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Kleine Zeitung hatte großes Format

Vor 60 Jahren erschien die erste Ausgabe des „Landskronechos“ in Görlitz. Das Blatt war parteilich und doch damals ziemlich offen.

Das wöchentliche „Landskronecho“ begann mit einem großen Format (rot), während die kleinere Ausgabe (hier blau) später wesentlich mehr Seiten aufwies. Die Farben wechselten übrigens Woche für Woche.
Das wöchentliche „Landskronecho“ begann mit einem großen Format (rot), während die kleinere Ausgabe (hier blau) später wesentlich mehr Seiten aufwies. Die Farben wechselten übrigens Woche für Woche. © Ralph Schermann

Der kleine Witz fehlte nie. Meist war er von dieser Güte: „Ober, sind Sie sicher, dass der Fisch frisch ist?“ „Keine Ahnung, ich arbeite erst seit einer Woche hier.“

„Landskronecho“ hieß die Heimatzeitung, die am 25. August 1961 erstmals erschien und wöchentlich für 15 Pfennige zu haben war. Das Blättchen hatte eine Vorgeschichte: Zum 10. Jahrestag der DDR 1959 hatte die SED beschlossen, „zur Lösung bürgernaher Probleme“ Zeitungen auf Kreisebene herauszugeben. Rund um Görlitz erschienen daraufhin Titel wie „Das genossenschaftliche Dorf“. Herausgeber war zunächst die Nationale Front. 1961 erfolgte eine Zusammenlegung kleinerer Titel, woraus das „Landskronecho“ entstand.

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Es wurden aber nicht nur in Görlitz Leser unruhig, wenn am Donnerstag die Postbotin nicht das „Heimatblättel“ dabei hatte. Nebenbei: In der DDR wurden alle Abo-Zeitungen ausschließlich von der Deutschen Post zugestellt. Dabei waren die kleinen Wochenblätter trotz politisch eindeutiger Ausrichtung beliebt und wurden gern als Zugabe zur SZ abonniert. Wie in der gesamten DDR versuchten alle Kreiszeitungen ab 1961 mit dem zu punkten, was das SED-Bezirksorgan mit seinem beschränkten Platz fürs Lokale nicht leisten konnte: Reportagen, Hintergrundgeschichten, aber auch Humor und allerlei Unterhaltung bis hin zu Darstellungen spärlich bekleideter junger Damen. Im „Landskronecho“ profilierte sich Horst Engmann, ein Hobbyzeichner, von dem das Blatt insgesamt 282 Karikaturen sowie 60 bei Kindern beliebte Suchbilder druckte. Darüber hinaus erfand er die Figuren Karlchen, Kuno Klein und die Stadtwappentiere, mit denen er 72 Bildstreifen schuf. Damit galt er als Hauszeichner und einer der Frühen des Comics.

Unter anderem wegen Papierknappheit eingestellt

Das Görlitzer „Landskronecho“ startete vor 60 Jahren mit vier, später sechs Seiten im großen Format von 46 x 30 cm, das Ende erlebte das Blatt dann mit zwölf Seiten auf kleineren 36 x 24 cm. Denn 1965/66 wurden die Kreiszeitungen wieder eingestellt, nur wenige hielten sich länger (Görlitz bis 1967, Eichsfeld bis 1971). Grund war zum einen die Papierknappheit, zum anderen das Nichterreichen des Ziels, möglichst in jedem Haushalt abonniert zu sein. Das ging auch weiteren lokalen Blättern so. Zum Beispiel bestand die ausgezeichnet gestaltete Monatsschrift „Görlitzer Kulturspiegel“ nur in den 50er/60er Jahren.

Dennoch war das „Echo“ bei seinen Lesern beliebt, weil tatsächlich auch kritische Themen angefasst wurden. Zwar gab ein Rundbrief aus dem Berliner ZK der Redaktion auf der Görlitzer Luisenstraße 8 regelmäßig „Anleitungen“, doch man blieb erstaunlich offen, wie allein diese Schlagzeilen aus der Anfangszeit andeuten: „Görlitz muss schöner werden – Wohnungsbestand erhalten!“ oder „Einer Schlamperei im VEB Kohlehandel auf der Spur“.

Das Görlitzer „Landskronecho“ erschien exakt vom 28. August 1961 bis zum 29. März 1967. Die ersten Nummern widmeten sich kommunalpolitisch der bevorstehenden Stadtverordnetenwahl, rezensierten im Kulturteil das Lustspiel „Ein Glas Wasser“ (Moliere) mit Jessy Rameik am Gerhart-Hauptmann-Theater und informierten darüber, dass der Sender Dresden von Radio DDR eine 60-Minuten-Zusammenfassung der „Görlitzer Festwoche 1961“ bringen wollte. Genannt wurde auch der zuständige Reporter: Hans-Joachim Wolfram, später bekannt geworden mit der Fernsehsendung „Außenseiter – Spitzenreiter“.

Die kleine Redaktion ging zudem mit öffentlichen Veranstaltungen auf ihre Leser zu. So bildete 1962 die bunte Schau „Das klingende Landskronecho“ den Auftakt für mehrere Abende im Kulturhaus Hagenwerder, gemeinsam organisiert mit dem dortigen Betriebsfunk. In der Stadt Görlitz gestalteten die Zeitungsredakteure bunte Programme unter dem Titel „Lesen – Dabeigewesen“. Später griffen große Pressefeste der Sächsischen Zeitung auch solche Traditionen mit auf.

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