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Kleiner Esel wurde zum Schatz in der Görlitzer Langenstraße

Die Schwestern Friedtraud und Eleonore Adam hüten ein "Steiff"-Tier seit über 80 Jahren. In ihrer Kindheit war es ein Weihnachtsgeschenk.

Von Ines Eifler
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Friedtraud und Eleonore Adam sind in der Görlitzer Langenstraße als Töchter eines Diakons aufgewachsen. Ihr "Steiff"-Esel begleitet sie bis heute.
Friedtraud und Eleonore Adam sind in der Görlitzer Langenstraße als Töchter eines Diakons aufgewachsen. Ihr "Steiff"-Esel begleitet sie bis heute. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Mit ihrem Esel auf Rädern haben die beiden Adam-Schwestern früher die Langenstraße unsicher gemacht.

"Was sind wir mit ihm herumgezogen!", sagt Friedtraud Adam, die Ältere der beiden, Jahrgang 1937. "Im Garten, auf der Straße, oft waren wir draußen mit dem Esel unterwegs und haben ihn 'ih-ah' schreien lassen, das funktioniert bis heute."

Eine der ersten Hummel-Krippen

Sie bekam dieses robuste Spielzeug der Firma Steiff im Alter von zwei Jahren von ihren Eltern zu Weihnachten geschenkt. "Seitdem hat es uns immer begleitet, hat jeden Umzug mitgemacht." Genau wie die kleine Weihnachtskrippe nach Zeichnungen der Franziskanerschwester Maria Innocentia Hummel. "Die hat unser Vater unserer Mutter geschenkt, vielleicht sogar schon 1936, in dem Jahr, als sie geheiratet haben."

Der Steiff-Esel und die frühe Hummel-Krippe der beiden Schwestern gehören zu den "Weihnachtsschätzen", von denen Sächsische.de und SZ in diesen Tagen berichtet.

Früher Internat, seit 1947 Kirchenmusikschule, heute CVJM-Herberge "Peregrinus" – in der Görlitzer Langenstraße 37 wuchsen die Schwestern Friedtraud und Eleonore Adam als Töchter eines Diakons auf.
Früher Internat, seit 1947 Kirchenmusikschule, heute CVJM-Herberge "Peregrinus" – in der Görlitzer Langenstraße 37 wuchsen die Schwestern Friedtraud und Eleonore Adam als Töchter eines Diakons auf. © Christian Suhrbier/Archiv

Friedtraud und Eleonore Adam sind die Töchter des Diakons Hermann Adam, der vor dem Zweiten Weltkrieg das Internat und Lehrlingswohnheim in der Langenstraße 37 leitete, jenem Gebäude, das heute der Christliche Verein junger Menschen (CVJM) unter dem Namen "Peregrinus" wieder als Herberge nutzt.

Esel "überlebte" in geplünderter Wohnung

Damals lebten die Eheleute Adam als "Herbergseltern" dort in einer Dienstwohnung, versorgten die Jugendlichen, verwalteten das Gebäude, kümmerten sich um den Haushalt, den Garten, die "alkoholfreie Gastwirtschaft" im Erdgeschoss und was alles noch dazugehörte. "Früher wurden sogar Tiere im großen Garten hinter dem Haus gehalten", erinnert sich Eleonore Adam, die 1942 geboren wurde, "Schweine, Hühner, Schafe und Gänse, aber es gab Personal dafür, und auch die Jugendlichen mussten mithelfen."

Hermann Adam fiel acht Wochen nach der Geburt seiner jüngeren Tochter an der Front. Seine Witwe verwaltete nach seinem Tod das Internat weiter. Im Februar 1945, als die Rote Armee nahte und Görlitz evakuiert wurde, floh auch sie mit ihren beiden Töchtern, inzwischen acht und drei Jahre alt, aus der Stadt. Von Zittau aus sahen sie Dresden brennen, in Eger erlebten sie die Bombardements der Amerikaner, dann schafften sie es bis in die Oberpfalz zu Verwandten.

Erst 1946, viel später als andere, kehrte die kleine Familie nach Görlitz zurück. Inzwischen war im Garten eine Bombe eingeschlagen, die Wohnung war verwüstet, die Schränke aufgebrochen und geplündert. "Die Russen hatten wohl nichts Interessantes gefunden", sagt Friedtraud Adam, "den größeren Schaden hatten die Deutschen angerichtet, so erzählte man uns." Der "Steiff"-Esel aber und auch die kleine Hummel-Krippe waren noch da. Damals ahnte noch keiner, welchen Wert diese Dinge später haben würden.

Tür an Tür mit dem späteren Bischof Fränkel

Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Kirchenmusikschule in einen Teil der Langenstraße 37 ein, die 1946 zusammen mit der schlesischen evangelischen Kirche aus Breslau ausgewiesen worden war, aber als religiöse Einrichtung in der Musikschule am Fischmarkt nicht integriert werden konnte. So waren die Schwestern von klein auf mit Kirchenmusik vertraut und bekamen mit, wie schwer es die evangelische Kirche Schlesiens in der DDR hatte. "Wir lebten ja ab 1950 mit Oberkonsistorialrat Fränkel Tür an Tür", erzählt Friedtraud Adam, "der wurde permanent von der Stasi überwacht, das Haus wurde belagert."

Für Eleonore Adam wirkten sich die Schikanen des Staates gegenüber Christen so weit aus, dass sie ihr Abitur an der Erweiterten Oberschule abbrach und eine Lehre als Kirchenmusikerin und Gemeindepädagogin in Halle begann. Danach begleitete sie jahrzehntelang Gottesdienste an der Orgel und gestaltete Kindergottesdienste, davon 23 Jahre in Schönau und Berzdorf. "Ich habe den letzten Gottesdienst gespielt, bevor Berzdorf dem Kohletagebau zum Opfer fiel", erzählt die heute 79-Jährige. Später arbeitete sie in Sohland am Rotstein, wo sie Kirchentage, Jugendfreizeiten und andere Veranstaltungen mitorganisierte.

Ihre ältere Schwester wurde Krankenschwester. 25 Jahre arbeitete sie am Landambulatorium in Rothenburg, für das sie die pflegerische Leitung übernahm. Zuletzt war sie bis 1997 leitende Schwester der Ambulanz des Carolus-Krankenhauses.

Fester Platz für kleinen Esel

Es gab nur wenige Zeiten im Leben der Adam-Schwestern, in denen sie nicht zusammenlebten. Selbst an ihren Arbeitsorten wohnten sie höchstens an Wochentagen, Görlitz blieb immer Mittelpunkt. Bis 1971, als ihre Mutter in den Ruhestand ging, lebten sie in der Wohnung ihrer Kindheit, Langenstraße 37. Danach wohnten sie jeweils über 20 Jahre lang in der Schiller- und später in der Struvestraße. 2019 zogen sie in die seniorengerechte Wohnanlage G22 im Görlitzer Windmühlenweg, vor allem wegen der Aussicht ins Freie.

Obwohl Friedtraud und Eleonore Adam hierhin nur das Wichtigste mitgenommen haben – der kleine Esel hat auch hier wieder einen festen Platz in ihrem Wohnzimmer. Die Hummel-Krippe ihrer Eltern wird ab Heiligabend zwischen Engelsfiguren und über 100 Kerzen stehen, um von der Geburt Jesu zu künden und vom Licht, das mit ihm in die Welt kam.