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"Ich glaube, Risse werden bleiben"

Patricia Schäfer vom ZDF hat mit ihrem Team in Görlitz gedreht, der Film läuft am Mittwoch im ZDF. Worum es geht und wie sie Görlitz erlebte, sagt sie im SZ-Gespräch.

Von Susanne Sodan
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Foto vom Dreh in Görlitz vor dem Gymnasium Augustum.
Foto vom Dreh in Görlitz vor dem Gymnasium Augustum. © ZDF

Vier Tage verbrachte ZDF-Reporterin Patricia Schäfer mit ihrem Filmteam in Görlitz. Zwei weitere Städte standen auf dem Dreh-Programm, Rosenheim und Bremen. Das Thema der Reportage: Wie über die Frage geimpft oder ungeimpft immer heftiger gestritten wird. Welche Eindrücke bleiben werden und welche Antworten sie gefunden hat. Die SZ sprach mit der Autorin.

Frau Schäfer, warum haben Sie den Film gedreht?

Meine Kollegin Sibylle Bassler und ich haben beide von Beginn an über die Corona-Pandemie berichtet. Sie war in vielen Intensivstationen, und beide haben wir die Corona-Politik für die aktuellen Sendungen des ZDF verfolgt. Uns ist in den vergangenen anderthalb Jahren aufgefallen, wie sich die Gräben vertieft haben zwischen Corona-Skeptikern und Befürwortern der Maßnahmen. Gräben, die sich auch durch Familien und Freundeskreise ziehen. Da wollten wir jetzt einfach mal auf Spurensuche gehen.

Patricia Schäfer.
Patricia Schäfer. © ZDF/Sascha Baumann

Wie sind Sie für dieses Thema auf Görlitz aufmerksam geworden?

Wir sind von Bayern ausgegangen, wo wir wohnen und arbeiten. Hier hat zum Beispiel Rosenheim sehr hohe Inzidenzen und gleichzeitig eine besonders niedrige Impfquote. Im Moment ist die Lage dramatisch, die Intensivstationen sind voll. Und auf der anderen Seite gibt es dort viele Impfskeptiker. Es war eine ganz sachliche Entscheidung, außerdem in das Land mit der höchsten Impfquote zu schauen, Bremen, und in das mit der niedrigsten Impfquote, Sachsen. In Görlitz ist auffällig, dass die Sterberate im Zusammenhang mit Corona besonders hoch ist und gleichzeitig sind die Proteste gegen die Impfung besonders laut. Dramaturgisch ist interessant: Wie geht es einem Impfbefürworter in diesem Umfeld? Und wie fühlt sich ein Ungeimpfter in Bremen, wo über 80 Prozent der Menschen geimpft sind? Görlitz ist eine Kleinstadt, wo beide Seiten wie in einem Mikrokosmos eng beieinander liegen. Und unser Eindruck war schon, in Görlitz werden die Regeln lockerer gehandhabt als zum Beispiel in München.

Woran machen Sie das fest?

Das beginnt schon mit Punkten wie Maske tragen oder nicht, Hand schütteln oder nicht. Oder wie nah man beieinander geht. Man muss aber dazu sagen, wir waren Ende Oktober da. Womöglich sieht es im Moment schon wieder anders aus. In Sachsen gilt ja jetzt 2G.

Was haben Sie in Görlitz erlebt?

Wir haben eine Waldorf-Lehrerin getroffen, haben mit Schülern gesprochen, mit Ärzten und Impfgegnern. Wir haben an jedem Ort Geimpfte und Ungeimpfte gesucht.

Gab es Situationen, in denen Sie sich Sorgen machten um eine Infektion? Oder dass Sie selbst als Fernsehteam angegangen werden könnten? Wir erleben es besonders in den sozialen Medien, dass manche in der Impffrage sehr massiv auftreten.

Weder noch. Ich habe mir keine Sorgen gemacht. Aber ich habe schon freundlichere Gesichter gesehen als beim "Montagsspaziergang" – obwohl wir vom Veranstalter zu Beginn begrüßt wurden und er die Teilnehmer aufrief, nett zu uns zu sein. Aber insgesamt haben wir ausgesprochen freundliche Menschen in Görlitz getroffen. Manche kommen leider im Film nicht vor, aber ich war beeindruckt von den hilfsbereiten, klugen Menschen in Görlitz. Dazu zählen auch die Schüler, die sehr reflektiert ihren Standpunkt als Geimpfte und Ungeimpfte geschildert haben. Allerdings war es sehr schwer, überhaupt Interviewpartner zu finden, die offen über ihre Haltung zur Impfung reden. Nicht nur in Görlitz. Erzählen wollten viele. Aber nicht, wenn die Kamera dabei ist. Das zeigt schon, wie tief die Spaltung und wie hoch das Konfliktpotenzial ist.

Sie sagten, die Impffrage ist eine, die sich auch durch Freundes- und Familienkreise zieht. Betrifft Sie das auch persönlich?

Ja - ich glaube, jeder von uns kennt Leute, die auf der anderen Seite des „Impfgrabens“ stehen. Es gibt auch bei mir in der weiteren Familie und im Bekanntenkreis Menschen, die da anders denken als ich. Ich bin geimpft, daraus mache ich keinen Hehl. Für manche, die es nicht sind, habe ich Verständnis - wenn sie sich wirklich Gedanken machen und ernstzunehmende Gründe haben. Ich denke tatsächlich nicht, dass jeder Impfskeptiker ein Verschwörungstheoretiker ist. Aber für Leute, die nur noch in ihrer Blase kreiseln und unhinterfragt jedes Gerücht nachplappern, habe ich kein Verständnis.

Was nehmen Sie persönlich mit?

Meine persönliche Quintessenz ist: Es geht bei der Impffrage ans Eingemachte, an unsere Grundüberzeugungen, die Frage auch, wie man für sich Verantwortung definiert. Deshalb wird darüber so heftig gestritten, glaube ich. Und es geht um Ängste. Hat man Angst, sich zu infizieren? Oder Angst vor dem Impfstoff? Was bedeutet Freiheit? Das ist mir schon aufgefallen, wie der Freiheitsbegriff zunehmend interpretiert wird ohne Blick auf die Freiheit der anderen.

Ich kann verstehen, wenn Freundschaften zerbrechen. Wenn jemand sich unvorsichtig verhält und andere damit in Gefahr bringt, oder wenn zum Beispiel ein Krebspatient nicht operiert werden konnte, weil ein ungeimpfter Covid-Patient das Bett in der Intensivstation belegt hat - das sind Dinge, die entzweien können. Ich denke auch, da werden Gräben bleiben. Manche werden es schaffen, sich wieder auszusöhnen. Andere Risse werden schwer zu kitten sein. Und weil das gerade in der Mitte der Gesellschaft passiert, wollten wir diesen Film machen.

Ausstrahlung: Mittwoch, 17. November, ZDF "Zoom", 23 Uhr. Die Reportage ist bereits ab dem späten Nachmittag in der ZDF-Mediathek verfügbar.