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Rechtsextreme bedrohen Görlitzer Impfarzt

Wochenlang impfte er im Löbauer Impfzentrum, jetzt wird er als "Arzt des Todes" betitelt. Der Mann ist Kinder- und Impfarzt. Einschüchtern lässt er sich nicht.

Ohne die Unkenntlichmachungen erschien dieser Beitrag bei den "Freien Sachsen - Ostsachsen". Inzwischen ist der Beitrag dort gelöscht.
Ohne die Unkenntlichmachungen erschien dieser Beitrag bei den "Freien Sachsen - Ostsachsen". Inzwischen ist der Beitrag dort gelöscht. ©  Screenshot Twitter

Am Donnerstagmorgen hatte Hans-Christian Gottschalk eine E-Mail von der Landesärztekammer im Postfach. Die Ärztliche Geschäftsführerin hatte ihm ein Bild geschickt, einen Screenshot aus dem sozialen Netzwerk Twitter. Darauf zu sehen ist der Görlitzer Kinderarzt Dr. Gottschalk, darunter ein beleidigender Text, der überschrieben ist mit "Der Arzt des Todes".

Das Gesicht ist zwar unkenntlich gemacht, der Name geschwärzt, die Landesärztekammer kann sich offenbar trotzdem denken, um wen es geht und fragt bei Gottschalk nach. "Und sie hat mir Unterstützung angeboten", erzählt er.

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Hans-Christian Gottschalk ist viele Jahre Leiter der Görlitzer Kinderklinik gewesen. Nun wurden Corona-Leugner auf ihn aufmerksam.
Hans-Christian Gottschalk ist viele Jahre Leiter der Görlitzer Kinderklinik gewesen. Nun wurden Corona-Leugner auf ihn aufmerksam. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Den Screenshot hatte ein Twitter-Nutzer aufgenommen, er hat auch das Gesicht des Arztes und den Namen im beistehenden Text unkenntlich gemacht. Zum Schutz des Arztes, wie der Twitter-Nutzer der SZ mitteilt. Aber auf sich beruhen lassen wollte er die Sache offenbar nicht.

Bedrohung und Aufforderung zu Straftaten

Im Original war der Beitrag nicht bei Twitter erschienen, sondern im Messenger-Dienst Telegram, auf dem Kanal "Freie Sachsen - Ostsachsen." Dort war Gottschalk kenntlich, ebenso sein Name. Unter der Überschrift "Der Arzt des Todes" heißt es weiter, seinen Doktor-Titel habe Gottschalk nicht verdient. Beschrieben wird er als "Kinderarzt am Klinikum Görlitz, Mitglied der Siko und einer der schlimmsten dieser Zeit." Vorgehalten wird ihm vom Ersteller des Telegram-Beitrages, dass er kürzlich Jugendliche ab 12 Jahren am Görlitzer Berufsschulzentrum (BSZ) impfte. "Einfach nur widerlich, und auch er wird seine gerechte Strafe bekommen", heißt es weiter.

Beitrag inzwischen gelöscht

Hans Christian Gottschalk war viele Jahre lang Leiter der Görlitzer Kinderklinik. Inzwischen ist er im Ruhestand, bietet aber noch eine Spezialsprechstunde an. Er ist seit mehreren Jahren Mitglied in der Sächsischen Impfkommission (Siko) und seit Jahresbeginn Impfarzt am Impfzentrum Löbau.

Der Telegram-Kanal "Freie Sachsen - Ostsachsen" wurde erst am 24. September erstellt und hat 682 Abonnenten. Die "Freien Sachsen" insgesamt gibt es schon länger. Es handelt sich um eine Partei, die sich im Februar dieses Jahres gegründet hat und vom Verfassungsschutz seit Juni als rechtsextremistisch einstuft wird. Der Telegram-Beitrag ist inzwischen vom Kanal der "Freien Sachsen - Ostsachsen" verschwunden.

Mulmiges Gefühl bleibt

"Ich bin entsetzt, dass manche Menschen im Moment Freiheit mit Grenzenlosigkeit gleichsetzen", sagt Gottschalk. "Indem sie sich das Recht auf diese Grenzenlosigkeit, die Grenzüberschreitung nehmen, zerstören sie stückweise die Grundlage der Demokratie." Betroffen habe es ihn gemacht, als er am Morgen die E-Mail mit dem Twitter-Screenshot sah. "Es wird mich nicht einschüchtern", sagt Gottschalk. "Aber es war das erste Mal, dass meine Kinder, die eigentlich sehr stolz sind auf das, was ich mache, doch Angst bekommen haben." Vor allem der Satz "und auch er wird seine gerechte Strafe bekommen" treibt auch Gottschalk um.

"Ich denke, wir haben alle die Bilder von Idar-Oberstein vor Augen, als ein junger Mann erschossen wurde, weil er jemanden auf die Maske hinwies." Und Gottschalk wundert sich. "Es ist einfach kurios. Wir leben in einem Land, das so wohlhabend ist, dass es allen die Impfung kostenlos anbieten kann. Und gleichzeitig ist das nur noch mit Polizeischutz möglich." Nach dem gescheiterten Brandanschlag auf ein Impfzentrum im Vogtland und auch dem Vorfall mit einem bekannten Zittauer Impfgegner im BSZ Zittau vor zwei Wochen ist bei den Impfaktionen für Schüler auch die Polizei dabei. "Wir wollen die Menschen schützen und müssen beschützt werden, es ist kurios."

Auch als Hans-Christian Gottschalk vor anderthalb Wochen Jugendliche im Görlitzer BSZ impfte, war die Polizei vor Ort. Und ein Grüppchen Corona-Maßnahme-Gegner. Die sich diesmal darauf beschränkten, Kreide-Botschaften auf den Boden vor das Berufsschulzentrum zu schreiben. Schüler, auf dem Weg in die Schule sprachen sie an. Hans Christian Gottschalk riefen sie nach, er gehöre vor ein Kriegsgericht. "Die Leute, die da standen, sagten, sie wüssten, wer ich bin und man werde mich schon finden."

Solidarität mit Impfarzt

Eine gute Sache aber hat die ganze Geschichte: Seitdem der Görlitzer den Telegram-Beitrag bei Twitter veröffentlichte, hat eine Welle der Solidarität Gottschalk erreicht. Vermutlich bei Twitter hat nicht nur die Landesärztekammer den Beitrag entdeckt, "es haben viele mitbekommen", erzählt Gottschalk. Andere Ärzte aus ganz Sachsen sprachen ihn darauf an, ebenso der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu. Unter dem Twitter-Beitrag ist eine Diskussion entstanden, wie man mit solchen Dingen umgehen solle, auch die Fraktionschefin der Grünen im Sächsischen Landtag, Franziska Schubert, meldet sich zu Wort, lobt Gottschalks Verdienste. "Das ist eine Schande, was da behauptet wird, und meines Erachtens justiziabel."

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Anzeige hat Gottschalk bereits erstattet. Was er jetzt macht? "Weiter", sagt Gottschalk. Das Löbauer Impfzentrum ist seit Donnerstag Geschichte, aber er will sich weiter bei den mobilen Impfterminen im Landkreis engagieren. "Und ich werde mich dafür einsetzen, dass am Klinikum Görlitz eine Impfstation etabliert wird." Ein Vorschlag von Sozialministerin Petra Köpping, dass in größeren Städten nach dem Wegfall der Impfzentren vielleicht an den Kliniken feste Anlaufstellen eingerichtet werden könnten.

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