merken
PLUS Görlitz

"Über Jahre können wir so nicht weitermachen"

Die Sorgen mit denen Oberlausitzer bei der Telefonseelsorge anrufen, sind seit Jahren ähnlich, sagt Leiter Gerald Demmler. Corona wirkt aber wie ein Brennglas.

Gerald Demmler ist der Leiter der Telefonseelsorge Oberlausitz.
Gerald Demmler ist der Leiter der Telefonseelsorge Oberlausitz. © Steffen Unger

Bei der Telefonseelsorge führen ehrenamtliche Mitarbeiter im Jahr rund 9.600 Gespräche mit Menschen aus den Landkreisen Görlitz und Bautzen. Gerald Demmler, Leiter der ökumenischen Telefonseelsorge Oberlausitz, ist seit fast 29 Jahren dabei. Im SZ-Gespräch sagt er, welche Sorgen die Menschen umtreiben und ob Corona etwas geändert hat.

Herr Demmler, gibt es bei der Telefonseelsorge Themen, die durch Corona verstärkt auftreten?

TOP Immobilien
TOP Immobilien
TOP Immobilien

Finden Sie Ihre neue Traumimmobilie bei unseren TOP Immobilien von Sächsische.de – ganz egal ob Grundstück, Wohnung oder Haus!

Die Hauptthemen unserer Anrufer zu allen Zeiten sind Einsamkeit, psychische Störungen und der große Bereich, der mit Partnerschaft und Familie zu tun hat. Das sind auch jetzt die Schwerpunkte. Allerdings schwingt aktuell in den Gesprächen Corona häufig im Hintergrund mit. Gerade beim Thema Einsamkeit hat sich die Lage der Betroffenen durch die Kontaktbeschränkungen noch einmal verstärkt. Diese spielen auch in den Familien eine Rolle – wann kann man sich wo besuchen? Es ist meist eine Doppelsache: Es geht vielleicht um Probleme in der Familie oder der Beziehung, die jetzt noch mal verstärkt werden durch die Situation, in der wir uns befinden.

Einsamkeit ist eines der vier schwersten Probleme in der Oberlausitz, auch schon vor Corona.
Einsamkeit ist eines der vier schwersten Probleme in der Oberlausitz, auch schon vor Corona. © Nikolai Schmidt

Gibt es Veränderungen in den Personengruppen, die bei Ihnen anrufen?

Die Menschen, die aus Einsamkeit anrufen, haben häufig keine Familie mehr oder fühlen sich in der Familie einsam. Das betrifft zu zwei Dritteln der Anrufenden Frauen, ein Drittel sind Männer. Wir haben mehr Anrufer aus Städten als vom Land, sicher auch, weil in den ländlichen Gegenden die Familienzusammenhalte noch anders funktionieren als in der Stadt. Jetzt kommen aber schon auch neue Personen hinzu, die sagen: Ich fühle mich einsam, das kannte ich vorher nicht, weil ich sonst diese und jene Möglichkeit hatte. Der kulturelle Bereich oder Sport – das ist alles abgeschnitten im Moment. Wir haben Anrufer, die im Homeoffice arbeiten und sagen: Jetzt habe ich nicht mal mehr den Kontakt zu den Kollegen. Andere sagen: Wir sind an den Rand gekommen. Manche, die am Anfang sagten, wir verstehen die Maßnahmen und bringen Opfer, haben nun verstärkt das Gefühl, es tut sich nichts.

Wie können Sie den Menschen helfen?

Wir sind natürlich eine Klagemauer, es geht ums Zuhören. Ganz viel passiert schon, wenn die Leute ihre Probleme aussprechen können und Ihnen mit Verständnis begegnet wird. Dann kann geschaut werden: Was machen Sie jetzt? Wo halten Sie sich auf? Was wäre möglich im Umfeld? Gibt es jemanden, mit dem Sie sich im Rahmen der Beschränkungen treffen könnten? Was viel gebraucht wird, ist Ermutigung. Die Lösung, nach der die Menschen sich sehnen, können wir nicht bringen. Aber die emotionale Entlastung, das Zusprechen, die Überlegungen.

Sie sprachen als wichtiges Thema psychische Erkrankungen an. Rufen Betroffene jetzt häufiger an, weil sie unsicher sind, ins Klinikum oder in die Praxis zu gehen?

Die Telefonseelsorge ist, das hat nichts mit Corona zu tun, ohnehin das letzte Netz für alle, die austherapiert oder in Wartezeiten sind, um wieder in Therapie zu kommen. Sie rufen häufig in den Abend- und Nachtstunden an, weil dann die Tageskliniken oder Therapiegruppen nicht geöffnet sind. Gerade den Patienten mit Angststörungen, die meist abends oder nachts zum Tragen kommen, wird gesagt, dass sie immer bei der Telefonseelsorge anrufen können. Dabei geht es nicht um Therapie, sondern ums Aushalten. Und es ist nicht zu unterschätzen, welche Hilfe oder Stabilität unsere Anrufer dadurch erhalten. Diese Anrufergruppe bringt jetzt aber auch verstärkt die Ängste von Corona mit.

Spielen dabei auch wirtschaftliche Sorgen der Anrufer verstärkt eine Rolle?

Dass jetzt zum Beispiel Selbstständige oder Kulturschaffende verstärkt anrufen, weil zum Beispiel die Hilfsgelder nicht ausgezahlt wurden, kann ich nicht bestätigen. Ich glaube, die Lage für viele ist dramatisch, aber es ist nicht das Bild, das wir in der Telefonseelsorge haben. Ich vermute, sie haben andere Kontakte, Netze, in denen sie sich Begleitung holen. Generell spielt Arbeitslosigkeit eine Rolle, wenn auch vor zehn Jahren deutlich stärker als heute. Aber auch hier geht es mit anderen Sorgen einher. Wenn jemand sagt: Wir fetzen uns in der Ehe dauernd, spielen nicht selten finanzielle Sorgen rein.

Immer wieder liest man, wie kürzlich in einem Leserbrief einer Görlitzer Apothekerin, die Corona-Krise treibe mehr Menschen als sonst in den Suizid. Die Polizei bestätigt das zum Glück nicht. Wie sehen Sie es?

Das bestätige ich ebenfalls nicht. Pro Jahr führen wir 180 bis 190 Gespräche, in denen es um Suizidgedanken geht. Es gab voriges Jahr einen leichten Anstieg. Es sind sehr fordernde Gespräche. Verglichen mit den anderen Themen ist ihr Anteil prozentual aber zum Glück nach wie vor sehr niedrig. Es ist generell bei den angesprochenen Problemen nicht so, dass die Leute sagen: Oh, jetzt ist Corona-Krise, jetzt denke ich über dies oder jenes nach. Sondern bei den genannten Problematiken werden bereits vorhandene Schwierigkeiten in der Krise wie unter einem Brennglas verstärkt. Deshalb finde ich es richtig, wenn jetzt über Lockerungen nachgedacht wird. Es muss für die Regierung extrem schwer sein, da kommt die Hilflosigkeit zum Teil aus allen Knopflöchern. Aber die Belastung durch die Perspektivlosigkeit ist für viele wirklich anstrengend, das kommt auch bei uns zur Sprache. Und ich weiß nicht, wie lange wir das den Leuten noch vermitteln können.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Löbau lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Görlitz