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Was über die Neiße hinweg verbindet

Zahlreiche "Kleinprojekte" werden Jahr für Jahr von Polen und Deutschen umgesetzt. Manche sind prominent, über andere wächst im Stillen der Zusammenhalt.

Axel Krügers (r.) Genussfest "Coolinaria" soll zunehmend deutsch-polnisch werden. Das befürworten der Zgorzelecer Bürgermeister Rafal Gronicz und EGZ-Chefin Andrea Behr.
Axel Krügers (r.) Genussfest "Coolinaria" soll zunehmend deutsch-polnisch werden. Das befürworten der Zgorzelecer Bürgermeister Rafal Gronicz und EGZ-Chefin Andrea Behr. © Paul Glaser/Archiv

Manche blicken leicht genervt, wenn sie "Kleinprojektefonds" hören, weil die Hürden gerade für kleine Vereine hoch seien, ihre Vorhaben mit Interreg-Mitteln finanzieren zu können. Andere hingegen schwärmen von der kontinuierlich wachsenden Zusammenarbeit zwischen polnischen und deutschen Gruppen, die durch solche Förderprogramme der Europäischen Union möglich werde.

Der Weinkenner Axel Krüger zum Beispiel nutzt die Förderung durch den "Kleinprojektefonds", den die Euroregion Neiße verwaltet, als Chance, sein grenzübergreifendes Genussfest "Coolinaria" professionalisieren und vergrößern zu können. Das Fest fand in Zusammenarbeit mit dem Kühlhaus-Verein erstmals 2020 auf dem heutigen Platz der Friedlichen Revolution statt, nun wird es für den 26. Juni 2021 sehnlichst erwartet.

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Coolinaria bald abwechselnd in Görlitz und Zgorzelec

Corona zum Trotz schreibt Krüger auf der Coolinaria-Seite bei Facebook: "Wir lassen ab sofort jeden Konjunktiv weg und schreiben statt könnte, würde, wäre ab jetzt kann, werde, ist. Wir gehen bis zum Beweis des Gegenteils davon aus, dass die Coolinaria als deutsch-polnisches Wein- und Genussfest in diesem Jahr stattfindet." Das Fest wird sich bis auf den Platz vor der Post und an der Muschelminna ausdehnen.

Das deutsch-polnische Genussfestival Coolinaria kam im Juni 2020 gut bei den Görlitzern an. In diesem Jahr wird es sich vom Platz der Friedlichen Revolution bis zur Muschelminna ausdehnen.
Das deutsch-polnische Genussfestival Coolinaria kam im Juni 2020 gut bei den Görlitzern an. In diesem Jahr wird es sich vom Platz der Friedlichen Revolution bis zur Muschelminna ausdehnen. © Paul Glaser/Archiv

Es wird durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern regionale landwirtschaftliche Produkte aus einem Umkreis anbieten, der bis Bautzen, Zittau und natürlich nach Polen hinein reicht. "Und ich möchte neben Genuss auch Fachvorträge und einen Austausch über Genussthemen ermöglichen", sagt Axel Krüger. Ein Thema ist etwa der aufstrebende Weinanbau in Polen, wo viele Winzer offen sind für Sorten und Anbaumethoden, die im Klimawandel bestehen können und weitgehend ohne klassische Schädlingsbekämpfungsmittel auskommen.

Zum deutsch-polnischen Vorhaben wurde die Coolinaria vor allem, weil der Zgorzelecer Bürgermeister Rafal Gronicz im vergangenen Jahr begeistert von dem kleinen Fest war und Krüger anbot, dafür mit der Gemeinde Zgorzelec zu kooperieren. In Zukunft soll das Genussfest Jahr für Jahr im Wechsel auf der deutschen und der polnischen Seite stattfinden.

Kulturstadtverein bringt Robert Scholz groß raus

Prädestiniert für deutsch-polnische Vorhaben ist seit inzwischen fast 20 Jahren der Förderverein Kulturstadt Görlitz-Zgorzelec. Vereinsvorsitzender Matthias Krick sagt, mehrere Aktivitäten seien als Kleinprojekte bewilligt worden, lägen aber wegen Corona auf Eis oder würden deshalb ins Virtuelle verlegt. Dazu gehört die beliebte Turmtour. Waren zunächst deutsch-polnische Führungen auf die Görlitzer Türme geplant, bei denen ein Mediator dafür sorgt, dass deutsche und polnische Teilnehmer sich gleichermaßen einbezogen und als Gruppe fühlen, werden ab 2022 virtuelle Turmführungen möglich sein, bei denen das Innere der Türme während des Aufstiegs per Videokonferenz zu sehen ist und erklärt wird. Hierfür nutzt der Verein allerdings auch andere Förderquellen als den Kleinprojektefonds.

Ebenfalls ab 2022 soll eine Ausstellung auf den Spuren des Fotografen Robert Scholz zu sehen sein, der 1843 in Bunzlau zur Welt kam und 1926 in Görlitz starb. In beiden Städten hat er mit seinen Fotografien die Jahrzehnte um 1900 dokumentiert. Ursprünglich hatte der Kulturstadtverein mit seinem Bolesławiecer (Bunzlauer) Partner eine Wanderausstellung geplant, die regelmäßig bei Treffen beider Städte gezeigt werden soll. Nun wird die Ausstellung auch virtuell entstehen.

Von polnischer Seite aus zusammen mit dem Kulturstadtverein geplante Vorhaben sind ein Künstlerkatalog, in dem Bildende Künstler aus Görlitz, Zgorzelec und Umkreis online präsentiert werden sollen, sowie mehrere Online-Führer: darunter einer, der deutsch-polnische Fahrradtouren durch die Region beiderseits der Neiße vorstellt, und einer, der Kindern lokale Sehenswürdigkeiten nahebringt.

Bildungsfahrten zu Konzentrationslagern

Das Görlitzer Jugendhaus Ca-Tee-Drale bietet seit einigen Jahren mehrtägige Bildungsfahrten für Jugendliche zu Orten der Verbrechen der Nationalsozialisten an, in diesem Jahr zusammen mit einem polnischen Verein erstmals für Erwachsene.

"Auf den Spuren der Vernichtung": Besuch deutscher und polnischer Jugendlicher in der Alten Synagoge Oswiecim. Die Ca-Tee-Drale Görlitz organisiert Fahrten Jugendlicher und Erwachsener zu Konzentrationslagern.
"Auf den Spuren der Vernichtung": Besuch deutscher und polnischer Jugendlicher in der Alten Synagoge Oswiecim. Die Ca-Tee-Drale Görlitz organisiert Fahrten Jugendlicher und Erwachsener zu Konzentrationslagern. © Ca-Tee-Drale

Die Fahrt "Auf den Spuren der Vernichtung" beginnt in Görlitz im Biesnitzer Grund, am Ort eines ehemaligen Außenlagers des Konzentrationslagers Groß-Rosen, und führt nach einem Abend am ehemaligen Stalag VIIIA über Wrocław (Breslau) nach Oświęcim. Dort besucht die Gruppe die KZ-Gedenkstätten Auschwitz I und Auschwitz-Birkenau, wo zwischen 1940 und 1945 Millionen Menschen ermordet wurden. In Krakau klingt die Reise aus.

"Es gibt viele Bildungs-Tagesfahrten nach Ausschwitz", sagt Enrico Deege, Leiter der Ca-Tee-Drale. Doch ein Besuch an den Stätten der Vernichtung sei schwer zu verkraften und innerhalb eines Tages nicht zu verarbeiten. Deshalb bietet das Jugendhaus diese Mehrtagesfahrten an, auf der man sich langsam dem Thema annähern und den Besuch nachbearbeiten kann.

"Die Fahrt in diesem Oktober adressiert vor allem Multiplikatoren wie Lehrer und Sozialarbeiter", sagt Enrico Deege. "Wir stellen fest, dass die Zahl der Holocaust-Leugner auch unter jungen Menschen wächst." Die Fahrt soll Erwachsenen, die mit Jugendlichen arbeiten, die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten vor Augen führen, damit sie jungen Menschen gegenüber besser argumentieren können.

Kleinprojekte verstetigen Europagedanken im Alltag

Schließlich beantragt auch die Görlitzer Stadtbibliothek regelmäßig Fördermittel für deutsch-polnische Kleinprojekte. Seit rund zehn Jahren unternehmen die Mitarbeiter der Stadtbibliotheken Görlitz und Zgorzelec, manchmal auch des Kreises, gemeinsame Ausflüge, um einander besser kennenzulernen und den Europagedanken zu verstetigen.

Die Mitarbeiter der Görlitzer und der Zgorzelecer Stadtbibliothek unternehmen regelmäßig gemeinsam Ausflüge, meist kombiniert mit einem Bibliotheksbesuch, hier in der Bibliothek von Bolesławiec.
Die Mitarbeiter der Görlitzer und der Zgorzelecer Stadtbibliothek unternehmen regelmäßig gemeinsam Ausflüge, meist kombiniert mit einem Bibliotheksbesuch, hier in der Bibliothek von Bolesławiec. © Stadtbibliothek Görlitz

Nach Wrocław ging es und nach Krzyżowa (Kreisau), nach Bolesławiec oder zur Friedenskirche in Świdnica (Schweidnitz). Fast immer ist ein Besuch der örtlichen Bibliothek eingeplant. In Görlitz war die Gruppe unterwegs und in Dresden, eine nach Bautzen geplante Fahrt wird wegen Corona verschoben. Auch Kunstprojekte mit Workshops für deutsche und polnische Schüler oder zu Geschichtsthemen haben die Bibliotheken schon initiiert.

"Uns ist es sehr wichtig, diese Kontakte nach Zgorzelec zu pflegen und zu vertiefen", sagt Bibliotheksleiterin Ines Thoermer. "Wir verstehen uns gut und lernen einander immer besser kennen." Wenn man kleine Vorhaben über die Grenze hinweg tatsächlich gemeinsam plane und angehe, könne das gut gelingen. "Für uns Bewohner der Grenzregion ist das deutsch-polnische Miteinander ja eigentlich Alltag, zumindest sollte es das sein."

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