch ein Zusammenhang zu einem Schlüsseldienst findet sich.

Auch Loreen Peters ersteigerte das Haus nicht für sich selbst, sondern für den Römer Roberto Petrucci. Der erteilte Karl Leo Spettmann im Jahr 2012 eine Vollmacht, „beliebigen Grundbesitz im In- und Ausland“ für ihn zu erwerben. Spettmann erteilte Loreen Peters noch im gleichen Jahr eine Untervollmacht. Somit bleibt völlig unklar, ob Petrucci überhaupt davon weiß, dass er vier Häuser in Görlitz ersteigert hat.

Erste Frist läuft am 19. Mai ab

Allerdings hat er noch kein Einziges davon bezahlt. Die erste Frist läuft am 19. Mai ab. Dann muss Petrucci die Bahnhofstraße 54 bezahlen. Und die Stadt Görlitz wird nun langsam vorsichtiger: Eine Rathaus-Mitarbeiterin war im Gerichtssaal anwesend und drang darauf, den Zuschlag für die Schillerstraße 25 nicht sofort zu erteilen. Stattdessen wird die Entscheidung über den Zuschlag erst am 26. Mai verkündet. Mit anderen Worten: Bezahlt Petrucci die Bahnhofstraße 54 nicht, dann soll er den Zuschlag für die Schillerstraße 25 nicht bekommen. Das Gebäude würde dann ein zweites Mal zwangsversteigert werden.

Die Spettmanns selbst planen derweil eine Privatauktion im Internet, die sie über die Facebook-Seite 500Euro.Haus bewerben. Am Sonnabend, 12 Uhr, wollen sie insgesamt neun Häuser in Deutschland versteigern, der Startpreis liegt bei jeweils 500 Euro. Fünf der neun Gebäude stehen in Görlitz. Neben Bismarckstraße 18, Rauschwalder Straße 53 und Bahnhofstraße 54 sind es auch die Eckhäuser Hohe Straße 11 und James-von-Moltke-Straße 35.

Man darf verkaufen, was einem nicht gehört

Dass sie die drei erstgenannten Häuser noch gar nicht bezahlt haben, spielt keine Rolle. „Man darf verkaufen, was einem nicht gehört. Dann muss man es aber besorgen“, erklärt Ulrich von Küster, Richter und Pressesprecher des Amtsgerichtes Görlitz. Möglich wäre also, dass die Spettmanns versuchen werden, bei ihrer Internet-Auktion am 15. Mai so viel Geld einzunehmen, dass sie davon die Beträge für die Zwangsversteigerungen bezahlen können.

Doch niemand weiß bisher, wie das Geschäftsmodell der Spettmanns wirklich aussieht. Ein Branchenkenner vermutet, dass sie die Summen nicht zahlen werden und die Stadt am Ende im schlimmsten Fall ohne Geld und ohne die Häuser da steht. Die andere Vermutung wäre, dass künftige Käufer zwar das Geld zahlen sollen, aber die Häuser nicht erhalten werden. Doch nichts von alledem lässt sich bisher nachweisen. In den nächsten Wochen wird man aber sehen, ob sie zahlen: Das Geld für die Bahnhofstraße 54 ist am 19. Mai fällig, für die anderen Gebäude Ende Juni. Künftige Käufer sind gut beraten, vorher – und vor deren Grundbucheintragung – nichts an Spettmann, Petrucci & Co. zu zahlen.

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