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"Wo bereits Streit herrschte, ist es noch schwieriger"

Was macht die Corona-Krise mit Paaren? Mehr Scheidungen kann die Görlitzer Anwältin Kerstin Dobslaff nicht feststellen. Aber mehr Streitpunkte.

Kerstin Dobslaff ist Familienanwältin in Görlitz. Seit 20 Jahren ist sie auf diesen Bereich spezialisiert.
Kerstin Dobslaff ist Familienanwältin in Görlitz. Seit 20 Jahren ist sie auf diesen Bereich spezialisiert. © Nikolai Schmidt

Optimisten rechneten im ersten Lockdown mit einem Babyboom, Pessimisten mit mehr Scheidungen. Nun, neun Monate später, der zweite Lockdown. Ein Babyboom war am Klinikum Görlitz nicht zu beobachten. Ob die Pessimisten Recht behalten - mehr Scheidungen - kann Kerstin Dobslaff noch nicht sagen. Seit über 20 Jahren ist sie als Fachanwältin spezialisiert auf Familienrecht in Görlitz tätig.

Frau Dobslaff, laut einer Auswertung von Google-Suchanfragen haben sich zwischen März und Juli sehr viel mehr Menschen als im Vergleichszeitraum 2019 für Dating-Apps interessiert. Auf der anderen Seite stieg die Zahl der Suchanfragen zum Thema Scheidungen merklich. Merken Sie das auch in Ihrer Kanzlei?

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Es gibt mehr Voranfragen: Was passiert denn überhaupt, wenn ich mich scheiden lasse? Man merkt, der Gedanke an eine Trennung ist doch bei mehr Menschen als sonst üblich aufgekommen. Dennoch sind voriges Jahr nicht außergewöhnlich viele Scheidungsanträge mehr gestellt worden. Es ist etwa die übliche Zahl. Nach den Sommerferien hatten wir viele neue Mandate und jetzt Anfang des Jahres nach den Weihnachtsfeiertagen. Letztlich wird sich die Frage erst zum Jahresende beantworten lassen: Paare, die sich 2020 getrennt haben, können mit Ablauf des Trennungsjahres, also im Laufe dieses Jahres, die Ehescheidung bei Gericht beantragen. Die Zeit davor, die praktische Umsetzung der Trennung, regeln Paare häufig ohne Rechtsanwalt.

Sie sprachen die Feiertage und die Sommerferien an. Warum können diese Zeiten schwierig sein für Paare?

Man hat viel mehr gemeinsame Zeit, die man mit dem Partner bewusst verbringt und nicht nur aneinander vorbeihetzt. Das bringt aber mitunter auch Zeit, darüber nachzudenken: Ist das die Person, mit der ich die nächsten Jahre leben möchte?

Auch im Lockdown jetzt verbringen wieder mehr Paare mehr Zeit miteinander, durch Homeoffice oder auch Kurzarbeit. Haben sich in den Voranfragen bestimmte Schwierigkeiten herauskristallisiert, die Paaren in der Corona-Krise zu schaffen machen?

Ein Punkt ist die Arbeitsverteilung zu Hause. Ich bekomme das auch in Gesprächen mit meinen Mitarbeiterinnen mit. Es sind überwiegend die Frauen, die das familiäre Leben organisieren und stemmen. Jedoch, auch mehr und mehr Männer kümmern sich um Familie und Haushalt. Letztlich aber stellt der Lockdown für uns alle und in jeglicher Beziehung eine Herausforderung dar. Gerade für Familien mit jüngeren Kindern und einer ungleichen Arbeitsteilung. Ich erlebe es derzeit auch in Kindschaftsverfahren, in denen es um Sorge- und Umgangsrecht bereits getrennter Paare geht, dass häufig der Vorwurf kommt: Du hast dich ja nicht gekümmert, ich musste mich um alles alleine kümmern. Man muss dazu sagen, zu einem Kindschaftsverfahren kommt es, wenn die Eltern selbst keine Lösung finden können, auch nicht mit Erziehungsberatung oder Jugendamt. Dann sind die Fronten meist sehr verhärtet und es kommt alles bei Gericht auf den Tisch, auch solche Vorwürfe.

Wenn die Fronten noch nicht so verhärtet sind - was raten Sie Mandanten, die sich in der Corona-Krise mit dem Gedanken an eine Trennung tragen?

Generell empfehle ich den Mandanten, sich zu fragen: Macht das nochmal Sinn? Die Caritas bietet zum Beispiel sehr gute Paarberatungen. Es gibt auch Beratungsstellen, in denen es nicht nur um das Paar geht, sondern auch um die Frage: Was kann man für das Kind jetzt tun? Letztlich bin ich Juristin - und die Mandanten interessiert, welche Auswirkungen ein Scheidungsverfahren hat: Was hängt an einer Scheidung? Es geht um Fragen nach dem Ablauf, Vermögensteilung, Zugewinnausgleich, Unterhalt für die Kinder und womöglich für den Partner.

Haben Sie es auch erlebt, dass der Zusammenhalt gewachsen ist?

Ja, tatsächlich. Wo man aufeinander achtet, spürt man auch mehr Zusammenhalt. Bei Ex-Partnern, die schon früher trotz Trennung vernünftig miteinander umgegangen sind, lief es meinem Eindruck nach auch in der Corona-Krise gut, vielleicht sogar noch besser. Dort, wo ohnehin Streit herrschte, ist es noch schwieriger geworden. Die Schere ging noch mal weiter auseinander. Gemerkt hat man das etwa an Unsicherheiten im ersten Lockdown und auch jetzt wieder: Kann mein Kind zum Partner gehen, es könnte sich ja dort möglicherweise anstecken und das Virus so, über den anderen Elternteil, in den Haushalt tragen.

Das hört sich aber nach einer Ausrede an.

Das könnte es auch sein, das muss dann ein Gericht oder Jugendamt sachlich abwägen. Zum Beispiel hatten wir den Fall, dass ein Vater, der mit dem Kind in Westdeutschland lebt, nicht wollte, dass das Kind zu Weihnachten die Mutter in Weißwasser besucht. Er begründete dies mit den sehr hohen Infektionszahlen in Sachsen. Das Gericht hat auf unseren Antrag hin entschieden, dass die pandemische Lage, auch erhöhte Fallzahlen in einer Region, kein Grund sind, auf den Kontakt zu verzichten. Aber ich habe es eben auch erlebt, dass Ex-Partner Rücksicht aufeinander genommen, solche Fragen unter sich geklärt haben. Das Kind war etwa tatsächlich für längere Zeit nicht bei einem der Elternteile und auf Nachfrage hat man erfahren: Die Eltern hatten gemeinsam entschieden, Sicherheit geht vor. Es gibt Familien, die so trotz Trennung funktionieren. Bei Uneinigkeiten haben die Konflikte sich eher noch verschärft.

Ist die Krise nicht auch ein Anlass, aufeinander zuzugehen?

Das ist etwas, das ich bei streitenden Paaren leider nicht erlebt habe. Dass Paare sagen: 'Oh, wir haben jetzt die Corona-Krise, wir müssen eine bessere Lösung finden' - das ist selten der Fall. Wenn man zerstritten ist, ist das auch eine gewisse Notsituation, eine Situation, in der man sich geschwächt fühlt. Dann auf jemanden zuzugehen, verlangt viel Größe.

Wie gehen Sie und Ihre Familie mit der Krise um?

Der Eindruck aus meinem Umfeld ist: Es gibt eine Krise, es gibt nach außen etwas abzuwehren - man hält als Familie generell stärker zusammen. Man achtet mehr aufeinander. Ich habe drei Kinder, mein Sohn studiert und wohnt nicht mehr bei uns, mit ihm telefoniere ich viel mehr, auch mit meinen Eltern, meinen Geschwistern. Man fragt nach, ist natürlich mehr in Sorge.

Hat Corona ganz eigene Streitthemen aufgebracht?

Aktuell sind die vorgezogenen und verkürzten Winterferien ein Thema. Hier betreuen wir derzeit Mandanten mit Problemen. Es geht vor allem darum, wer betreut wann das Kind. Auch in den vergangenen Wochen während des Homeschoolings habe ich zu dem Thema mehrfach Auseinandersetzungen erlebt.

Welche anderen juristischen Themen gab es voriges Jahr und aktuell?

Mehr Nachfragen hatten wir meinem Eindruck nach beim Thema Sorgevollmacht: Sollte mir etwas passieren, was soll dann mit meinem Kind geschehen? Das ist wichtig, wenn es keine gemeinsame elterliche Sorge für das Kind gibt. Also bei Alleinerziehenden, wo das Kind zum zweiten Elternteil vielleicht auch keinen großen Kontakt hat. Dann stellt sich mitunter die Frage, ob das Kind im Fall der Fälle bei einer Person aufwachsen soll, zu der es eine stärkere Bindung hat. Auch Vorsorgevollmachten waren angefragt.

Themen über die man im Alltag nicht gerne nachdenkt. Dabei raten Anwälte, auch Mediziner, immer wieder dazu, solche Dinge wie Testament und Vorsorgevollmachten zu klären. Hat die Corona-Krise da auch etwa Positives, dass Menschen sich mehr mit unangenehmen, aber eben wichtigen Fragen befassen?

Aus juristischer Sicht: Ja, es ist gut, diese Dinge für sich zu regeln. Unabhängig vom Alter und vom Gesundheitszustand sollte man diese Fragen klären. Denn auch ein Unfall oder sonstige Begebenheiten können einen Menschen aus der Bahn werfen und es ist sinnvoll, sich Gedanken zu machen und eine unabhängige Beratung zu suchen. Denn nur derjenige, der zu Lebzeiten seinen Willen kundtut, schützt seine Angehörigen und vermeidet, dass Streit erst entsteht.

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