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Musiker-Duo trotzt dem Corona-Blues

Die Görlitzer Julia Boegershausen und Björn Bewerich haben sich entschieden, als freie Künstler zu leben. Sie bereuen sie nichts.

Björn Bewerich und Julia Boegershausen im Literaturhaus Alte Synagoge.
Björn Bewerich und Julia Boegershausen im Literaturhaus Alte Synagoge. © Nikolai Schmidt

Jiddische Lieder, Chansons der 1920er Jahre, vertonte Gedichte von Erich Kästner – Julia Boegershausen und Björn Bewerich treten mittlerweile mit vier verschiedenen Programmen auf. Oder besser: würden damit auftreten, wenn sie dürften.

Das Görlitzer Künstlerduo hätte in diesem Jahr – teilweise als "Kapelle Bagatelle" zusammen mit dem Geigenbauer Albrecht Höppner an Helikon und Kontrabass – fast 40 Auftritte in Räumen wie dem Literaturhaus Alte Synagoge, der Alten Ofenfabrik in der Rothenburger Straße, dem Johannes-Wüsten-Saal des Städtischen Museums gehabt, aber auch außerhalb von Görlitz, etwa in Zittau, Dresden oder Naumburg. Doch wegen der Covid-19-Pandemie fiel ein Großteil aus oder wurde verschoben. 

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Filme helfen über die Coronazeit

"Aber statt den Kopf in den Sand zu stecken, haben wir die Zeit kreativ genutzt", sagt Julia Boegershausen. Das Programm "Unser Milljöh" haben sie und der Pianist Björn Bewerich in den vergangenen Monaten ganz neu einstudiert. Das ist ein Abend mit Liedern der Sängerin Claire Waldoff, die vor 100 Jahren mit Chansons im Berliner Dialekt berühmt wurde, im für Frauen noch verpönten Hosenanzug auftrat und zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Zentrum des lesbischen Berliner Nachtlebens war. 

"Ich interessiere mich schon lange für Claire Waldoff und bin froh, dass wir das Programm nun anbieten können", sagt Julia Boegershausen. Weil das Duo damit aber im November nicht auftreten kann, drehen die beiden in der Alten Synagoge gerade ein Film-Ton-Stück sowie Teaser zu allen vier Programmen, um "nach Corona" mehr Werbung außerhalb von Görlitz machen zu können als bisher.

Die Klezmerband Sheyne Khaloymes 2018 mit Julia Boegershausen als Sängerin.
Die Klezmerband Sheyne Khaloymes 2018 mit Julia Boegershausen als Sängerin. © PR

Wie viele andere Künstler hatten sich Björn Bewerich und Julia Boegershausen schon während des ersten Lockdowns im Frühjahr damit vertraut gemacht, Videos zu drehen und statt auf der Bühne online aufzutreten. Seit März sind mehrere Filme zu einzelnen Monaten aus ihrem Erich-Kästner-Programm "Die 13 Monate und andere Ungereimtheiten" entstanden. 

Mehr als Gesang und Klavier

Die Aufnahmen sind teilweise im Freien gedreht, auf Feldern, in Gärten, in den Gassen der Görlitzer Altstadt. Manche Filme sind kleine, selbst hergestellte Kunstwerke, die neben Kästners vertontem Text auch eine Geschichte in Bildern erzählen. "Wir waren überrascht und erfreut, wie gut diese Filme geklickt wurden und wie viel Hilfe wir daraufhin erfuhren", sagt Julia Boegershausen. Mit dem ersten Video vom Frühjahr war ein Spendenaufruf verbunden gewesen, auf den rund 30 Menschen reagierten und Summen zwischen 20 und 500 Euro spendeten. "Ohne diese Unterstützung hätten wir die Zeit nicht so gut überstanden." 

Auch bei den Liveauftritten sind die Programme des Duos oder des Trios "Kapelle Bagatelle" nicht nur Musik, sondern auch Theater. Denn Julia Boegershausen ist auch Theaterpädagogin. Bis 2014 hatte die Görlitzerin die Theaterpädagogische Werkstatt der Hillerschen Villa in Zittau stellvertretend geleitet, ab Mitte 2015 war sie leitende Sozialpädagogin im Erstaufnahmelager für Geflüchtete des DRK am Görlitzer Flugplatz. Nebenher betrieb sie von 2012 bis 2018 die Kulturkneipe Camillo in der Görlitzer Altstadt.

Befreiender Schritt in die Selbstständigkeit

Björn Bewerich, 1970 in Oranienburg geboren, ist ausgebildeter Kirchenmusiker, in Dresden studierte er Klavier und Posaune. Bis 2017 war er Mitarbeiter des Görlitzer Bestattungshauses Ullrich am Obermarkt, außerdem ist er seit Jahren Korrepetitor und Musikpädagoge an der Musikschule am Fischmarkt. 

"Obwohl wir ganz in der Nähe voneinander wohnten, kannten Julia und ich uns lange gar nicht", sagt er. Doch an einem Oktoberabend vor vier Jahren trat er mit seiner damaligen Künstlerpartnerin Bogna von Woedke im Camillo auf. Danach blieb er noch da, setzte sich ans Klavier, es wurde ein spontaner musikalischer Abend. 

Seit diesem Tag trafen sich Björn Bewerich und Julia Boegershausen öfter im Camillo, um Musik zu machen, zu proben, bald auch aufzutreten. Sie hatte schon immer gern gesungen, auch verschiedene Instrumente gelernt und konnte sich vorstellen, mit Gesang aufzutreten. 2017 kündigten beide ihre festen Jobs. "Bis dahin war gar nicht richtig Raum für kreative Arbeit", sagt Julia Boegershausen. "Erst unser Schritt in die Freiberuflichkeit machte das möglich, davon sind wir nach wie vor überzeugt." 

Jüdische Musik hat ein Görlitzer Publikum

2017 fragte sie der Görlitzer Posaunist und Gründer der Klezmerband "Sheyne Khaloymes" Stefan Dedek, ob sie die Sängerin der Band werden wolle. Das sagte Julia Boegershausen zu, fuhr zu einem Gesangsworkshop in die Ukraine und beschäftigte sich eingehend mit der jiddischen Sprache und Musik der osteuropäischen Juden. Ihre Liebe zu dieser schmerzlich-schönen Musik voller Witz und Leidenschaft hält bis heute an. Besonders das Programm "Fun Wey un Glück" spiegelt das wider. 

Genau vor zwei Jahren, am 9. November 2018, traten Julia Boegershausen und Björn Bewerich damit zum ersten Mal im Literaturhaus Alte Synagoge von Rainer Michel auf, das sie seitdem als Proben- und häufig als Auftrittsraum nutzen. Damals erfuhren sie, wie groß das Interesse des Görlitzer Publikums an Veranstaltungen zur jüdischen Kultur und Musik ist. "Seitdem war jedes unserer Konzerte zu diesem Thema ausverkauft", sagt Björn Bewerich. 

Auch in diesem Jahr wären sie als "Kapelle Bagatelle" am 9. November in der Alten Synagoge mit jiddischen Liedern aufgetreten. Als eines ihrer neun in diesem Monat ausgefallenen oder verschobenen Konzerte ist dieses in Auszügen online zu erleben.

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