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Klinikumchefin Ulrike Holtzsch geht in Ruhestand

Die Görlitzerin hat die Entwicklung des Krankenhauses seit 1991 wie kein Zweiter geprägt. Und bis zuletzte noch wichtige Projekte vorangetrieben.

Ulrike Holtzsch Zeit als Geschäftsführerin des Städtischen Klinikums Görlitz endet an diesem Sonntag.
Ulrike Holtzsch Zeit als Geschäftsführerin des Städtischen Klinikums Görlitz endet an diesem Sonntag. © Foto: Klinikum/Paul Glaser

Auf das Abschiedsgeschenk wartete Ulrike Holtzsch dann doch vergeblich.

Es wäre ein Brief aus dem Sozialministerium in Dresden an die Geschäftsführerin des Städtischen Klinikums Görlitz gewesen, darin ein Fördermittelbescheid für den Neubau der Akutgeriatrie - an der Stelle, wo früher die Kinder- und Frauenklinik stand. 30 Millionen Euro soll der Bau kosten, dessen Start für 2022 und Fertigstellung für 2024 geplant ist und die Altersmedizin in Görlitz auf einen ganz modernen Standard heben würde. Beispielsweise auch dadurch, dass statt der jetzt 40 im früheren Standortlazarett künftig 60 Betten zur Verfügung stehen werden.

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Noch viele Projekte auf den Weg gebracht

Dass es mit dem Fördermittelbescheid nicht mehr ganz geklappt hat, ist zwar schade, aber kein Beinbruch für Ulrike Holtzsch, dessen Amtszeit an diesem Sonntag endet. "Hauptsache, er kommt überhaupt", sagte sie schon vor Tagen. Um gleich noch auf die weiteren Baustellen im Klinikum zu sprechen zu kommen.

So dürfte der neue, alte Haupteingang an der Girbigsdorfer Straße im Dezember dieses Jahres eingeweiht werden. Der Bau gestalte sich anspruchsvoll und schwierig, weil neue Decken eingezogen werden müssen und zentrale Versorgungsleitungen sich hier bündeln. Derzeit laufe die Entkernung. Doch mit dem Einbau eines Fahrstuhls würden künftig auch Patienten und Besucher mit Handicaps gut über den neuen Haupteingang das Klinikum erreichen.

Wo sich bis zur Einweihung des neuen Mutter-Kind-Zentrums der provisorische Kreißsaal im Zentralbau befand, richtet das Klinikum eine neue Zentralsterilisation für 4,2 Millionen Euro ein - 2,3 Millionen kommen vom Freistaat. Ende Juli oder August könnte es für die Eröffnung so weit sein.

Schließlich hat das Klinikum vier Millionen Euro vom Bund erhalten, um die Digitalisierung voranzutreiben. Und im Herbst hofft man auf eine Zusage für die Erweiterung der Krankenhausakademie, die das Klinikum für den gesamten Landkreis betreibt. "Wir werden verstärkt Personal benötigen", sagt Ulrike Holtzsch, "und wir brauchen die jungen Leute aus der Region für krisenfeste und erfüllende Berufe".

Ulrike Holtzsch (re.), hier mit Chefarzt Dr. Steffen Handstein, hat fast alle Chefärzte des Klinikums kommen sehen.
Ulrike Holtzsch (re.), hier mit Chefarzt Dr. Steffen Handstein, hat fast alle Chefärzte des Klinikums kommen sehen. © Christian Suhrbier
Frauenpower ist Ulrike Holtzsch immer wichtig gewesen.
Frauenpower ist Ulrike Holtzsch immer wichtig gewesen. © Pawel Sosnowski/80studio.net
Bei der Eröffnung des Hauses B war sie gerade mal zwei Monate im Amt.
Bei der Eröffnung des Hauses B war sie gerade mal zwei Monate im Amt. © Archivfoto: Pawel Sosnowski
Grundsteinlegung für das neue Frauen- Mutter-Kind-Zentrum im September 2017 nach schwieriger Situationen.
Grundsteinlegung für das neue Frauen- Mutter-Kind-Zentrum im September 2017 nach schwieriger Situationen. © Pawel Sosnowski/80studio.net
Welche Freude bei Ulrike Holtzsch, als Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch ihr den Fördermittelbescheid für das neue Frauen-Mutter-Kind-Zentrum überreichte.
Welche Freude bei Ulrike Holtzsch, als Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch ihr den Fördermittelbescheid für das neue Frauen-Mutter-Kind-Zentrum überreichte. © Pawel Sosnowski/80studio.net
Für einen guten Zweck setzte sich Ulrike Holtzsch auch schon mal eine Zipfelmütze auf.
Für einen guten Zweck setzte sich Ulrike Holtzsch auch schon mal eine Zipfelmütze auf. © Archivfoto: Nikolai Schmidt
Wie resolut Ulrike Holtzsch sein kann, zeigte sich auch beim ersten Baggeraushub für das Haus B.
Wie resolut Ulrike Holtzsch sein kann, zeigte sich auch beim ersten Baggeraushub für das Haus B. © Archivfoto: Pawel Sosnowski
Beim 110-jährigen Bestehen des Klinikums hielt sie die Rede in der Landskron Kulturbrauerei.
Beim 110-jährigen Bestehen des Klinikums hielt sie die Rede in der Landskron Kulturbrauerei. © nikolaischmidt.de

Klinikum dankbar für die Arbeit von Ulrike Holtzsch

Wer die 63-Jährige so über die Zukunftspläne am Klinikum reden hört, der staunt dann doch, dass sie ab Montag im Ruhestand sein wird. Doch sie hat eine einfache Erklärung dafür. "Meine Perspektive für das Krankenhaus endete nicht Ende Februar." Zusammen mit ihrer Führungscrew hat sie in den vergangenen zwei Jahren Projekte und Entwicklungen angestoßen, die über den Wechsel auf der Position des Geschäftsführers hinausweisen. Ihre Nachfolgerin Ines Hofmann sagt denn auch: "Sie hat bis zum letzten Moment an der Zukunft des Krankenhauses gearbeitet und ich bin mir sicher, dass wir auch immer wieder mal auf ihre Erfahrung zurückgreifen können. Das Haus empfindet eine große Dankbarkeit gegenüber ihr. Die Ära Holtzsch endet zwar als Geschäftsführerin, aber sie wird weiterreichen."

Als Ulrike Holtzsch nach turbulenten Wochen und Monaten im Februar 2012 vom Stadtrat zur Geschäftsführerin des Görlitzer Klinikums bestimmt wurde, da fand sie eine ganz andere Situation im größten Krankenhaus des Landkreises vor. Die Stimmung im Haus war aufgewühlt nach den knapp zweieinhalb Jahren Amtszeit ihres Vorgängers, der große Pläne hatte, aber mit untauglichen Mitteln vorgegangen war. Aber auch niedergelassene Ärzte, Pflegeheime oder Kliniken im Landkreis waren auf Abstand gegangen. Als über Nacht ihr Vorgänger ging, da blieb sie als schnelle und wie sich zeigte auch gute Wahl.

Denn niemand kennt das Krankenhaus so gut wie Ulrike Holtzsch. Die studierte Ingenieurökonomin begann nach einem kurzen Abstecher beim Arbeitsschutz 1991 im Krankenhaus. Zunächst als Controllerin, ab 1992 als Verwaltungs- und Kaufmännische Direktorin. In den Interimszeiten zwischen zwei Geschäftsführern leitete sie das Haus schon 2005 und 2008 für jeweils etwas mehr als ein Jahr. Doch erst als die Stadt zweimal mit ihrer Wahl danebenlag, kam sie zum Zuge.

Bauherrin für viele Millionen-Vorhaben

Dass sie Respekt vor dem Amt gehabt habe, gibt sie unumwunden zu. Doch zusammen mit der Pflegedienstleiterin und dem kaufmännischen Chef habe sie - frisch im Amt - gemeinsam beraten, was wollen wir erreichen und machen. Und anschließend die Belegschaft versucht, mitzunehmen. "Wenn sich alle in dem Ziel wiederfinden, dann fällt es viel leichter, Hindernisse zu überwinden, Rückschläge zu bewältigen und Kraft zu schöpfen", sagt Ulrike Holtzsch.

Das hilft auch in dramatischen Momenten. Wie beispielsweise Anfang 2014. Ursprünglich sollte da die Frauen- und Kinderklinik umgebaut werden, doch dabei merkte man, dass sie eigentlich einsturzgefährdet ist. "Schlaflose Nächte hatte ich da", erinnert sich Ulrike Holtzsch, "unser Projekt zerbröselte uns unter den Fingern". Doch auch hier gelang ihr der Befreiungsschlag mit einem Neubau, der im vergangenen Jahr eröffnet wurde. Bis es soweit aber war, machte sie eine "Talfahrt der Gefühle" durch, Oberbürgermeister Siegfried Deinege fuhr mit ihr ins Sozialministerium, um für den Bau und damit die Fördergelder zu werben. Es gelang, und so konnte sie auch ihre Geschichte als Bauherrin des Klinikums fortschreiben. Als sie anfing, war das Krankenhaus noch über sieben Standorte in der Stadt verteilt, jetzt ist es an der Girbigsdorfer Straße zentral verankert. Und für sie immer wichtig: Viele Bauaufträge gingen an Firmen aus der Region.

Als Ökonomin ist Ulrike Holtzsch natürlich froh, medizinische Kompetenz mit wirtschaftlichem Erfolg verbunden zu haben. Selbst das vergangene Corona-Jahr schloss das Klinikum mit einem Überschuss ab. Sie kann da durchaus entschlossen vorgehen, im Wege sollte man ihr nicht stehen. Doch ihr Vorgehen war auch durch die Vergleiche in wichtigen ökonomischen Kennziffern mit anderen Häusern im Clinotel-Verbund abgesichert und dadurch akzeptiert.

Görlitzerin mit Haut und Haaren

Und sie hat ihr Wirken in diesem Verbund aus 64 Krankenhäusern auch genutzt, um für Görlitz zu werben. Sie selbst stammt aus Hagenwerder, hat fast ihr gesamtes Leben in Görlitz verbracht und liebt die Stadt, die Feste, wie schön sie geworden ist. Über die Lebensqualität in Görlitz kommt sie schnell ins Schwärmen.

Dass sie eines der turnusmäßigen Treffen aller Geschäftsführer der Clinotel-Krankenhäuser in Görlitz organisierte, war für sie eine Selbstverständlichkeit. Umso mehr freut sie sich, dass sieben von ihnen anschließend noch einmal privat nach Görlitz gekommen sind. Einer reist immer wieder nach Görlitz, weil seine Mutter aus Schlesien stammt und er in Görlitz gefunden habe, wovon seine Mutter immer gesprochen hatte.

Ein Leben lang im Klinikum, das prägt. "Es ist selten heute, Gelegenheit zu haben, über so viele Jahre mit der eigenen Arbeit ein Unternehmen zu begleiten und zu gestalten", sagt sie. Und fügt lächelnd an, ihr Mann würde immer sagen: "Zuerst kommt das Krankenhaus, dann die Tochter und dann erst er." Aber das stimme natürlich nicht ganz. Doch habe das Klinikum schon eine extrem große Rolle in ihrem Alltag gespielt.

Der wird nun ganz anders sein. Malerarbeiten im Haus zu organisieren, hat ihr ihr Mann schon ans Herz gelegt, vielleicht können sie beide auch nach Corona wieder mit dem eigenen Caravan durch Europa fahren, andere Länder erkunden, lesen und dabei sich erholen. Die Hände in den Schoss legen, das ist allerdings das Letzte, was sie will. Im Kreistag wird sie weiter wirken und ehrenamtlich arbeiten. "Die Stadt verdient es", sagt sie und dürfte auch dafür schon ein paar Pläne haben.

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