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Warum ein Weltmarktführer in Görlitz expandiert

Der Elektro-Großhandel Sonepar ist bei Roscher eingezogen. Er bietet 50.000 Artikel an. Und spürt ein globales Problem.

Hagen Fritsche leitet die Görlitzer Niederlassung des Elektro-Großhändlers Sonepar. Hier steht er im Görlitzer Verkaufsraum.
Hagen Fritsche leitet die Görlitzer Niederlassung des Elektro-Großhändlers Sonepar. Hier steht er im Görlitzer Verkaufsraum. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Sonepar? Weltmarktführer? Seit 29 Jahren in Görlitz ansässig? Und trotzdem noch nie etwas von dieser Firma gehört? Ja, das kann schon sein. Und das sogar aus zwei Gründen. Erstens: Sonepar ist ein Elektro-Großhändler, der an Firmen verkauft, aber nicht an Privatkunden. Und zweitens: Die Firma startete vor 29 Jahren in Görlitz unter dem Namen „Stara Elektrogroßhandel“, hieß dann lange Zeit DEG Deutsche Elektro-Gruppe – und erst seit Kurzem Sonepar. Beides könnte die weitgehende Unbekanntheit in Görlitz erklären.

Chef ist gelernter Elektromonteur

Aber spannend ist es allemal, was Niederlassungsleiter Hagen Fritsche so alles zu berichten hat. Der heute 58-Jährige hat noch zu DDR-Zeiten in der Geflügelwirtschaft Schlauroth Elektromonteur gelernt. Seinen Meister machte er aber erst nach der Wende: „Vorher fehlte mir das Parteibuch.“ Beim „Stara Elektrogroßhandel“ fing der gebürtige Görlitzer, der schon seit vielen Jahren in Leuba lebt, vor 28 Jahren an – als Innendienst. Später war er für den Einkauf zuständig und seit mittlerweile 20 Jahren ist er Niederlassungsleiter.

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In all den Jahren hat er das Wachstum der Firma erlebt: „Die ersten neun Jahre waren wir an der Obermühle, dann 20 Jahre am Klinikum, und zwar im ehemaligen Hochregallager des Kondensatorenwerkes“, berichtet Fritsche. Den meisten Görlitzern ist das Gebäude als früheres Einwohnermeldeamt bekannt. Jetzt aber hat die Firma nicht nur ihren dritten Namen, sondern auch ihren dritten Sitz in Görlitz: Am 31. Mai ist sie mit ihren zwölf Mitarbeitern ins Roscher-Gelände umgezogen, also auf die Reichenbacher Straße – und dort wiederum in die früheren Räume der ATH Auto-Teile-Handel GmbH, also an die Stirnseite und somit gut von der Straße sichtbar.

Der Elektro-Großhandel Sonepar ist einer der ersten neuen Mieter auf dem Roscher-Gelände auf der Reichenbacher Straße in Görlitz. Er bezog frühere Räume der ATH Auto-Teile-Handel GmbH.
Der Elektro-Großhandel Sonepar ist einer der ersten neuen Mieter auf dem Roscher-Gelände auf der Reichenbacher Straße in Görlitz. Er bezog frühere Räume der ATH Auto-Teile-Handel GmbH. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

„Nach 20 Jahren am Klinikum wollten wir uns unbedingt modernisieren“, sagt Fritsche. Allerdings sei es sehr schwierig gewesen, in Görlitz die passenden Räume zu finden. Bei Roscher hat das nun aber geklappt: Hier gibt es auf 611 Quadratmetern helle, einerseits historische, Räume - andererseits moderne Arbeitsbedingungen mit großen Fenstern und jeder Menge Technik, dazu einen großen Schulungsraum mit modernster Präsentationstechnik, einen von der Hofseite zugänglichen Verkaufsraum, ein Lager, eine Küche und vieles mehr auf zwei Etagen. Am bisherigen Standort standen zwar 810 Quadratmeter zur Verfügung, aber die seien sehr ungünstig geschnitten gewesen, hätten sich nicht effektiv nutzen lassen: „Dort gab es einen riesigen Investitionsstau.“ Inzwischen habe ein polnischer Nachmieter aus der Elektrobranche die Räume übernommen.

Am neuen Standort hat Sonepar 75.000 Euro investiert – noch einmal zusätzlich zu der deutlich größeren Summe, die die Eigentümer des Maro-Gewerbeparkes nach dem Großbrand vom Februar 2019 in den Wiederaufbau gesteckt haben. „Wir wollen mit guten Arbeitsbedingungen interessant sein für junge Leute“, sagt Fritsche. Die könnten sich den Arbeitgeber heute aussuchen, also müssen sie umworben werden. Das funktioniere nicht unbedingt über hohe Löhne: „Junge Leute haben andere Werte, für die ist Freizeit wichtig und eine Arbeit, die ihnen Spaß macht.“

Die neue Generation würde durchaus gern arbeiten: „Aber nicht um jeden Preis.“ Sonepar zahlt Tarif und hat auch einen Betriebsrat. Aktuell hat die Firma in Görlitz keine offenen Stellen ausgeschrieben. „Wir bilden lieber selbst aus“, sagt Fritsche. Nach einer längeren Pause soll es möglichst noch dieses Jahr wieder mit der Ausbildung losgehen: „Ich bin optimistisch, dass es klappt.“ Ebenfalls, um für Fachkräfte attraktiv zu sein, ist Sonepar noch einen ganz anderen Schritt gegangen. „Wir sind jetzt Großsponsor von Borussia Mönchengladbach.“ So könnte der Name Sonepar künftig bekannter werden.

Weltmarktführer zu sein, ist für Fritsche durchaus ein wichtiges Argument. Die Firma erwirtschafte als weltgrößter Elektrogroßhändler über 20 Milliarden Euro Umsatz im Jahr – davon über zehn Millionen Euro in Görlitz. Kunden sind nur zu etwa 15 Prozent die ortsansässigen Handwerker, die zu Roscher kommen und dort aus 1.800 Artikeln auswählen können, die genau auf ihren Bedarf zugeschnitten sind.

Fünf große Zentrallager in Deutschland

Die anderen 85 Prozent werden von den fünf Zentrallagern beliefert, die über ganz Deutschland verteilt sind. Die von Görlitz aus Nächstgelegenen stehen in Hof sowie in Garbsen bei Hannover. Dort sind zwischen 35.000 und 50.000 Artikel auf Lager. „Wenn wir bis 18 Uhr bestellen, ist die Ware am nächsten Morgen um 6 Uhr bei uns“, berichtet Fritsche. Für diesen Zweck ist zeitgleich zum Umzug in Görlitz auch ein Transportpunkt nahe der Autobahn in Siebenlehn im Landkreis Mittelsachsen ans Netz gegangen – ein Neubau, der vor allem als Umschlagpunkt dient. „Dadurch sind wir flexibel, haben eine hohe Warenverfügbarkeit“, erklärt Fritsche.

Kunden von Sonepar sind eigentlich alle außer Privatleuten: Handel, Handwerk, Behörden. „Oft sind es hiesige Unternehmen, die aber deutschlandweit tätig sind und sich die Ware direkt auf die Baustellen liefern lassen“, berichtet Fritsche. Alstom (früher Bombardier), Siemens und Borbet gehören bei ihm zu den Hauptkunden. Ebenso breitgefächert ist das Sortiment. „Vom Babykostwärmer bis zur Trafostation machen wir alles“, erklärt der Niederlassungsleiter. Die Kunden ordern mittlerweile zu 50 Prozent über das Internet: „Junge Elektromeister bestellen mit dem Smartphone direkt von der Baustelle.“

Doch bei allen Vorteilen, die die „neue Zeit“ bringt, so gibt es auch ein globales Problem: Die USA und China kaufen momentan den Weltmarkt leer. Wenn es um Holz geht, ist das inzwischen in aller Munde: Tischler und Zimmerleute haben in Deutschland mittlerweile riesige Probleme, an Holz zu kommen. „Aber es betrifft zunehmend auch andere Branchen im Handwerk“, sagt Fritsche. Was Sonepar angeht, so sei momentan noch alles verfügbar: „Wir haben Vorkehrungen getroffen und große Materialbestände angekauft, sodass unsere Zentrallager richtig voll sind.“

Dennoch macht sich Fritsche Sorgen, vor allem wegen PVC, das für Kabelherstellung und Kabelkanäle gebraucht wird. Auch die Stahlpreise würden aktuell explodieren, sagt Fritsche: „Das ist das Problem der Globalisierung, die Lieferketten sind anfällig.“ Die Frage sei aktuell, wie lange sie noch halten würden. Aber davon abgesehen laufe das Geschäft sehr gut.

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