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"Jakob Böhme zieht Menschen aus der ganzen Welt an"

Volker Leppin steht dem Böhme-Beirat vor, der alle zwei Jahre Experten nach Görlitz einlädt. Im September kommt sogar ein Forscher aus Australien.

Jakob Böhme soll in Görlitz mehr sein als nur ein Denkmal.
Jakob Böhme soll in Görlitz mehr sein als nur ein Denkmal. © Nikolai Schmidt/Archiv

Der Kirchenhistoriker Volker Leppin ist seit 2020 neben dem Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu Vorsitzender des neuen Jakob-Böhme-Beirates. Dieser wurde im Rahmen der Entstehung des neuen Jakob-Böhme-Zentrums gegründet und wird ab diesem Jahr internationale Tagungen in Görlitz organisieren. Der Theologe Volker Leppin, geboren in Helmstedt, aufgewachsen in Marburg, arbeitete zehn Jahre am Lehrstuhl für Kirchengeschichte in Jena und ist heute der Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Unter anderem ist er Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und setzt sich für die Ökumene ein, etwa das gemeinsame Abendmahl von Protestanten und Katholiken.

Herr Professor Leppin, neben Ihrer Aufgabe als Dekan in Tübingen übernehmen Sie nun ehrenamtlich die des Vorsitzenden des neuen Jakob-Böhme-Beirates. Was bringt Sie nach Görlitz?

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Die Initiative zu dieser Verbindung ging vom Görlitzer Bürgermeister Michael Wieler aus, der das Anliegen der Stadt vertritt, das Erbe Jakob Böhmes zu pflegen. Er suchte nach einem Wissenschaftler für den Beirat und schaute da, wo man sich traditionell mit Jakob Böhme beschäftigt oder sich für die protestantische Mystik interessiert. Da ich unter anderem zu Böhme geforscht habe, kam er auf mich, wir sprachen darüber, und ich sagte gern zu.

Der Kirchenhistoriker Volker Leppin ist Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen und Vorsitzender des Jakob-Böhme-Beirats in Görlitz.
Der Kirchenhistoriker Volker Leppin ist Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen und Vorsitzender des Jakob-Böhme-Beirats in Görlitz. © Daniela Wagner

Was genau bedeutet protestantische Mystik?

Das ist die Fortsetzung der mittelalterlichen christlichen Mystik und eine Form der Frömmigkeit, die die unmittelbare Nähe Gottes ohne Zwischenschritte sucht. Es ist auch eine Tradition, aus der Martin Luther tief schöpfte. Deshalb war für ihn etwa die Vorstellung, dass man sich mit Ablassbriefen von seinen Sünden "freikaufen" könne, ein so großes Problem. Für Luther ging es um eine Änderung des ganzes Lebens und die Gnade Gottes allein.

"Ohne Zwischenschritte" bedeutet eine Gottesnähe, die keinen Pfarrer und kein Kirchengebäude braucht?

Ich würde nicht sagen, dass sie es nicht braucht, aber sie hat für die Mystiker nicht die entscheidende Bedeutung für das Verhältnis zwischen Mensch und Gott. Jakob Böhme steht exemplarisch für diese Suche und für den Gedanken, dass man sich sein Heil nicht erarbeiten kann, sondern der Mensch von der Gnade Gottes lebt. Die protestantische Mystik ist eine wichtige Dimension der 2.000 Jahre Kirchengeschichte, die ich in Tübingen lehre.

Jakob Böhme wurde zu seinen Lebzeiten von der Kirche gescholten und verfolgt. Welche Rolle spielt er in der Kirchengeschichte heute?

Leider kommt er darin viel zu wenig vor, hier ist er eher eine Randfigur. Stärker wird er von der Philosophie gewürdigt. Das ist schade für die Theologie, denn gerade die Philosophen haben darauf hingewiesen, dass es bei Böhme viele Gedanken gibt, die für unser heutiges Christentum anschlussfähig sind. Er hilft, die dogmatische Tradition wie etwa über die zwei Naturen Jesu Christi in einen ganz weiten Zusammenhang zu stellen und so neu zu verstehen.

In der Dreifaltigkeitskirche auf dem Görlitzer Obermarkt soll das Jakob-Böhme-Zentrum entstehen.
In der Dreifaltigkeitskirche auf dem Görlitzer Obermarkt soll das Jakob-Böhme-Zentrum entstehen. ©  Archiv/Pawel Sosnowski

Was, glauben Sie, kann das für die Görlitzer Dreifaltigkeitskirche geplante Jakob-Böhme-Zentrum bewirken, wen kann es anziehen?

Zu Jakob Böhme forschen vor allem Philosophen und Kulturwissenschaftler auf der ganzen Welt, seine Ausstrahlung reicht bis nach Australien und Amerika. Wenn in Görlitz nun ein in Deutschland einzigartiges Zentrum für ihn eingerichtet wird, dann kann das Menschen von überallher anziehen. Auch dieser wissenschaftliche Jakob-Böhme-Beirat ist durch den lokalen Bezug zu Böhmes Wirkungsstätten etwas Einmaliges im Vergleich zu vielen anderen Vereinigungen, die mit Böhme verbunden sind. Sich inmitten dieses wunderbaren Ensembles der Altstadt mit dem Wohnhaus Böhmes auf der polnischen Seite in der Nähe dieser interessanten Gestalt zu befinden, ist sehr faszinierend.

Sind Sie bereits in Görlitz gewesen und kennen die Dreifaltigkeitskirche?

Ja, wir haben uns die Kirche im Rahmen der ersten Sitzung des Beirats angeschaut, in dem insgesamt zehn Wissenschaftler Mitglieder sind. Ich war vor vielen Jahren schon einmal in Görlitz und dann erst wieder im vergangenen Jahr. Wir trafen uns im Frühjahr, danach hat auch uns der Lockdown überrollt. Dass Jakob Böhme ein Stück dieses Kleinods Görlitz ist, zu dem ja auch das Heilige Grab gehört, empfinde ich als Kirchenhistoriker als enorm spannend. Das alles wissenschaftlich begleiten zu dürfen, ist wunderbar.

Sie werden aller zwei Jahre eine internationale Jakob-Böhme-Tagung in Görlitz organisieren, die erste in diesem Herbst. Planen Sie so, als wäre die Pandemie dann vorüber?

Ja, wir planen im Moment eine Präsenztagung vom 16. bis 18 September im Kulturforum Synagoge mit 14 Vorträgen internationaler Wissenschaftler und hoffen, dass bis dahin alle geimpft sind. Unter den Referenten ist auch ein Böhme-Experte aus Australien. Ich hoffe natürlich, dass er anreisen kann. Wir rechnen mit überregional 20 Besuchern und hoffen auf eine Reihe Teilnehmer aus Görlitz und Umgebung. Unter normalen Umständen könnten etwa 50 Besucher teilnehmen, unter Corona-Bedingungen müssten wir sehen.

Sind diese Tagungen nur für Wissenschaftler gedacht oder für jeden, der Böhme gern verstehen möchte?

Es geht um beides. Wissenschaft soll nicht abschrecken, sondern helfen, bestimmte Gedanken einzuordnen. Zunächst geht es darum, Böhme in seiner Zeit und seiner Umgebung zu verstehen, ihn historisch zu verorten. Das soll den Zugang vereinfachen und mit dem Ort Görlitz und der Lausitz verbinden. Einer der Vorträge der diesjährigen Tagung wird öffentlich sein, dann wird die Kunsthistorikerin Claudia Brink darüber sprechen, was uns Böhme heute noch sagen kann. Das wird auch die Görlitzer interessieren.

Viele Menschen versuchen Jakob Böhme zu verstehen und seine Werke zu lesen, schaffen es aber nicht. Haben Sie einen Tipp zum Zugang?

Es ist leider so – Böhme zu lesen ist hartes Brot, selbst für Fachleute. Deshalb ist es am besten, sich über die Interpretation von Wissenschaftlern zu nähern und auf Basis dieser Anregungen dann selbst in den Texten nachzulesen. Genau dafür sind die Tagungen da.

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