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Geheimnis der Turmkugel vorerst bewahrt

Die Turmkugel von der Stiftskirche St. Wenzeslaus bei Görlitz ist am Freitag abgenommen worden. Was die beiden Kapseln beinhalten, bleibt noch geheim.

Ein Mitarbeiter einer Görlitzer Dachdeckerei beginnt mit der Demontage der Turmkugel auf dem Kirchturm in Jauernick-Buschbach.
Ein Mitarbeiter einer Görlitzer Dachdeckerei beginnt mit der Demontage der Turmkugel auf dem Kirchturm in Jauernick-Buschbach. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Wolfgang Mauermann lässt es sich nicht nehmen, bei diesem Termin dabei zu sein. Am Freitag wurde die goldene Turmkugel von der katholischen Stiftskirche St. Wenzeslaus in Jauernick-Buschbach heruntergeholt. Der Kirchturm muss dringend saniert werden. Er wird zurückgebaut und neu aufgebaut.

Ein metallenes Gerüst umfasst den Kirchturm. Die Dachdecker, die die Kugel nach einem Gebet von Pfarrer Roland Elsner herunterholen, steigen, vom 12-Uhr-Geläut der nahen evangelischen Bergkapelle begleitet, die zahlreichen Stufen bis zur Turmspitze hinauf. Dann entfernen sie zunächst den Wetterhahn, anschließend die Kugel. Die Hälfte des Weges nach unten legen Wetterhahn, Kugel sowie eine Blech- und eine Kupferkapsel aus der Kugel mit einem Förderkorb zurück.

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Unten angekommen ist das Staunen groß: Die Turmkugel ist nicht rund, sondern eher oval. Das 1964 angebrachte Blattgold ist teilweise abgeblättert, auch am Wetterhahn. Von der wahren Größe der Kugel können sich die meisten erst jetzt ein Bild machen.

Wolfgang Mauermann erlebte bereits die zweite Abnahme der Kugel vom Kirchturm. 1964 war er auch dabei, als die Kapseln mit den Zeitdokumenten geöffnet wurden.
Wolfgang Mauermann erlebte bereits die zweite Abnahme der Kugel vom Kirchturm. 1964 war er auch dabei, als die Kapseln mit den Zeitdokumenten geöffnet wurden. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Die goldene Turmkugel zeigt die Heimat an

Wolfgang Mauermann nicht, er kennt die Kugel schon. Der 73-jährige Elektro-Ingenieur im Ruhestand lebt seit etwa 20 Jahren in dem Bergdorf. Seither denkt er manchmal an jene Tage im Sommer 1964 zurück, als er während der Ferienarbeit bei Dacharbeiten an der Kirche half.

Die goldene Turmkugel selbst erinnert ihn. Sie ist aus der Ferne aus jeder Richtung zu sehen. Detlef Kahlert, ein Jauernicker, dazu: "Wenn du in der Ferne warst und bei der Rückkehr die goldene Kugel auf der Turmspitze siehst, weißt du, du bis gleich zu Hause", sagt er.

Wolfgang Mauermann erinnert sich an seine Ferienarbeit: "Ich habe die Dachsteine geputzt, denn damals wurde aus der Not heraus alles, was noch zu verwenden war, wieder genutzt. Blau leuchteten damals die Dachsteine."

Mauermann war dabei, als das Behältnis aus der Turmkugel geöffnet wurde. "Es waren Dokumente enthalten. Das älteste Schriftstück stammte aus dem Jahr 1663. Was genau darin beschrieben ist, weiß ich leider nicht mehr." Aber an Schriftstücke, die zum Beginn des 20. Jahrhunderts von Bauleuten hinterlassen wurden, erinnert er sich. Auch an Münzen und Zeitungen. Und an zwei Einschusslöcher in der Kugel. Wer sie wann als Zielobjekt betrachtet und geschossen hat, das weiß heute niemand mehr.

Auch keiner von den älteren Menschen, die am Freitag an der Kirche waren und seit Jahrzehnten eng mit der katholischen Kirche im Bergdorf verbunden sind, nicht nur wegen ihrer Konfession. Wolfgang Ulbricht zum Beispiel. Er ist 82 Jahre alt. Sein Vater hatte einen Baubetrieb, in dem der Sohn 1964 selbst mitarbeitete, auch am Kirchturm. Deswegen sei es für ihn heute eine Herzensangelegenheit, bei der Kugelabnahme dabei zu sein. "Ich freue mich, dass die Arbeiten endlich losgehen", sagt er. Pfarrer Elsner ist ebenfalls froh, aber ihn plagen auch Sorgen: Der Förderbescheid für die Turmsanierung ist noch nicht da. Das bislang eingeworbene Spendengeld allein reicht nicht.

Weithin leuchtet die vergoldete Turmkugel. Aus jeder Richtung ist sie zu sehen - vorerst aber nicht. Sie wurde wegen der Turmreparatur abgenommen.
Weithin leuchtet die vergoldete Turmkugel. Aus jeder Richtung ist sie zu sehen - vorerst aber nicht. Sie wurde wegen der Turmreparatur abgenommen. © Paul Glaser/glaserfotografie.de
Mitarbeiter der Dachdeckerei lassen die Turmkugel vom Kirchturm herunter. Die halbe Strecke absolviert sie am Seil, den Rest in einem Förderkorb.
Mitarbeiter der Dachdeckerei lassen die Turmkugel vom Kirchturm herunter. Die halbe Strecke absolviert sie am Seil, den Rest in einem Förderkorb. © Paul Glaser/glaserfotografie.de
Die demontierte Turmkugel und der Wetterhahn kommen am Boden an.
Die demontierte Turmkugel und der Wetterhahn kommen am Boden an. © Paul Glaser/glaserfotografie.de
Turmkugel, Wetterhahn und zwei Kapseln - eine aus Blech, eine aus Kupfer.
Turmkugel, Wetterhahn und zwei Kapseln - eine aus Blech, eine aus Kupfer. © Paul Glaser/glaserfotografie.de
Pfarrer Roland Elsner hält die Kapseln und Mitarbeiter der Dachdeckerei die Turmkugel und den Wetterhahn.
Pfarrer Roland Elsner hält die Kapseln und Mitarbeiter der Dachdeckerei die Turmkugel und den Wetterhahn. © Paul Glaser/glaserfotografie.de
Eine der geborgenen Zeitkapseln aus der Turmkugel. Ihr Geheimnis im Inneren wird erst später gelüftet.
Eine der geborgenen Zeitkapseln aus der Turmkugel. Ihr Geheimnis im Inneren wird erst später gelüftet. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Turmkugel wird ausgestellt, das Geheimnis später gelüftet

Zu gern hätten Wolfgang Mauermann, Detlef Kahlert, Wolfgang Ulbricht, der Pfarrer und die anderen Neugierigen gewusst, welche Geheimnisse die Turmkugel heute birgt. Auch, was die kupferne Kapsel enthält, die in den 1990ern vom Görlitzer Kupferschmied Klaus Zosel hinterlassen wurde, als er den Wetterhahn reparierte. Ein Sturm hatte dem Hahn einen Flügel abgerissen.

Doch sie alle müssen sich gedulden. Der Pfarrer informiert, dass Turmkugel, Wetterhahn und die beiden Kapseln zunächst in der Pfarrkirche Heiliger Wenzel in der Görlitzer Struvestraße ausgestellt werden, gleich neben einer Spendenbüchse. Denn die Kirchgemeinde braucht noch kräftige, finanzielle Unterstützung, damit sie zu Weihnachten wieder Gottesdienst in der Stiftskirche feiern kann - unter dem erneuerten Turm.

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