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„Das Rettungswesen ist mein Lebenswerk“

Der Görlitzer Stadtrat Rolf Weidle hat das Bundesverdienstkreuz erhalten. Im SZ-Interview blickt er vor allem aber auf seine Zeit als Arzt zurück. Und wie alles mit einem Motorradunfall begann.

Rolf Weidle wurde jetzt vom Bundespräsidenten für sein Lebenswerk mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Rolf Weidle wurde jetzt vom Bundespräsidenten für sein Lebenswerk mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Als Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer dem 75-jährigen Görlitzer Arzt und Stadtrat Rolf Weidle im Juni das Bundesverdienstkreuz übergab, zeichnete er ihn vor allem als „Mann für alle Notfälle“ aus, der seit den 1970er-Jahren das Rettungswesen in Görlitz aufbaute und nach 1990 half, das Gesundheitswesen in die neue Zeit zu überführen. Außerdem engagierte sich Weidle mit hohem persönlichen Einsatz für das Helenenbad, rief den Europamarathon ins Leben, initiierte die Gründung der Bürger für Görlitz und ist seit fast 30 Jahren Mitglied im Görlitzer Stadtrat. Zeit für ein langes Interview.

Herr Dr. Weidle, wie haben Sie reagiert, als Sie von Ihrer Auszeichnung erfuhren?

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Ich habe mich wirklich sehr gefreut. Erst dachte ich, es gehe um den Sachsenorden. Aber dass ich nun die höchste in Deutschland vergebene Auszeichnung bekommen habe, dafür bin ich sehr dankbar. Besonders glücklich bin ich darüber, dass mein Lebenswerk, der Aufbau des Rettungswesens in Görlitz, gewürdigt wurde, aus dem ich leider zu früh ausgeschieden bin. Bis 1993 war ich leitender Notarzt und habe in dieser Zeit die Zertifizierung vieler Notärzte organisiert.

Ministerpräsident Michael Kretschmer übergab Rolf Weidle im Juni das Bundesverdienstkreuz.
Ministerpräsident Michael Kretschmer übergab Rolf Weidle im Juni das Bundesverdienstkreuz. © Pawel Sosnowski

War es schon ihr Jugendtraum, Arzt und Lebensretter zu werden?

Nein, ich war ursprünglich Leistungssportler, Stabhochspringer. Ich hatte gute Leistungen in der Schule, besonders auch im Sport, aber da ich es mit Ordnung und Pünktlichkeit nicht so genau nahm und meine Zeit mit älteren Sitzenbleibern verbrachte, hatten mein Vater und der Sportlehrer die Idee, mich auf die Sportschule in Forst zu schicken, was aus heutiger Sicht eine sozialistische Kadettenanstalt war. In unserem Dorf Frankena bei Doberlug-Kirchhain hatte ich alle möglichen Dummheiten mitgemacht, zum Beispiel sind wir zum Kirschenklauen mit Wäschestangen über die Zäune gesprungen. So brach ich an der Sportschule als Erstes den Rekord im Stabhochsprung. Später gehörte ich zu den Besten der DDR und sollte Spitzensportler im Zehnkampf werden. Aber daraus wurde nichts.

Warum nicht?

Ich hatte mit 16 Jahren einen schweren Motorrad-Unfall. Wir kamen vom Baden, ich fuhr mit 60 Sachen voll gegen einen Laternenmast und kam schwer verletzt ins Krankenhaus. Meine athletische Ausbildung rettete mir das Leben, aber mein Vater ließ mich ins Krankenhaus von Doberlug-Kirchhain bringen, wo es nur einen Chefarzt gab, der sich um alles kümmerte, Entbindung, Chirurgie, Innere. Erst nach acht Wochen stellte er die Diagnose. Der größte Rückenmuskel war angerissen und entzündet, ich lag vier Monate im Krankenhaus. Aber der Arzt hielt mich bei Laune, indem er mir kleine medizinische Aufgaben stellte. Ich hätte, wenn schon nicht Sportler, Mathe- oder Chemielehrer werden wollen, aber als ich entlassen wurde, stand fest: Ich werde Arzt. Ich habe dann in Berlin studiert.

Wie kamen Sie nach Görlitz?

Meine Frau stammt von hier. Wir haben uns in den Semesterferien bei einem Ernteeinsatz kennengelernt, und als sie noch studierte, sie ist etwas jünger, zog ich bei ihrer Mutter ein. Görlitz gefiel mir besser als alle anderen Städte. Am damaligen Bezirkskrankenhaus habe ich während meiner Facharztausbildung sehr viele Erfahrungen gesammelt, in der Chirurgie, der Anästhesie, der Intensivmedizin. Das Rettungswesen interessierte mich besonders und so habe ich dann die Schnelle Medizinische Hilfe aufgebaut.

Wann war das?

1976 wurde per Gesetz der Aufbau der SMH zur stabileren Notfallversorgung in der DDR festgelegt, und weil das keiner machen wollte, wurde ich gefragt, ob ich das in Görlitz übernehmen könne. Wir haben damals – vier Ärzte – auf der Jakobstraße 23 in der Zentralen Hausarztpraxis gearbeitet. Das war der Stützpunkt der hausärztlichen Versorgung für die gesamte Innenstadt. 1978 haben wir dort die Schnelle Medizinische Hilfe gegründet und darauf mit dem DRK das Gelände am Demianiplatz zur zentralen Rettungsleitstelle ausgebaut.

Ende der 1970er Jahre entstand auf dem Gelände "Zur Goldenen Sonne" am unteren Demianiplatz die neue Rettungsleitstelle mit einer ambulanten Notaufnahme und einer Beobachtungsstation.
Ende der 1970er Jahre entstand auf dem Gelände "Zur Goldenen Sonne" am unteren Demianiplatz die neue Rettungsleitstelle mit einer ambulanten Notaufnahme und einer Beobachtungsstation. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Bei der „Goldenen Sonne“?

Richtig, auf dem Hof der Familie Pohl, die enteignet worden war und das Anwesen später zurückbekam. Das DRK hatte dort seine Krankenwagen stehen, und wir haben aus Ruinen die Rettungsleitstelle gebaut. Ich kannte viele Handwerker als Patienten und habe auch selbst knappes Baumaterial wie Zement, Holz und anderes organisiert. Wenn der Fuhrunternehmer Hans Brauner eine Tonne Zement mit seinen Pferden brachte, zog ich meinen Arztkittel aus und half beim Abladen. Wir bauten da etwas für die DDR wirklich Besonderes auf mit schicken Nachtarztzimmern, einer ambulanten Notaufnahme und Beobachtungsstation für "leichtere" Fälle, für die Mitarbeiter gab es sogar eine Sauna mit Tauchbecken. Später kam die ganze Ausbildung dazu, Erste-Hilfe-Kurse, Lebensrettungskurse für Schulen, Feuerwehr, Polizei.

Für wen schrieben Sie Ihre vier "Notfallbücher"?

In der DDR gab es zwar Lehrbücher, aber kein Handbuch für Notfallmediziner, in dem man am Einsatzort schnell nachlesen konnte, was etwa bei Schlangenbissen, Vergiftungen, Wiederbelebungen oder einer Leichenschau Punkt für Punkt zu tun ist. Zusammen mit Fachkollegen schrieb ich einen echten Leitfaden, den sich jeder Arzt in die Kitteltasche stecken konnte. Unsere erste Auflage erschien 1980 für Görlitz, dann gab es mehrere Erweiterungen, die vierte Ausgabe der „Prähospitalen Notfallversorgung“ erschien 1990 für den deutschsprachigen Raum. Manche nutzen das Buch bis heute.

1980 veröffentlichte Rolf Weidle einen Leitfaden für Notfallmediziner, der in jede Arztkitteltasche passte.
1980 veröffentlichte Rolf Weidle einen Leitfaden für Notfallmediziner, der in jede Arztkitteltasche passte. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Nach der Wende konnte das Rettungswesen der DDR nicht so bleiben. Sie halfen bei der Umwandlung?

Nach 1990 ging es darum, das gesamte Gesundheitswesen an die neue Zeit anzupassen. Die SMH wurde aufgelöst, ich musste mich als Chefarzt der SMH, wie ich mich seit meinem 40. Geburtstag nennen durfte, selbst entlassen. Die „Sonne“ ging an die Familie Pohl zurück, wir brauchten einen neuen Ort für die Rettungsleitstelle. Dafür kam ein großes, nicht mehr benötigtes Gebäude in Betracht: die ehemalige Stasizentrale in der Reichertstraße. Hier richteten wir die neue Leitstelle ein, bauten das Gesundheitsamt auf und ich begleitete die Umwandlung der staatlichen Arztpraxen in die privaten Niederlassungen.

1991 wurde ich Amtsarzt. Zwei Jahre später war der Umbau abgeschlossen und ich merkte, dass ich nicht Amtsarzt bleiben wollte. Meine Frau hatte inzwischen ihre eigene Praxis in der Jakobstraße, da stieg ich Ende 1992 ein. Mit 60 zogen wir in die Curiestraße in eine große moderne Praxis, schon mit Blick auf einen Nachfolger, den wir in Henry Hedrich dann ja auch fanden.

Was zog Sie in die Politik?

Ich trat in der Wendezeit in die SPD ein, weil ich ein großer Fan von Willy Brandt und Helmut Schmidt war. Ich wurde Spitzenkandidat, saß am Runden Tisch und wurde zum Vorsitzenden des Runden Tisches für Gesundheit und Soziales gewählt. Ausgang für viele wichtige Entwicklungen war eine Woche im Januar 1990 in Wiesbaden, zu der mich das Rote Kreuz eingeladen hatte. Dort lernte ich auch den Chef des ASB kennen. So kam es, dass meine Frau und ich mit Freunden im Februar den ASB in Görlitz gründeten. Der erste Rettungswagen war ein Geschenk aus Wiesbaden.

2015 wurde die Kinderbadelandschaft im ehemaligen Helenenbad eröffnet, für die sich Rolf Weidle über viele Jahre hinweg engagiert und zahlreiche Spenden zusammengetragen hatte.
2015 wurde die Kinderbadelandschaft im ehemaligen Helenenbad eröffnet, für die sich Rolf Weidle über viele Jahre hinweg engagiert und zahlreiche Spenden zusammengetragen hatte. © nikolaischmidt.de

Wir kamen Sie zu den Bürgern für Görlitz?

Meine Frau und ich traten 1997 aus der SPD aus, weil sie auf Bundesebene das von der CDU/CSU vorgeschlagene Hausärztestärkungsgesetz ablehnte. Ende der 1990er war ich sehr unzufrieden, weil die Parteipolitik immer mehr Stadtratsentscheidungen beeinflusste, auch zum Schaden von Görlitz wie beispielsweise beim erzwungenen Verkauf unserer Mülldeponie. Das war die Geburtsstunde meiner Idee, eine eigene Wählervereinigung zu gründen. Ich schrieb damals 36 Freunde und Bekannte an, mit 34 von ihnen gründeten wir im März 1999 dann die Bürger für Görlitz, die nun am längsten bestehende gut etablierte freie Wählervereinigung in Deutschland.

Heute fordert Sie der frühere OB Matthias Lechner auf, den Stadtrat zu verlassen, weil sie damals den Schaden von den Aufsichtsräten und dem Geschäftsführer der Stadtwerke nicht abgewendet hätten. Was sagen Sie dazu?

Damals ist aus meiner Sicht ein großes Unrecht an den ehrenamtlichen Aufsichtsräten geschehen, das für Deutschland einmalig war. Es wurden Fehler gemacht, es wurde vertuscht, wie Untersuchungen im Nachhinein nahelegten, und der Stadt ist ein Schaden entstanden. Der damalige Regierungspräsident hat uns in einer Stadtratssitzung regelrecht genötigt, die Deponie an den Ravon zu verkaufen. Ich fühlte mich an Vorwendezeiten erinnert. Das Schicksal der Aufsichtsräte ist durch die Presse allgemein bekannt. Alle Stadtratsbeschlüsse in deren Sinne wurden von den Aufsichtsbehörden „abgeschmettert“. Die Ergebnisse des Deponieausschusses wurden nicht akzeptiert. Aber heute ist alles verjährt, und mit dem Vergleich, der vor einigen Jahren geschlossen wurde, ist die Sache beendet. Der Stadtrat hat keine Möglichkeit einer Reparation. Ich war Mitglied des Ausschusses, meine Fraktion hat bis zuletzt im Sinne der Aufsichtsräte gekämpft.

Wenn Sie zurückschauen und nach fast 30 Jahren im Stadtrat damals und heute vergleichen, was hat sich verändert?

Es gab immer wieder turbulente Zeiten im Stadtrat. Aber bis auf einige Ausnahmen waren die Diskussionen zwischen den Fraktionen selten ehrverletzend oder bösartig. Aktuell haben wir über 20 neue Stadträte. Es ist eine Streitkultur zu beobachten, die immer wieder die Grenze der persönlichen Verletzungen tangiert oder überschreitet. Gerade bei der Arbeit am schwierigen Thema Haushalt war zu sehen, wie sich die Fronten, auch mit der Verwaltung, verhärteten, obwohl über die Hälfte des Stadtrates noch nie einen kommunalen Haushalt beschließen musste. Dabei wurde großzügig auf Erfahrungen anderer Stadträte verzichtet.

Wobei zum Beispiel?

Beim Thema Stadthalle etwa waren in der Vergangenheit auch Stadträte in unserer Fraktion unterschiedlicher Auffassung. Heute gibt es dazu eine fast einstimmige Meinung. Görlitz hat inzwischen einen deutlichen Aufschwung genommen, die Einwohnerzahl hat sich stabilisiert, und wenn unser Ministerpräsident so für die Stadthalle kämpft, hohe Fördermittelsummen organisiert und außerdem Forschungsinstitute nach Görlitz holt, dann sehen wir gute Chancen, dass eine funktionierende Stadthalle einen Beitrag für eine positive Wirkung nach außen leisten kann. Die Zusammenarbeit mit der AfD gestaltet sich schwierig. Aus meiner Sicht macht Octavian Ursu seine Arbeit gut, und auch wenn ich mich für Franziska Schubert im OB-Wahlkampf mit voller Kraft eingesetzt habe, bedaure ich nicht, dass ich ihn in der Stichwahl erfolgreich unterstützt habe.

Sie sind kürzlich in eine barrierefreie Wohnung in der Krölstraße gezogen. Aus Altersgründen oder weil sie hoffen, dass sich die Innenstadt-West weiter entwickelt?

Mit 65 oder 70 habe ich mir über mein Alter keine Gedanken gemacht, aber meine Frau und ich haben als Hausärzte viele Patienten begleitet und erlebt, die plötzlich mit 75 einen Rollator brauchten. Deshalb haben wir unser Haus in der Siedlung Königshufen vor einigen Jahren vorausschauend verkauft. An der Jakob-Böhme-Straße hatten wir eine sehr schöne und sehr große Wohnung, aber auch als Arzt kann man sich im Rentenalter nicht alles leisten. In der Krölstraße haben wir einen Fahrstuhl, sind nahe am Bahnhof und an der Innenstadt, es war eine pragmatische Entscheidung. Dass sich Görlitz mitsamt seiner Innenstadt-West gut entwickelt, hoffe ich.

Die Chancen stehen nicht schlecht. Wir leben in schwierigen Zeiten, belastet von Klimawandel und Rechtpopulismus. Mich entsetzt, dass Ärzte sich in unserer Stadt öffentlich als Corona-Leugner outen, damit Bürger verunsichern und die Impfwilligkeit beeinflussen. Ich bin unzufrieden mit der politischen Großwetterlage. Dennoch baue ich auf die junge Generation und darauf, dass wieder mehr junge Menschen zurückkommen oder zuziehen. Man mag die Begeisterung der Görlitzer der Jahre der Kulturhauptstadtbewerbung vermissen, aber der OB-Wahlkampf 2019 hat gezeigt, dass es immer noch eine engagierte Stadtgesellschaft gibt.

Wie lange wollen Sie selbst daran mitwirken?

Ich hoffe, dass ich gesundheitlich noch die Legislatur durchhalte. Görlitz ist nach 53 Jahren meine Heimatstadt geworden, ich bin ein politischer und sozialer Mensch und werde wohl nie aufhören, mich für unsere Stadt und Bürger einzusetzen. Ich möchte aber auch meiner Frau Ingeborg dafür danken, dass sie meine seit 51 Jahren ertragene Umtriebigkeit ausgehalten, mir immer den Rücken freigehalten und mich unterstützt hat.

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