merken
PLUS Görlitz

Jugend in der Krise

Jugendliche schlagen in Görlitz immer wieder über die Stränge. Ihre Last im Lockdown ist aber auch groß, zeigen Befragungen.

Eine Pause vom Lockdown bot der Sommer. Wenn auch eingeschränkt waren Treffen wie beim Fokus-Festival möglich. Anders jetzt zu Ostern.
Eine Pause vom Lockdown bot der Sommer. Wenn auch eingeschränkt waren Treffen wie beim Fokus-Festival möglich. Anders jetzt zu Ostern. © Nikolai Schmidt

Jetzt sind erst mal Ferien. Für manche eine Erleichterung ob der Corona-Infektionszahlen, die gerade an Kitas und Schulen steigen. Für die Jugendlichen bedeutet es aber auch, wieder deutlich weniger ihre Mitschüler und Freunde sehen zu können.

Übersättigt vom Digitalen

Wie schwer es ist, Jugendliche zu erreichen, merkt Christian Bräunling. Beim Esta-Verein Görlitz ist er zuständig für die offene und mobile Jugendarbeit. Zu vielen, die die Angebote sonst nutzen, hat er derzeit keinen Kontakt. Wie andere Jugendinitiativen macht auch der Esta-Verein verstärkt digitale Angebote wie Online-Spieleabende. „Aber wir erreichen damit viel weniger, als früher vor Ort.“ Dabei bieten digitale Angebote eigentlich mehr Menschen die Möglichkeit, teilzunehmen. Bräunling vermutet, dass viele aber langsam übersättigt sind. Insofern, dass etwa auch die Schule größtenteils online lief, teils noch läuft.

Anzeige
Vielfältige Ausbildungsmöglichkeiten
Vielfältige Ausbildungsmöglichkeiten

Die Managementgesellschaft Gesundheitszentrum des LK GR bietet eine Ausbildung mit hohen Übernahmechancen & attraktiven Perspektiven.

Auch bei Jugendlichen sei die Sehnsucht nach früheren Dingen groß: Zeit miteinander verbringen, Fußball spielen, „einfach die Basic-Sachen“, so Bräunling. Als der Esta-Verein kürzlich auf dem Parkplatz vorm Jugendhaus Wartburg Hotdogs verschenkte, „wurde das viel besser angenommen, als wir dachten.“ Selbst mit Abstandsregeln habe man gemerkt: Das Bedürfnis, sich einfach mal wieder zu sehen, zu reden, sei groß.

Zukunftsangst, Geldsorgen, psychische Belastung

Vor allem wünschen sich Jugendliche, mit ihren Sorgen gehört zu werden. Das geht aus zwei Befragungen der Universitäten Hildesheim und Frankfurt am Main hervor, die gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung ausgewertet wurden.

Demnach gaben 61 Prozent der befragten Jugendlichen an, sich teilweise oder dauerhaft einsam zu fühlen. 64 Prozent stimmten zum Teil oder voll zu, psychisch belastet zu sein. Viele plagen auch Zukunftsängste. Ein Drittel der Jugendlichen gab an, finanzielle Sorgen zu haben. Gerade bei ihnen kommen andere Sorgen wie Zukunftsängste und psychische Belastung noch stärker zum Tragen, zeigen die Befragungen. Viele Jugendliche wünschen sich auch, nicht nur als Schüler, Studenten oder Azubis wahrgenommen zu werden. Viel zu wenig werde, auch von der Politik, anerkannt, auf was auch sie verzichten müssen: Kontakte zu Freunden, Freizeitaktivitäten, Möglichkeiten zur Selbstentfaltung.

Keine verlorene, aber eine belastete Generation

Er habe großen Respekt vor den jungen Menschen derzeit, sagt Raj Kollmorgen, Professor für Soziologie an der Hochschule Zittau-Görlitz. „Da darf sich jeder, der älter ist, mal fragen, was er gemacht hätte in einer solchen Situation.“ Eine Situation, „in der die 14- bis 25-Jährigen einen jugendlichen Lebensstil, wie wir ihn kennen, praktisch nicht erfahren können.“

Dass es sich um eine verlorene Generation handelt, hält Raj Kollmorgen für zu weit hergeholt und überdramatisiert. Ein Jahr lang keine Clubs, keine Abifeiern, kaum Treffen, weniger vermittelter Lernstoff – das sei zwar eine enorme Belastung, aber keine Existenzbedrohung. „Für die Jugendlichen selbst wirkt es aber existenziell, was ihnen da verloren geht“, erklärt Kollmorgen. „Im Entwickeln und Ausprobieren eigener Bedürfnisse, Beziehungen und Lebensweisen werden sie erheblich eingeschränkt. Das lässt sich nicht kleinreden. Deshalb habe ich auch Verständnis, wenn Jugendliche mal über die Stränge schlagen.“

Balanceakt für die Polizei

Was aber auch immer für die Polizei die Frage aufwirft, wie sie damit umgeht. Eine Polizeimeldung vom Donnerstag: In der Südstadt waren vier 16- bis 20-Jährige aus unterschiedlichen Hausständen in einer Wohnung zusammengekommen, um lautstark zu feiern. „Die Beamten schickten die Gäste nach Hause und erstatteten entsprechende Anzeigen.“ Die Kommentare in den sozialen Netzwerken sind bei Meldungen wie diesen oft verärgert, teils hämisch.Ob sie in solchen Fällen gar Coronagegnern Wasser auf die Mühlen geben – „es geht darum, dass wir alle gesund bleiben wollen und Rücksicht aufeinander nehmen müssen“, sagt Kai Siebenäuger, Sprecher der Polizeidirektion Görlitz. Aufgabe der Polizei dabei sei, auf Einhaltung der Coronaschutzverordnung zu achten. „Wir können nicht manche Personen anders behandeln, um bestimmten Gruppierungen kein Öl ins Feuer zu gießen.“

Tatsächlich seien Einsätze, bei denen es um Verstöße Jugendlicher geht, oft schwierig. „Das sind junge Menschen, die wollen raus, wollen was erleben“, sagt Kai Siebenäuger. Was aber derzeit oft im Widerspruch zur Coronaschutzverordnung steht. „Stellen wir Verstöße fest, werden die grundsätzlich geahndet.“ Wie, das hänge am Einzelfall, „was nicht heißt, nur weil es Jugendliche sind, drücken wir die Augen zu. Aber auch wir sind Menschen, viele von uns haben Kinder und kennen die Situation.“

Generell gelte in der Polizeiarbeit, Verhältnismäßigkeit zu wahren. Zum einen: Um welchen Verstoß handelt es sich? Hat jemand auf dem Supermarktparkplatz nicht fix genug die Maske oben, "kann ich mir kaum vorstellen, dass ein Kollege sofort ein Ordnungswidrigkietenverfahren einleitet." Zum anderen: Ist von Vorsatz auszugehen? „Generell versuchen wir, zunächst mit den Leuten zu sprechen.“ Sind sie einsichtig oder nicht? „Wir akzeptieren es nach einem Jahr Pandemie zum Beispiel nicht mehr, wenn einer sagt, er habe die Maske vergessen.“

Als Privatperson habe er es schon erlebt, dass er beschimpft wurde fürs Maske tragen. „Und wir sehen auch als Polizisten, dass es Personengruppen, übrigens jedes Alters gibt, die gegen die Coronamaßnahmen sind.“ Ein Großteil aber, so Siebenäugers Eindruck, habe Verständnis.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Görlitz