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Kaisertrutz eröffnet große 950-Jahre-Schau

Ab Sonnabend kann man in der Ausstellung zum Jubiläum durch die Görlitzer Geschichte reisen. Und sogar ein Stück in die Zukunft schauen.

Jasper von Richthofen, Leiter des Kulturhistorischen Museums Görlitz, führte vor der Eröffnung schon einmal durch die Ausstellung "950 Jahre Zukunft".
Jasper von Richthofen, Leiter des Kulturhistorischen Museums Görlitz, führte vor der Eröffnung schon einmal durch die Ausstellung "950 Jahre Zukunft". © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Wie wird sich die Besitzerin eines Brauhofs gefühlt haben, der Opfer eines Stadtbrands wurde? Wie ging es Bartholomäus Scultetus, als immer mehr Einwohner seiner Stadt an der Pest starben? Und wie schaffte es der Pfarrer der Peterskirche Theodor Treu, seiner Gemeinde Trost zu spenden, als 1945 etliche Görlitzer ihr Heim auf der Ostseite der Stadt verloren, darunter auch er selbst?

Das Kulturhistorische Museum hat zahlreiche "Zeitzeugen" aus verschieden Epochen der Stadtgeschichte gefunden und sie aus ihrer Zeit erzählen lassen. Sänger des Gerhart-Hauptmann-Theaters wie Stefan Bley, Hans-Peter Struppe oder Carsten Arbel, aber auch freie Künstler wie Julia Boegershausen, Andreas Rüdiger oder Anne Swoboda und ein Görlitzer Abiturient schlüpften in die Rollen von Ratsherren, Geistlichen und Bürgern aus verschiedenen Jahrhunderten.

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Die neue Ausstellung im Görlitzer Kaisertrutz "950 Jahre Zukunft" präsentiert sich in Gelb.
Die neue Ausstellung im Görlitzer Kaisertrutz "950 Jahre Zukunft" präsentiert sich in Gelb. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Die großen Videobildschirme, von denen aus die "Zeitzeugen" sprechen, sind ein Hauptbestandteil der neuen Ausstellung "950 Jahre Zukunft", die ab Sonnabend im Görlitzer Kaisertrutz als einziger offizieller Beitrag der Stadt Görlitz zum großen Jubiläum zu sehen ist. In hellem Gelb führen Themeninseln über die wichtigsten epochemachenden Veränderungen durch die Görlitzer Geschichte: mit kurzen Texten, übersichtlich angeordneten Exponaten und runden Feldern mit Fakten.

Verbindungen zwischen gestern und heute

Diese Felder sind besonders aufschlussreich, weil sie den Blick weiten und Verbindungen aus der Vergangenheit bis ins Heute schaffen. Die Frage zum Beispiel, was ein "echter Görlitzer" ist, stellt sich, wenn man sieht, dass die ersten Görlitzer – lange vor der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1071 – Slawen waren. Dazu gesellten sich ab 1100 Franken und Thüringer, die von den Einwohnern mit Argwohn betrachtet wurden, weil sie anders sprachen als die Einheimischen.

Um 1300 kamen Brandenburger, mit dem 30-jährigen Krieg böhmische Glaubensflüchtlinge. Ab 1847 durften sich Juden wieder ansiedeln, 1860 zogen große Teile der schlesischen Landbevölkerung nach Görlitz. Die Vertreibung 1945, die EU-Osterweiterung ab 2002 und die Flüchtlingskrise 2015 brachten noch einmal große Migrationsbewegungen mit sich.

Von der ersten Pest bis zur Corona-Pandemie schafft die Ausstellung Verbindungen vom Gestern bis ins Heute.
Von der ersten Pest bis zur Corona-Pandemie schafft die Ausstellung Verbindungen vom Gestern bis ins Heute. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Oder die Geschichte der Seuchen. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts verlor Görlitz über 200 Jahre hinweg immer wieder Tausende Einwohner an die Pest, später an die Grippe oder den Typhus. Ein durchgehendes Element der Ausstellung sind alte Stadtpläne, auf denen genau markiert ist, wo zum Beispiel die Pest die meisten Opfer forderte oder in welchen Straßen die vier großen Stadtbrände zwischen 1525 und 1726 besonders wüteten.

Zeugen der Stadtbrände

Zu den bedeutenden Exponaten gehört die Urkunde von 1071, in der Görlitz zum ersten Mal erwähnt ist. Ein Faksimile davon wird zwar im Kaisertrutz dauerhaft gezeigt, aber für das Stadtjubiläum stellte das Sächsische Staatsarchiv das Original zur Verfügung. Interessant sind auch echte Zeugnisse der Stadtbrände, etwa ein angekohltes Stück des 1691 abgebrannten Dachstuhls der Peterskirche oder zwei Löscheimer, wie sie ab dem späten 18. Jahrhundert laut einer neuen Brandschutzordnung in jedem Haus vorhanden sein mussten.

Zwei Löscheimer aus dem 18. und ein angekohltes Stück Holz aus dem 17. Jahrhundert erinnern an die großen Görlitzer Stadtbrände und an die Maßnahmen, die man dagegen ergriff.
Zwei Löscheimer aus dem 18. und ein angekohltes Stück Holz aus dem 17. Jahrhundert erinnern an die großen Görlitzer Stadtbrände und an die Maßnahmen, die man dagegen ergriff. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Und so führt die Ausstellung weiter in die Gründerzeit ab etwa 1860, als die Industrialisierung für einen solchen Aufschwung sorgte, dass man die Stadt für 180.000 Einwohner plante. Als "Zeitzeuge" erzählt der Zittauer Schauspieler Marc Schützenhofer als Landvermesser von diesen Plänen. Über die Weltkriege, die Teilung der Stadt 1945, die Öffnung der Grenzen 1989 und bis zum Werden der Europastadt führt die Schau, bis man vor einer großen Tafel steht, die schwarz und weiß malt, Dystopie und Utopie.

Görlitzer können zur Zukunft ihrer Stadt diskutieren

Wird Görlitz in Zukunft immer weiter älter werden oder steigen die Mieten in den Großstädten so stark, dass viele junge Leute nach Görlitz ziehen und den Wert der Kleinstadt schätzen lernen? Müssen wir uns auf eine Blechlawine vorbereiten oder wird Görlitz eine grüne Stadt mit einem CO2-freien Verkehrskonzept? Hat der Einzelhandel in belebten Straßen eine Chance, weil das Bewusstsein für regionale Produkte wächst, oder müssen wir uns auf eine tote Innenstadt ohne Kaufhaus einstellen?

Zu all diesen Fragen fordert das Museum zum Mitdiskutieren auf. Besucher können ihre Meinungen und Hoffnungen kundtun und äußern, zu welchen Themen sie ins Gespräch kommen möchten. Entsprechende Veranstaltungen soll es in den kommenden Monaten geben. Bis Anfang Januar ist "950 Jahre Zukunft" im Kaisertrutz zu sehen.

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