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Kreis Görlitz: Ärzte fordern Anreize zum Impfen

Plötzlich ist alles anders: genug Impfstoff, genug Impftermine. Aber nun nimmt die Impfbereitschaft ab. Helfen da Kino- oder Theatergutscheine?

Die Normalität kehrt zurück - Veranstaltungen wie beim Viathea in Görlitz sind wieder möglich. Ans Impfen denken viele jetzt nicht mehr.
Die Normalität kehrt zurück - Veranstaltungen wie beim Viathea in Görlitz sind wieder möglich. Ans Impfen denken viele jetzt nicht mehr. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Null. Keine neuen Coronafälle im Landkreis Görlitz seit sieben Tagen. Damit gehört Görlitz zu den 40 Kreisen bundesweit mit einer Inzidenz von null. Braucht es die Impfung dann überhaupt noch, scheinen sich nicht wenige zu fragen. Denn bei den Arztpraxen schrumpfen die Wartelisten, im Impfzentrum Löbau der Andrang.

Nur noch 300 Impfungen im Impfzentrum

"Wir hatten jetzt zuletzt nicht mehr als 300 Impfungen täglich, das ist ein gravierender Einbruch", sagt Hans-Christian Gottschalk, langjähriger Leiter der Görlitzer Kinderklinik und Mitglied der Sächsischen Impfkommission. Gleichzeitig ist inzwischen mehr Impfstoff da. Deshalb können sich ältere Menschen seit Freitag ohne Termin in den Impfzentren impfen lassen.

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Am Anfnag fehlte Impfstoff - udn deshalb die Patienten. Jetzt ist Impftoff da, aber viel Andrang herrscht im Impfzentrum Löbau dennoch nicht.
Am Anfnag fehlte Impfstoff - udn deshalb die Patienten. Jetzt ist Impftoff da, aber viel Andrang herrscht im Impfzentrum Löbau dennoch nicht. © Matthias Weber/photoweber.de Mat

Angenommen wurde das aber bislang kaum. Am Freitag hatte Gottschalk Dienst im Impfzentrum Löbau, wo er als Impfarzt tätig ist. "Zwei Personen ohne Termin waren es." Er hatte nichts anderes erwartet. "Es wird kaum jemand AstraZeneca nehmen, wenn er weiß, dass er ab Mittwoch auch Biontech haben kann." Ob es ab heute anders aussehen wird?

Impfmüdigkeit ist nicht nur ein Oberlausitzer Phänomen - sondern ein internationales. Die USA hatten damit zu kämpfen, die Schweiz. Europäisches Schlusslicht ist Bulgarien, wo man jetzt mit einer beliebten Opernsängerin die Impfkampagne ankurbelt.

Kinokarten, Theater, Fußball?

Zur Görlitzer Impfquote hatte sich der Landkreis Görlitz kürzlich bei einer Pressekonferenz noch positiv geäußert. Allerdings, im Bundes- und Sachsenvergleich hinkt der Kreis hinterher. Leichter wird es auch nicht dadurch, dass die genaue Impfquote nicht bekannt ist, weil etwa die Impfungen in Krankenhäusern nicht regional erfasst werden. Auch wie viele Menschen von außerhalb des Landkreises ins Impfzentrum Löbau fahren, ist kaum zu ermitteln. Eine Auswertung des Kreises zeigte, dass 43 Prozent der Patienten in Löbau Auswärtige waren.

Und auch die Ärzte haben keinen positiven Eindruck. Er sehe die Impfquote im Landkreis als unzureichend, sagt der Görlitzer Allgemeinmediziner Leonhard Großmann. Die Anzahl der neuen Erstimpfungen sei nicht hoch und lasse für die kommenden Wochen nichts Gutes erwarten.

Aber wie die Impfmüdigkeit aufbrechen? Dabei geben sich alle größte Mühe. Das Unternehmen Sysmex Partec auf der Arndtstraße hat den Mitarbeitern seiner drei Standorte eine Impfung angeboten. Als sich abzeichnete, dass mehr Impfstoff vorhanden ist, lud man Studenten von der Hochschule ein. 20 folgten der Einladung und sind jetzt auch geimpft.

Die Impfkampagne sei in Sachsen auf jeden Fall noch ausbaufähig, sagen Leonhard Großmann und Hans-Christian Gottschalk. Letzterer schlägt konkrete Anreize vor - Kinokarten, Tickets für ein Fußballspiel oder Theater. "Ich denke, es würde sich bestimmt etwas finden, was umsetzbar ist und den Menschen einen kleinen Anreiz schafft."

Geringe Inzidenz könnte zu Leichtsinn führen

Aber braucht es all das noch? Ja, sagt Roger Hillert, Infektionsepidemiologe am Medizinischen Labor Ostsachsen, "die Impfung ist sogar wichtiger denn je, weil wir jetzt viel unbeschwerter mit Maßnahmen umgehen". In der jetzigen Lage sieht er es auch als berechtigt und notwendig an, dass Maßnahmen gelockert werden. Die Frage ist aber, wie es dann im Herbst aussehen wird.

"Man braucht nur nach Spanien zu schauen, unter Kindern und Jugendlichen liegt die Inzidenz dort bei 500." Auch in England hat die Delta-Variante für steigende Fallzahlen gesorgt. Aber dort ist die Impfquote bereits deutlich höher als in Deutschland, schwere Folgen wie Intensivbehandlungen und Todesfälle bleiben trotz steigender Fallzahlen niedrig, erklärt Hillert. Der Herbst ist im Moment noch reine Spekulation. "Ich vermute dennoch, spätestens im Oktober werden auch bei uns die Fallzahlen nach oben gehen." Daher plädiert er für eine möglichst hohe Impfquote, um dennoch eine Normalität erhalten zu können.

Auch Ministerpräsident Michael Kretschmer warnte kürzlich mit Blick auf die Delta-Variante in anderen Ländern vor Corona-Leichtsinn und appellierte, die Zweitimpftermine wahrzunehmen, zu denen viele nicht mehr erscheinen.

Die Impfbereitschaft leidet aber auch unter ständig neuen Festlegungen seitens des Bundes. So war Ende voriger Woche einmal mehr die Verunsicherung groß, bei Patienten wie Ärzten. Auslöser war die neue Empfehlung der Ständigen Impfkommission zur Kreuzimpfung, für die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Freitag warb: Künftig sollen Menschen, die bei der Erstimpfung AstraZeneca erhalten haben, als Zweitimpfung einen mRNA-Impfstoff bekommen.

Verwirrung durch Kreuzimpfung

Medizinisch sei dagegen nichts einzuwenden, sagen die Ärzte. "Offenbar ergibt sich daraus noch mal ein leicht besserer Impfschutz", erklärt Roger Hillert. Sinnvoll sieht er die Kreuzimpfung auch deshalb, weil die Zweitimpfung früher gegeben werden kann, nach etwa vier Wochen, "die Menschen haben schneller einen kompletten Impfschutz."

Gegen den medizinischen Vorteil spricht auch Gottschalk nicht, "aber ich sehe ihn als so minimal an, dass er die Verwirrung, die jetzt bei Patienten und Hausärzten herrscht, nicht rechtfertigt", sagt er. "Wir wissen, dass ein vollständiger Impfschutz mit AstraZeneca, also zwei Impfungen mit einem Abstand von zwölf Wochen, auch einen guten Impfschutz gegen die Delta-Variante gibt." Dass die Empfehlung zur Kreuzimpfung hilft, einen Anreiz zu schaffen für Astrazeneca und gegen Impfmüdigkeit - Hans-Christian Gottschalk und Leonhard Großmann sehen diese Chance gering.

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Stattdessen seien in den vergangenen Tagen massiv Fragen von Patienten eingegangen, "die verunsichert bezüglich ihrer Zweitimpfungen sind", erzählt Großmann. Auch bei den Ärzten selbst sei die Liste der Fragen groß: etwa zur Rechtssicherheit. Und dann gibt es ganz praktische Fragen: neue Termine finden - und Zeit für neue Impfaufklärung. Woher genug mRNA-Impfstoffe für die Zweitimpfungen bekommen? Am Montag habe er versucht, für die nächste Woche mRNA-Zweitimpfstoff zu ordern. "Die tatsächliche Liefermenge ist uns bisher nicht bekannt", sagt Großmann. Alles Punkte, die dem Impftempo wohl nicht auf die Sprünge helfen, fürchtet er.

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