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"Der Weihnachtsfrieden gilt allen Menschen"

Viele Christen stehen heute vor der Frage: Heiligabend in die Kirche? Oder nicht? Antworten für die schlesische Oberlausitz gibt Superintendent Thomas Koppehl.

Thomas Koppehl, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Schlesische Oberlausitz.
Thomas Koppehl, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Schlesische Oberlausitz. © André Schulze

Getrieben von Entscheidung zu Entscheidung, liegen schwere Tage hinter den Kirchen. Nach einem „ausgefallenen“ Ostern beginnt nun ein gedämpftes Weihnachten. Fast bis zuletzt ging es darum, was heute Nachmittag stattfinden darf. Manche Gemeinden bieten mehr Gottesdienste an als sonst, mit Ticketsystem, viele öffnen die Kirchen nur zur stillen Einkehr. Zugleich sind Gläubige dem Vorwurf ausgesetzt, dass ihnen besondere Rechte zugestanden werden. Während Theater geschlossen sind und Familien sich nur im kleinen Kreis treffen können, dürfen sie sich zur Religionsausübung versammeln. Wegen der Christnacht gilt auch die nächtliche Ausgangssperre nicht für Gläubige.

Herr Koppehl, was bedeutet es für die Gemeinden, wenn ständig neue Entscheidungen getroffen werden müssen, wie Weihnachten gefeiert werden kann?

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In den vergangenen Tagen und Wochen war wegen der immer wieder neuen Regelungen zur Verminderung der Ansteckungsgefahr sehr viel Bewegung in den Gemeinden des Kirchenkreises. Es ist für uns alle eine Zeit besonderer Belastung. Vor allem, als die Landeskirche vorige Woche festlegte, dass Gottesdienste unter freiem Himmel nur mit maximal 50 Personen veranstaltet werden dürfen, musste vieles neu überdacht und entschieden werden.

Warum war das so belastend?

Einerseits gibt es eine große Zurückhaltung wegen der Frage, ob man sich in diesen Zeiten überhaupt versammeln sollte. Andererseits hat der Gottesdienst am Heiligen Abend für alle Gläubigen eine große Bedeutung. Da gilt es abzuwägen. Man muss verschiedene Auffassungen akzeptieren und im Gespräch halten, muss zugleich um Verständnis werben, aber auch Freiheit zur Entscheidung lassen. So behalten sich einige Gemeinden vor, ihre Mitglieder zu Christvespern einzuladen, andere haben alle Gottesdienste abgesagt, auch aus Solidarität mit der übrigen Gesellschaft. Beides hat seine Berechtigung.

Gläubige bekommen im Vergleich zur übrigen Gesellschaft Ausnahmen zugestanden. Wie rechtfertigt die Kirche dies?

Diese Frage nach dem Vorrecht, auch unter Pandemie-Bedingungen Gottesdienste feiern zu dürfen, ist sehr grundsätzlich. Viele Gemeinden in unserem Kirchenkreis verzichten freiwillig auf dieses Vorrecht. Für die gesetzlich gewährte Ausnahme aber gibt es zwei Gründe. Die Religionsfreiheit musste durch viele Jahrhunderte auch gegen die großen Kirchen erkämpft werden. Öffentliche Gottesdienste erinnern daran, dass das, was jeder Mensch glaubt, von keiner Institution und von keinem Staat geregelt und vorgeschrieben werden darf.

Und der zweite Grund?

Er bezieht sich auf das Selbstverständnis der Gläubigen. Gerade in diesen weihnachtlichen Tagen leben wir Christen von dem Versprechen, dass Gott mit seinem Frieden gegenwärtig ist, wo wir zusammenkommen, um das Evangelium zu hören und gemeinsam zu beten. Gott legt seinen Glanz in unsere Herzen. Diesen Glanz schauen und erleben wir in der Heiligen Nacht, in der Jesus geboren wird. Darum geht es auch in den Abbildungen der Geburt Jesu: Im Schauen auf das Kind erfüllt uns das letzte Geheimnis des Lebens.

Können Nichtchristen verstehen, dass Weihnachten diese große Bedeutung für Christen hat?

Vielleicht kann das etwas trösten: Wir Christen wollen den weihnachtlichen Frieden nicht nur für uns haben, sondern erbitten ihn für jeden Menschen, auch für Nichtchristen. Gerade wenn uns die Krankheit ergriffen hat, wenn es auf unser Sterben zugeht, bleibt die lebendige Gegenwart Gottes die einzige Instanz, die wirklich tröstet und standhält. Dafür wollen wir mitten in der Bedrängnis und der Unruhe dieser Zeit beten, digital und analog, in den Familien zu Hause und auch gemeinschaftlich in den Kirchen, soweit es die strengen kirchlichen und staatlichen Hygienevorschriften zulassen.

An Heiligabend gehen sonst deutlich mehr Menschen in die Kirchen als zu anderen Zeiten. Werden Sie Leute wegschicken müssen?

Um die Zahl der Besucher zu minimieren, sind vielerorts die Krippenspiele abgesagt worden. Das ist ja für viele Familien ein Grund, am Heiligen Abend die Christvesper zu besuchen. Auch glaube ich, dass nicht so viele zu den Gottesdiensten kommen werden wie sonst. Wir merken in unseren großen Helferkreisen, dass die Zurückhaltung sehr groß ist. Viele, die bereit waren, die zusätzlichen Christvespern mitzuorganisieren und auf das Umsetzen der Hygieneregeln zu achten, kamen selbst in Quarantäne oder zogen sich aus Furcht vor Ansteckung zurück. Ähnlich wird es insgesamt in der Bevölkerung sein. Wenn sogar der Ministerpräsident sagt, er geht nicht zur Christvesper, dann ist das ein Signal.

Es ist auch das erste Weihnachten, zu dem keine Bläsermusiken erklingen, keine Chöre, keine Weihnachtskonzerte.

Das ist eine große Einschränkung, denn gerade für uns Deutsche hat es eine große Tradition, zu Weihnachten Musik zu hören, zu musizieren und zu singen. Bachs Weihnachtsoratorium gehört dazu wie das gemeinsame Singen von "Stille Nacht". Aber wir haben auch unsere Orgeln, die ohne Gefahr erklingen können. Und vielleicht liegt darin, dass wir uns diesmal auch in musikalischer Hinsicht zurücknehmen müssen, ein angemessenes Zeichen, die Christnacht in diesen Zeiten zu feiern. Übrigens hat unsere Landeskirche dazu aufgefordert, gegen 20 Uhr vor die Tür oder auf den Balkon zu treten und gemeinsam "Stille Nacht" zu singen.

Glauben Sie, dass dieses Weihnachten „ehrlicher“ wird, weil vielleicht nur die wirklich Gläubigen in die Kirchen kommen?

Auch unter den „wirklich Gläubigen“ gibt es viele, die es als angemessen empfinden, in diesen Zeiten zu Hause zu bleiben und in Stille oder mit Stehgreif-Krippenspielen und Hausgottesdiensten, die wir im ganzen Kirchenkreis verteilt haben, an die Geburt Jesu zu denken. Wie man Weihnachten verbringt, sollte nicht bewertet werden, wir sollten einander keinen Druck machen. Sowohl die Entscheidung, zu Hause zu bleiben, ist zu respektieren als auch der Wunsch, in einer Kirche Gottesdienst zu feiern. Dafür gab es ja die Möglichkeit, sich vorher anzumelden.

Neulich sagte ein Pfarrer, neben der ganzen Schwere der Pandemie freue er sich auf dieses Weihnachten, weil es von vielem entlastet sei. Wie sehen Sie das?

Die Weihnachtsfreude umfasst immer beides, die tiefe innerliche Herzensfreude und die fröhliche Ausgelassenheit im Familienkreis mit Krippenspielbesuch. Selbst die sentimentale Vermarktung von Weihnachten, der Kommerz und das Weihnachtsmarktgetümmel gehören in gewisser Weise noch zur Kulturwerdung der christlichen Botschaft. Man sollte da nicht zu streng urteilen, sondern schauen, dass Weihnachten in der Mitte zwischen der tiefen Bewegtheit im Glauben und der Ausgelassenheit bleibt. Dann wird auch das Getümmel erträglich. In diesem Jahr kann es eine ganz eigene Erfahrung sein, wenn es mal stiller ist, eine Erfahrung, die uns auf Weihnachten hinweisen und Neues entdecken lassen kann.

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