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Wie geht's zum Impfzentrum nach Löbau?

Das fragt sich derzeit mancher über 80-Jährige. Die Görlitzer Taxi-Innung blickt bei der Frage nach Berlin, der Landrat will ein Hilfspaket mit den Kommunen schnüren.

Eine Scheibe mehr als üblich im Taxi. Klaus Ruhland ist einer der Fahrer von Andreas Gritzner. Derzeit hat er deutlich weniger zu tun als sonst.
Eine Scheibe mehr als üblich im Taxi. Klaus Ruhland ist einer der Fahrer von Andreas Gritzner. Derzeit hat er deutlich weniger zu tun als sonst. © Martin Schneider

Siegfried Seidel will sich impfen lassen. 81 Jahre alt ist er, wohnt im Görlitzer Ortsteil Königshufen. Damit ist er immerhin schon mal nah dran an der B6, die nach Löbau führt. Und zum dortigen Impfzentrum. "Ich könnte auch selbst fahren", erzählt er. Fahrerlaubnis und Auto hat er. "Aber bei solchem Wetter wie jetzt, würde ich mich das nicht trauen."

Einen Impftermin hat Siegfried Seidel noch nicht. Er wartet noch darauf, dass die Telefonnummer zur Terminvergabe freigeschalten wird. "Ich bin darauf angewiesen." Denn über das Online-Impfportal, das vor zwei Tagen mit Überlastungsproblemen startete, kann er sich ohnehin nicht anmelden. "Ich habe kein Internet." Die Telefonnummer soll kommenden Montag freigeschalten werden.

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Wenn man dann einen Termin hat - wie nach Löbau kommen? Das fragt sich auch Andreas Gritzner. Seine Mutter - über 80 Jahre alt - hätte zwar keine Probleme damit. Ihr Sohn ist es als Taxiunternehmer gewohnt, zu jeder Jahreszeit unterwegs zu sein: Andreas Gritzner ist stellvertretender Vorsitzender der Taxi-Innung Görlitz. "Aber ich frage mich schon, wie zum Beispiel jemand aus Weißwasser, der mit über 80 Jahren noch zu Hause wohnt, nach Löbau kommen soll."

Berlin setzt auf Impftaxis

Er verweist auf die Impftaxis in Berlin. Dort können Senioren ab 90 Jahren mit dem Taxi in ein Corona-Impfzentrum und zurück fahren. Die Senatsverwaltung für Gesundheit trägt die Kosten. Auch ein Lichtblick für die Taxibranche. Allein darum gehe es ihm aber nicht, sagt Gritzner. "Für mich ist das alles nicht zu Ende gedacht. Wenn man ein solches Impfzentrum aufbaut, kann man doch nicht nur sagen 'ich stelle das bereit', sondern muss auch fragen, wie kommen die Leute dorthin." Eine Frage, die gerade jetzt wichtig sei. "Im Sommer ist das sicher weniger das Thema, wenn es um Menschen geht, die aufgrund ihres Alters eher mobil sind", sagt Gritzner. "Aber gerade jetzt geht es doch um die Risikogruppen."

Die häufig auch weniger mobil sind. Der Kreis Görlitz hat ein vergleichsweise hohes Durchschnittsalter, laut Demografiemonitor 49,5 Jahre. In der Stadt Görlitz liegt das Duchschnittsalter bei 47,7. Am ältesten ist die Bevölkerung in Jonsdorf mit einem Altersschnitt von 53,5.

Taxi frei

Kapazitäten hätten die Taxifahrer im Kreis Görlitz. Andreas Gritzner beschäftigt vier Fahrer, alle derzeit in Kurzarbeit. Die Situation sehe bei den anderen Taxiunternehmen nicht anders aus. "Nachtfahrten fallen derzeit komplett weg, auch der Transport zu Reisebussen." Auch die Krankenfahrten, also zu Ärzten oder medizinischen Einrichtungen seien weniger geworden. Eine Lösung bei der Frage nach dem Weg zur Impfung wie in Berlin, "würde der Branche helfen." Und nicht nur weitere Kosten in der Corona-Krise verursachen. "Ich weiß, es sind unterschiedliche Töpfe. Aber so bestünde auch die Möglichkeit, weniger Kurzarbeitergeld zu beanspruchen." Hygienekonzepte für die Fahrten hätten die Taxiunternehmen ohnehin schon, argumentiert Gritzner.

Freistaat sucht nach Lösung

Laut Sozialministerin Petra Köpping werden Möglichkeiten wie Impf-Busse oder auch Taxen gemeinsam mit den Kommunen und den Verbänden geprüft. "Eine abschließende Lösung können wir hier noch nicht kommunizieren", teilt das Sozialministerium mit, "da der Abstimmungs- und Prüfungsprozess noch nicht abgeschlossen ist."

Ganz generell gelte, dass auch bei den über 80-Jährigen, die nicht im Heim leben, zunächst Eigenverantwortung bei der Planung, also dem Hinbringen zum Impfzentrum, gefragt sei sowie die Hilfe von Angehörigen. So wie es bei anderen Arzt- und Behördenbesuchen der Fall ist. "Es kann übrigens das Impfzentrum gewählt werden, das am besten erreichbar ist, unabhängig von der Kreiszugehörigkeit", erklärt das Sozialministerium.

Gerade in den ländlichen Gebieten des Kreises haben die Anwohner auch im Alltag jenseits der Corona-Krise nicht selten weitere Wege, gerade, wenn es um einen Besuch beim Facharzt geht. Dennoch: "Leuten gegenüber, die etwa in Weißwasser wohnen, finde ich das trotzdem nicht ganz fair", sagt Andreas Gritzner. Löbau oder Kamenz - beides beutetet rund 60 Kilometer.

Wenn die Familie nicht helfen kann

In Görlitz ist die Situation anders, die Wege zu Ärzten sind in der Regel kürzer, und mit Straßenbahn oder Bus machbar. Mancher in Görlitz ist auch nicht begeistert über den Weg bis Löbau. Jürgen Wenske, ehemals Arzt am Görlitzer St.-Carolus-Krankenhaus, meldete sich in einem Leserbrief zu Wort: "Es ist schon eine Zumutung, wenn die Risikogruppe der über 80-jährigen Görlitzer Ruheständler 25 Kilometer nach Löbau fahren muss, um sich wegen Corona impfen zu lassen", obwohl man sich nicht weiter als 15 Kilometer vom Wohnort entfernen solle. "Wo bleibt die Achtung vor dem grauen Haar?"

Auch Siegfried Seidel nimmt an, dass gerade in Görlitz konzentriert sehr viele ältere Menschen wohnen. Aber die Entscheidung für Löbau könne er auch nachvollziehen. "Man wird sich was dabei gedacht haben. Dort sind sicherlich die Räumlichkeiten vorhanden. Löbau ist für alle Bewohner des Kreises zentraler gelegen." Die Frage nach dem Transport bleibt für ihn aber. Auf seine Familie kann er nicht zurückgreifen. "Ich wohne allein. Meine Tochter lebt in Bayern. Ich bin der einzige aus der Familie, der in Görlitz geblieben ist."

Landkreis will auf freie Busse setzen

Dass das mobile Impfteam, das derzeit in den Pflegeheimen im Einsatz ist, zu ihm kommt, ist derzeit nicht möglich. Vor allem aus organisatorischen Gründen - der Impfstoff verlangt eine Kühlkette, erklärt das Sozialministerium. Eine derzeit viel diskutierte Lösung wäre, dass Impfungen auch in den Hausarztpraxen vorgenommen werden. Eine Lösung, die aktuell aber noch nicht absehbar sei: "Der Impfstoff ist nach wie vor sehr knapp - und die Arztpraxen sind auch weiterhin mit ihren üblichen Aufgaben sehr ausgelastet." Sollte anderer Impfstoff, der in der Lagerung und Handhabung weniger anspruchsvoll ist wie beispielsweise der der Firma Astra-Zeneca, in ausreichender Menge da sein, " wird es hier sicherlich Änderungen geben können."

Die Transport-Frage ist aktuell auch Thema im Landratsamt. Landrat Bernd Lange sieht dabei allerdings weniger in Richtung der Taxis, er hat eher die Busse der KVG im Blick. Denn zumindest aktuell sind durch den ausfallenden Schulverkehr weniger Busse nötig auf den Linien - die man für den Transport von acht bis zehn Senioren pro Fahrt nutzen könnte. Am Dienstag sagte Lange auf einer Pressekonferenz, er wolle auf die Gemeinden zugehen, um mit ihnen ein solches System zu organisieren.

Er sehe ein Unterstützungsprogramm für ältere Menschen allerdings breiter an: So sollten nach seiner Vorstellung auch die Gemeinden zu den Senioren über 80 gehen und ihnen beispielsweise bei der Anmeldung im Impfzentrum helfen - mancher wie Siegfried Seidel hat kein Internet oder ist auf sich gestellt. Das sei man den alten Menschen gegenüber schuldig. Siegfried Seidel jedenfalls würde mitfahren, sagt er, mit Bus oder mit Taxi.

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