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Warum Görlitzer Eckhäuser so oft unsaniert bleiben

Im Wettbewerb „Ab in die Mitte“ standen sie im Fokus. Genutzt hat es wenig. Aber private Besitzer sorgen für Lichtblicke.

Das Eckhaus Brautwiesenstraße 22/Rauschwalder Straße in Görlitz wird oft „Bügeleisen“ genannt. Beim Wettbewerb „Ab in die Mitte“ rückte es 2011 in den Mittelpunkt. Tatsächlich steht es aber bis heute leer.
Das Eckhaus Brautwiesenstraße 22/Rauschwalder Straße in Görlitz wird oft „Bügeleisen“ genannt. Beim Wettbewerb „Ab in die Mitte“ rückte es 2011 in den Mittelpunkt. Tatsächlich steht es aber bis heute leer. © SAE Sächsische Zeitung

„Kaffee-Ausschank“ steht bis heute in dicken Lettern auf der grauen Fassade des markanten Eckhauses Brautwiesenstraße 22/Rauschwalder Straße. Die Görlitzer nennen das Gebäude oft Bügeleisen – nach dem gleichnamigen Gebäude im New Yorker Stadtteil Manhattan. Beide verbindet ihre markante Keilform.

„Im Jahr 2018 hat sich ein Interessent bei uns gemeldet, der sich eine Wiederbelebung als Café vorstellen konnte“, sagt Hartmut Wilke, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung. Er wollte das Anliegen gern unterstützen, nahm Kontakt auf zum Eigentümer des Gebäudes, der im Ausland lebt. Erst erreichte er ihn gar nicht, nach mehreren Anläufen dann doch. Das ernüchternde Ergebnis: Er hat kein Interesse.

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So ist es oft in Görlitz: Wenn die privaten Eigentümer nicht mitspielen, dann kann die Stadt auf- und abspringen – es passiert nichts. Und gerade Eckhäuser bleiben oft unsaniert. Der Hauptgrund: Sie haben meist keine oder nur sehr kleine Hinterhöfe, zudem gibt es selten die Möglichkeit, für jede Wohnung einen Balkon anzubauen. Damit sind sie für viele private Investoren vergleichsweise unattraktiv, bleiben unsaniert, verfallen teilweise.

Die Stadt hat das freilich längst erkannt – und sie im Jahr 2011 beim Städtewettbewerb „Ab in die Mitte“ in den Fokus gerückt. Mit der Projektidee „Entdecke die Ecke“ gewann Görlitz den ersten Platz. Ein Dutzend leer stehender Eckgebäude wurde damals temporär belebt, es gab ein Eckenfest und eine Ecken-Börse hat versucht, Häuser bereitwilliger Eigentümer an die richtigen Partner zu vermitteln. Für das Bügeleisen, in dem innen auch einige Zwischendecken fehlen, entstand damals die Idee, es zum Haus für Kletterer zu machen.

Nicht viel übrig geblieben

Seither sind zehn Jahre vergangen. Was ist von „Entdecke die Ecke“ geblieben, was hat es gebracht? Leider nicht viel, muss Wilke eingestehen: „Es gibt keine ganz konkreten Dinge, die sich darauf zurückführen lassen.“ Er nennt zwei Beispiele, aus denen nichts wurde: Beim Bügeleisen zeigte der Eigentümer kein Interesse. Und bei den beiden Eckhäusern Krölstraße/Hospitalstraße, wo die AWO eine Erweiterung für ihr Altenheim im Zentralhospital auf der anderen Straßenseite erwog, zerschlug es sich am Geld. Die AWO erweitert sich nun auf ihrem eigenen Gelände, also direkt hinter dem Zentralhospital. Die Gebäude auf der anderen Straßenseite einzubeziehen, wäre schlichtweg teurer geworden.

Die Moral aus der Geschicht? Auch hier braucht es private Investoren, die mitmachen. Ohne sie nutzt der schönste Städtewettbewerb nicht viel. Doch Wilke will das Thema nicht nur negativ sehen: „Bis heute gibt es immer wieder private Bauherren, die Eckhäuser sanieren.“ Besondere Konzepte, wie sie damals bei „Entdecke die Ecke“ gefragt waren, haben diese Privaten in der Regel nicht. „Das sind eher klassische Sanierungen, bei denen der Bestand erhalten bleibt“, sagt Wilke. Oft würden die Planer dabei pfiffige Lösungen finden, wie sich auch bei Eckhäusern zum Beispiel ein paar Balkone verwirklichen lassen.

Das Eckhaus Bahnhofstraße 50/Konsulstraße ist vor Kurzem saniert worden. Hier wohnen nun Studenten.
Das Eckhaus Bahnhofstraße 50/Konsulstraße ist vor Kurzem saniert worden. Hier wohnen nun Studenten. © Nikolai Schmidt

Wilke freut sich, dass manche Bauherren Potenzial in klassischen Sanierungen von Eckhäusern sehen. Auf der anderen Seite muss er aber auch nüchtern feststellen: „Es gibt nach wie vor eine ganze Reihe Eckhäuser, die in einem schlechten Zustand sind.“ Er geht auch nicht davon aus, dass sich dieses Problem ganz von allein in den nächsten zehn oder 20 Jahren lösen wird. Nach wie vor braucht es Impulse, und Wilke sucht mit der Verwaltung hier weiterhin nach Lösungen.

„Aktuell bewerben wir uns bei einem neuen Projekt des Bundesinnenministeriums“, sagt er. Ganz generell geht es dem Ministerium um die Frage, wie sich Innenstädte beleben lassen – gerade in einer Zeit, in der immer mehr Läden schließen und der Handel ins Internet abwandert. „Wir, in Görlitz, sehen unsere Innenstadt vor allem als Wohnort“, sagt Wilke. Allerdings wolle nicht jeder in einer Mietwohnung leben. Das ist der Ansatz der Görlitzer Bewerbung: Gute Ansätze zu finden für neue Wohnformen auf Eigentumsbasis. Der Stadtplaner spricht davon, leere Immobilien als „Baugesellschaftsprojekte“ oder „Baugenossenschaften“ zu entwickeln – gern auch für junge, qualifizierte Leute.

Die Stadt sieht sich hier als Mittler, würde gern einen Anlaufpunkt – analog oder online – schaffen, um Interessenten und Eigentümer zusammenzuführen. Ein positives Beispiel ist das „Grüne Örtchen“, ein Wohnprojekt in der Sohrstraße, wo viele junge Leute gemeinsam ein Haus gekauft und nach ihren eigenen Vorstellungen saniert haben. Wilke hat die heutigen Bewohner einst beraten. Das Haus haben sie aber ohne Zutun der Stadt gefunden. „Sie könnten nun als Erfahrungspartner einbezogen werden“, sagt Wilke.

Allein: Bei dem Projekt geht es nicht nur um Eckhäuser, sondern um Leerstand in der Innenstadt im Allgemeinen. Die Eckhäuser sind hier also nur ein Teil des Ganzen. Und es ist noch nicht klar, ob Görlitz tatsächlich Geld erhält und falls ja, wann die Umsetzung beginnen kann. „Das war eine bundesweite Ausschreibung“, sagt Wilke. Görlitz hat eine Bewerbung abgegeben – und muss nun abwarten, was das Ministerium dazu sagt. „Wir stehen noch ganz am Anfang“, erklärt Wilke.

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