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Jüdisches Festival kommt nach Görlitz und Zittau

Dieses Jahr wird bundesweit "1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" gefeiert. Der Verein Kommen und Gehen organisiert dazu Veranstaltungen in der Oberlausitz.

Lichtinstallationen wie hier im Zittauer Klosterhof sind auch beim Festival "Oberlausitzer Perspektiven. 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" zu erleben.
Lichtinstallationen wie hier im Zittauer Klosterhof sind auch beim Festival "Oberlausitzer Perspektiven. 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" zu erleben. © Veronica Lagos

Ganz ähnlich, wie vor einigen Jahren das große Lutherjubiläum "500 Jahre Reformation" gefeiert wurde, gibt es in diesem Jahr eine Initiative, die "1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" feiert und bis in die Oberlausitz reicht. Auch hier – wie in vielen anderen Landstrichen – laden zahlreiche Veranstaltungen dazu ein, jüdische Kultur zu erleben.

Der Kölner Verein "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" beruft sich für das "Festjahr 2021" auf ein Gesetz des römischen Kaisers Konstantin aus dem Jahre 321, das Juden erlaubte, städtische Ämter in der Verwaltung Kölns zu bekleiden und somit ein Zeugnis dafür ist, dass Juden damals Teil der europäischen Kultur waren.

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Alte Kultur in jüngeren Städten?

Nun wird Görlitz in diesem Jahr zwar erst 950 Jahre alt und die ursprüngliche Besiedelung war slawisch, Löbau, Zittau und Luban sind etwas jünger. Dennoch hat sich der in Strahwalde bei Herrnhut ansässige "Kommen und Gehen"-Verein, der seit 2017 das Sechsstädtefestival organisiert, der Initiative angeschlossen und in Kooperation mit verschiedenen Partnern ein Programm aus Konzerten, Workshops, musikalischen Spaziergängen, Vorträgen, Lichtinstallationen und vielem mehr unter dem Motto "Oberlausitzer Perspektiven. 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" zusammengestellt. Vom 1. August bis zum 21. November sind zwischen Görlitz, Löbau und Zittau insgesamt 27 Veranstaltungen zu erleben.

Hans Narva, Vorsitzender des "Kommen und Gehen"-Vereins und künstlerischer Leiter der "Oberlausitzer Perspektiven. 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland".
Hans Narva, Vorsitzender des "Kommen und Gehen"-Vereins und künstlerischer Leiter der "Oberlausitzer Perspektiven. 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". © PR

"Man geht davon aus, dass in den frühen Städten der Oberlausitz auch schon Juden gelebt haben", sagt Hanna Viehöfer-Jürgens, Musikwissenschaftlerin und Projektleiterin der Oberlausitzer Perspektiven. "Denn sie waren wegen ihrer Rolle als Handelsleute unverzichtbar für den Aufbau solcher Siedlungen." Deshalb sei anzunehmen, dass ab dem 11. Jahrhundert Juden in der Oberlausitz lebten, aber schon vorher als Handelsreisende etwa von Dresden in Richtung Prag unterwegs waren.

Nach jahrhundertelanger Verfolgung und Vertreibung durften sich Juden erst im 19. Jahrhundert wieder in der Oberlausitz niederlassen und hier arbeiten. In Görlitz etwa wurde die jüdische Gemeinde 1847 gegründet, die zwei Synagogen erbauen ließ und einen Friedhof anlegte. In Zittau gab es eine "Israelitische Kultusgemeinde" ab 1880, die bald einen Friedhof und nach einer Betstube auch eine Synagoge errichtete.

Konzerte zwischen Görlitz, Zittau und Löbau

Zu den Orten, wo ab August jüdische Künstler, die jüdische Kultur sichtbar machen, auftreten, gehören in Görlitz die beiden ehemaligen Synagogen, in Zittau der Klosterhof, die Johanneskirche und das Theater, in Löbau die Klaviermanufaktur August Förster und die Kultur.Werkstatt B 26 sowie zahlreiche Kulturorte in kleineren Gemeinden wie das Kunstbauerkino in Herrnhut, die Villa Hänsch in Großschönau, das Seifhennersdorfer Gymnasium, Schloss Gröditz bei Weißenberg oder das Granitabbaumuseum in Königshain. Im Museum und in der Musikschule von Luban findet etwas statt wie auch in der Wissenschaftlichen Bibliothek in Liberec.

Lichtinstallation von Claudia Reh, wie beim Festival "Oberlausitzer Perspektiven. 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" mehrere zu sehen sein werden.
Lichtinstallation von Claudia Reh, wie beim Festival "Oberlausitzer Perspektiven. 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" mehrere zu sehen sein werden. © PR

Zu den international renommierten Künstlern, die in die Oberlausitz kommen, gehören der russisch-jüdische Pianist Jascha Nemtsov, die israelische Geigerin Ana Agre oder der russische Pianist Alexander Kleonov. Mehrere Kammermusikensembles treten auf, die Werke jüdischer Komponisten interpretieren oder auch von Komponisten wie Dmitri Schostakowitsch, die sich von jüdischer Folklore inspirieren ließen. Musik und Poesie jüdischer Dichter kommen zu Gehör, und es gibt Synagogalmusik, zu der man in Workshops zum Mitsingen einen ganz persönlichen Zugang finden kann.

Eröffnet werden die Oberlausitzer Perspektiven am 1. August im Zittauer Klosterhof von der Görlitzer Klezmerband Sheyne Khaloymes mit dem Stück "... vern mir a foygl" mit jiddischen Liedern und Tänzen, das auch schon beim Viathea 2018 im Görlitzer Rathausinnenhof aufgeführt wurde. Den Abschluss am 21. November bildet ein Abend im Zittauer Theater mit einer musikalischen Lesung und Musik von Leonard Cohen.

Die Görlitzer Klezmerband "Sheyne Khaloymes" führt am 1. August im Zittauer Klosterhof das Stück "... vern mir a foygl" auf.
Die Görlitzer Klezmerband "Sheyne Khaloymes" führt am 1. August im Zittauer Klosterhof das Stück "... vern mir a foygl" auf. © PR

Eintrittspreise sollen keine Hürde sein

Ein Großteil der Veranstaltungen kostet keinen oder wenig Eintritt, weil die Initiative "1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" vom Bundesinnenministerium gefördert wird. "Unabhängig davon ist es uns aber auch wichtig, dass wir möglichst viele Menschen erreichen, die sich nicht als Spezialpublikum verstehen", sagt Hans Narva vom Verein Kommen und Gehen und künstlerischer Leiter der Oberlausitzer Perspektiven. "Uns ist wichtig, dass die Menschen mehr über die jüdische Kultur erfahren. Dafür sollten hohe Eintrittspreise keine Hürde sein."

"Kommen und Gehen" war der erste, ist aber nicht der einzige Verein, der im Rahmen der "1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" etwas in der Oberlausitz veranstaltet. Der Großschönauer Verein "Patrons of the Arts and Sciences" etwa ist Veranstalter des Konzerts mit Ana Agre und Alexander Kleonov am 6. August im Kulturforum Görlitzer Synagoge und einen Tag später in Großschönau, das Programm der "Oberlausitzer Perspektiven" verweist darauf. Am 29. Januar 2022, also zwei Monate nach dem Festival, gibt die Neue Lausitzer Philharmonie ein Sonderkonzert mit dem israelischen Mandolinisten Avi Avital im Kulturforum Synagoge, ebenfalls unter dem 1.700-Jahre-Motto.

Das vollständige Programm findet sich auf https://oberlausitzerperspektiven.org/veranstaltung. Hier findet man auch Infos zu den Tickets, buchbar ebenfalls unter https://pretix.eu/kug/olp2021/.

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